Warum sind Job-Bewerbungen ohne Bild und Name kaum bekannt?

KLAUS ZIMMERMANN: Das ist nicht so. Sie sind mittlerweile international nicht mehr so selten. Das hat auch seine Gründe. Zwar wissen wir über Bewerber viel mehr als früher. Dazu muss man nur ins Internet gehen. Auf der anderen Seite gibt es eine größere Sensibilität gegenüber dem Thema.

Warum haben sich Bewerberverfahren unterschiedlich entwickelt?

ZIMMERMANN: In den USA wird schon seit langem auf Bilder, Altersangaben und ähnliches mehr oder weniger standardmäßig verzichtet. Damit soll Diskriminierung verhindert werden.

Aus juristischen Gründen?

ZIMMERMANN: Es ist eher eine politische oder gesellschaftspolitische Frage. Alles soll ,politisch korrekt' sein. In Korea oder China ist das anders. Dort kann man fast alles über einen Bewerber erfragen. In China werden in Anzeigen kleine, dicke Frauen oder große, schlanke Männern gesucht.

Für was ist Anonymisierung gut?

ZIMMERMANN: Wir wissen aus der Arbeitsmarktforschung, dass alle möglichen Charakteristika unabhängig von der Leistungsfähigkeit für den Job eine Rolle spielen können. Das fängt bei Schönheit an. Ein ausländisch klingender Vorname kann dazu führen, dass man die Einladung zum Vorstellungsgespräch nicht bekommt. Das gleiche gilt für das Alter, wenn man etwa über 50 ist.

Warum bleibt es nicht jedem Unternehmen überlassen, wie es sucht?

ZIMMERMANN: Wir haben in Deutschland ein Antidiskriminierungsgesetz. Von daher sollte das erstmal juristisch gar nicht sein. Allerdings ist es nicht leicht nachzuweisen. Durch ein anonymisierte Bewerbungsverfahren kann eine Firma oder öffentliche Institution aber belegen, dass sie nicht diskriminiert und sich so zertifizieren lassen. Ökonomen wissen, wer diskriminiert, schädigt sich selbst. Die Produktivität der Arbeit leidet, wenn jemand bei höherer Fähigkeit nicht genommen wird, nur weil er einen ausländischen Vornamen trägt.

Es gibt hierzulande schon Modellversuche und Pilotprojekte. Was sind die Erfahrungen?

ZIMMERMANN: Wir haben die Erprobung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes begleitet. Auch in Baden-Württemberg gab es einen von uns wissenschaftlich begleiteten Modellversuch mit größeren und kleineren Unternehmen. Dabei wurde allerdings wenig Diskriminierung festgestellt. Dies lag aber daran, dass sich Firmen beteiligt haben, die schon von vorneherein wenig diskriminierten. Dabei haben wir herausgefunden, dass sich Interessierte eher besser überlegen, ob sie sich überhaupt bewerben sollen, sodass dann die Bewerber tatsächlich im Durchschnitt eine höhere Qualifikation als sonst aufwiesen. Außerdem konnten die Vorurteile der Personaler gegen anonymisierte Bewerbungen abgebaut werden.

Wie funktioniert eine anonymisierte Bewerbung?

ZIMMERMANN: Es gibt verschiedene Formen. So lassen sich normalen Bewerbungen auf Informationen wie Geschlecht und Alter von Hand ,bereinigen'. Das ist aber sehr aufwändig. Es gibt auch die Möglichkeit, eine separate zusätzliche Bewerbung ohne entsprechende Informationen anzufordern, die dann an die Entscheider weitergereicht wird. Die sind dann gezwungen, sich zu überlegen, auf was es wirklich ankommt. Beherrscht der Bewerber die englische Sprache? Ist ein Führerschein da? Meist gibt es enge Profile für einen Job, deren Kenntnis für eine Einladung ausreicht.

Könnte dies bei uns üblich werden?

ZIMMERMANN: Ich kann mir das sehr gut vorstellen, bis zu einer bestimmten Ebene der Verantwortung jedenfalls. Bei großen Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung gibt es ja schon in bestimmten Bereichen Praxis für Jobs der unteren und mittleren Ebenen. Nicht bei Top-Jobs. Da ist es auch wenig sinnvoll, weil man in der Regel sowieso schon weiß, um wen es sich handelt, oder es lässt sich leicht herausfinden.

Was verhindert anonymisierte Bewerbung hierzulande?

ZIMMERMANN: Die Wirtschaft hat Angst vor Bürokratisierung und den Kosten. Ich würde trotzdem keine weiteren Zwänge wie Gesetze empfehlen. Diese sind schwierig durchzusetzen. Wer Lederhosen vertreibt, will vielleicht keinen Asiaten in seiner Lederhose zeigen. Oder Sushi-Restaurants-Besitzer keine Schwarzafrikaner als Bedienung. Da könnte die Meinung sein, dies schade dem Geschäft. Das Gesetz sagt aber heute, das ist Diskriminierung. Hier sind Juristen und Ökonomen nicht immer einer Meinung.

Welche Unternehmen in Deutschland suchen anonym?

ZIMMERMANN: Die Stadt Celle, das Geschenkunternehmen Myday, die Elektrotechnik-Gruppe Bürkle & Schöck. Verschiedene Stadtverwaltungen, Landes- und Bundesministerien haben es zumindest schon gemacht. Wie es jetzt aktuell aussieht, weiß ich nicht.

Spätestens beim Vorstellungsgespräch sind die Bewerber aber dann sichtbar.

ZIMMERMANN: Stimmt. Wenn hartnäckige Vorurteile da sind, nützt alles nichts, dann wird am Schluss eben doch diskriminiert. Es geht aber darum, dass manche Bewerber oder Bewerberinnen überhaupt eingeladen werden. Wer dann da ist und bessere Deutschkenntnisse hat und vielleicht besser motiviert ist als ein Bewerber mit deutschem Namen, kann dann eher von sich überzeugen. Die meiste Diskriminierung im Einstellungsprozess findet bei der Entscheidung, wer eingeladen wird, statt. Personalchefs bekommen oft 500 Bewerber auf 10 Stellen und sortieren eben die aus, die auch nur den Anschein haben, unpassend zu sein.

Es gibt mannigfaltige Diskriminierung. Welche ist die stärkste?

ZIMMERMANN: Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Es gibt viele Untersuchungen. Gerade aktuell ist eine Studie, die zeigt, dass schöne Frauen mehr Geld verdienen. Übergewicht spielt auch eine wichtige Rolle. Vor allem aber sind es Ethnizität und Geschlechter, nach denen diskriminiert wird. Altersdiskriminierung tritt auch häufig auf. Dabei gibt es auch Überlappungen. Will man eine Frau mit ethnischen Hintergrund nicht einstellen, weil sie Frau ist? Einen ethnischen Hintergrund hat? Oder nicht in das Schönheitsbild passt?

Werden Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu wenig gefördert?

ZIMMERMANN: Verwerflich ist, dass man ihnen Chancen nicht gibt. Wir haben Fehler gemacht in der Migrationspolitik. Bei Gastarbeitern gab es keine aktive Integrationspolitik. Deshalb gibt es in der dritten Generation immer noch Integrationsschwierigkeiten. Wir brauchen in der Zukunft weit mehr Zuwanderung. Diese muss so gestaltet werden, dass sie für alle funktioniert.

Ein offen gestaltetes Einwanderungsgesetz?

ZIMMERMANN: Ja. Zunächst einmal eines, das Menschen nach ökonomischen Kriterien zuwandern lässt und nicht nach Zufall. Flüchtlinge sind ein anderes Thema oder Familienzusammenführung. Die Zuwanderung in den 60er Jahren war ja in hohem Maße zunächst einmal positiv. 100 Prozent der Menschen, die kamen, arbeiteten. Die Schwierigkeiten setzten erst 1973 ein. Danach war zunächst wegen der Wirtschaftskrise ökonomische Zuwanderung, plötzlich politisch nicht mehr gewünscht. Deshalb ist es wichtig, ökonomische Faktoren bei einer wirtschaftlichen bedingten Zuwanderung wieder zu berücksichtigen.

Sie denken an die Auswahlsysteme Kanadas und Australiens?

ZIMMERMANN: Richtig. Es geht nicht darum, keine Flüchtlinge kommen zu lassen oder Familien nicht zusammenzuführen. Wir brauchen aber auch Arbeitskräfte. Zuwanderer sollten hier deshalb arbeiten wollen und sich in die Gesellschaft integrieren. Wenn wir das wünschen, sollten wir auch die Leute nach ihren Fähigkeiten und nicht nach Zufälligkeiten auswählen. Dazu gibt es in Australien und Kanada sinnvolle Vorbilder.

Ist die Blue Card sinnvoll?

ZIMMERMANN: Sie soll eine größere Durchlässigkeit in Europa sicherstellen. Wir brauchen mehr Binnenmobilität, um einen Ausgleich der verschiedenen Arbeitsmärkte zu erreichen. Deutsche und Franzosen sind weniger bereit, über die Grenze hinweg mobil zu sein. Die nicht in der EU Geborenen sind erfahrungsgemäß im höheren Maße mobil, auch wenn sie zwischendurch Staatsbürger in einem anderen europäischen Land geworden sind. Es könnten ja mehr Spanier und Griechen bei uns arbeiten, wenn sie denn kommen würden, aber sie kommen gar nicht, jedenfalls nicht in großer Zahl.

Wieso kommen nicht die Arbeitskräfte, die wir brauchen?

ZIMMERMANN: Es ist in der Welt ziemlich unbekannt, dass man mit einer guten Ausbildung in Deutschland leicht arbeiten kann. Deshalb müssen wir auch für Qualifizierte unter den Flüchtlingen dankbar sein, die sich unabhängig von ihrem Asylverfahren weiterqualifizieren lassen.

Berater der Weltbank

Zur Person Klaus Zimmermann ist Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn und Direktor des Instituts zur Zukunft (IZA) der Arbeit in Bonn und Berater der Weltbank. Das IZA koordiniert das größte Forschungsnetzwerk der Ökonomie mit rund 1500 Wissenschaftler aus mehr als 50 Ländern. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Statistik an der Universität Mannheim. Von 2000 bis Februar 2011 war er Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Er war Berater zahlreicher nationaler Regierungen. Zimmermann ist 1952 in Göppingen geboren, verheiratet und hat zwei Kinder.