Schlecker Prozess Schlecker-Chefsekretärin entlastet Drogeriemarkt-König

Anton Schlecker (Mitte) soll seinen Kindern Meike und Lars eine Reise nach Antigua bezahlt haben. Das Gericht muss unter anderem entscheiden, ob es sich dabei um ein illegales Geldgeschenk gehandelt hat.
Anton Schlecker (Mitte) soll seinen Kindern Meike und Lars eine Reise nach Antigua bezahlt haben. Das Gericht muss unter anderem entscheiden, ob es sich dabei um ein illegales Geldgeschenk gehandelt hat. © Foto: Stefan Puchner/dpa
Simone Dürmuth 04.09.2017
Nach 13 Jahren im Vorzimmer von Anton Schlecker hat die Zeugin tiefe Einblicke in die Funktionsweise des Drogeriemarkt-Imperiums.

Anton Schlecker wirkt noch ein bisschen schmaler, blasser und kleiner am ersten Verhandlungstag im Prozess gegen ihn nach der Sommerpause. Der 72-Jährige scheint schwer zu hören, immer wieder muss sein Anwalt die Aussagen der Zeugen für ihn wiederholen.

Einen Einblick ins Innere des untergegangenen Drogeriemarkt-Imperiums gibt an diesem Montag seine Sekretärin: 17 Jahre war sie für das Unternehmen tätig. Zunächst in einer Filiale, dann 13 Jahre lang als Sekretärin der Geschäftsführung. Wer wann im Büro war, wer wann mit wem gesprochen hat und wer welche Protokolle gelesen hat: An einer Chefsekretärin geht nichts vorbei.

Gericht fragt nach Reise an Weihnachten 2011

Um diese Zeugin zu hören, war das Landgericht Stuttgart wieder einmal auf Reisen gegangen. Weil sie im Rollstuhl sitzt, konnte sie nicht nach Stuttgart kommen. Zum zweiten Mal ist Richter Roderich Martis darum in Ehingen zu Gast, diesmal im kleinen Saal der Lindenhalle. Nur wenige Hundert Meter von dort entfernt, wo das Schlecker-Imperium einst seinen Anfang nahm.

Das Gericht interessiert sich bei der Befragung vor allem für eine Reise von Lars und Meike Schlecker, die mit ihren Kindern und den Kindermädchen an Weihnachten 2011 nach Antigua führte. Rund 60.000 Euro soll sie gekostet haben. „Es gab jedes Jahr eine gemeinsame Reise“, erinnert sich die 49-jährige Zeugin. Nach Antigua sollten ursprünglich auch Christa und Anton Schlecker mitfahren, sie hätten das später aber abgesagt.

Stimmt die Annahme der Staatsanwaltschaft, dass Anton Schlecker zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass es mit seiner Firma zu Ende geht, würde es sich um ein illegales Geldgeschenk an seine Kinder handeln. Der Familie Schlecker wird vorgeworfen, insgesamt rund 25 Mio. € beiseite geschafft und so dem Zugriff der Gläubiger entzogen zu haben.

Die ganze Familie war über die Firma informiert

Auch zum Vorwurf, es seien kurz nach Anmeldung der Insolvenz Ende Januar 2012 in großem Umfang Akten vernichtet worden, wird die ehemalige Sekretärin befragt. „Bei Schlecker wurde nichts in den Papiermüll geworfen, es wurde alles geschreddert“, gibt sie zu Protokoll. Regelmäßig, etwa alle sechs Monate, sei aufgeräumt worden. Sie habe zuletzt im August 2012 einiges vernichtet, als sie ihr Büro geräumt habe. Dabei habe es sich um Reiseunterlagen und Protokolle gehandelt, die keiner mehr gebraucht habe. Von einer regelrechten Schredderaktion will sie aber nichts gewusst haben. Allerdings erinnert sie sich, dass sie einmal mehrere Schreddersäcke aus einem Raum auf einem anderen Stockwerk entsorgen sollte.

Die Zeugin berichtet außerdem von regelmäßigen Besprechungen der Familienmitglieder untereinander und mit den Direktoren der verschiedenen Bereiche. Protokolle von Sitzungen seien an alle vier Familienmitglieder gegangen. Ob die auch gelesen wurde, wollte der Vorsitzende Richter Roderich Martis wissen. „Wenn sie zurück kamen, waren Notizen darauf und sie hatten Eselsohren. Ich nehme es also an“, so die ehemalige Sekretärin. Über die Belange der Firma informiert waren also alle Familienmitglieder. Das größte Gewicht habe bei allen Entscheidungen aber Anton Schlecker gehabt.

Es ist dann aber einer der letzten Sätze, den die Zeugin spricht, der für den Kern des Verfahrens relevant sein dürfte: „Ich denke, die Familie hat nicht daran geglaubt, dass es zu Ende gehen würde.“ Die Frage, wann Schlecker von der drohenden Insolvenz wusste, ist entscheidend für den Prozess. Und die Sekretärin geht sogar noch weiter: „Die Familie hat eine Chance gesehen, das Unternehmen durch die Insolvenz zu retten.“

Diese Einschätzung stützt auch eine Mitarbeiterin des Insolvenz­verwalters Arndt Geiwitz, die vom Gericht am Nachmittag als Zeugin gehört wird: „Wir alle haben geglaubt, dass es weitergehen würde.“

Neun weitere Termine bis Ende November

Der Prozess gegen Anton Schlecker und seine beiden Kinder Meike und Lars wird am kommenden Montag, 11. September, 9 Uhr fortgesetzt. Auf dem weiteren Programm steht noch die Befragung von zwei Zeugen in der Schweiz. Insgesamt sind noch neun weitere Termine bis Ende November angesetzt. mone

Themen in diesem Artikel