Wolfsburg/Rom "VW richtet Blutbad an"

Martin Winterkorn (links) contra Sergio Marchionne: Die Chefs von VW und Fiat haben unterschiedliche Ansichten zum Thema Rabatte. Fotos: dpa
Martin Winterkorn (links) contra Sergio Marchionne: Die Chefs von VW und Fiat haben unterschiedliche Ansichten zum Thema Rabatte. Fotos: dpa
Wolfsburg/Rom / DPA 28.07.2012
Auf dem Automarkt wird der Ton schärfer. Fiat wirft VW vor, mit aggressiven Rabatten ein "Blutbad" anzurichten. Während VW gut dasteht und wächst, kämpft unter anderem Fiat mit Überkapazitäten.

Mitten in der Absatzkrise auf dem europäischen Automarkt ist zwischen Branchenführer Volkswagen und dem angeschlagenen Autobauer Fiat ein massiver Streit entbrannt. VW forderte den Vorsitzenden des europäischen Autohersteller-Verbandes Acea, Fiat-Chef Sergio Marchionne, zum Rücktritt auf. Marchionne sei als Präsident des Verbandes untragbar und solle gehen, erklärte VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem.

Hintergrund ist ein von der "New York Times" zitierter Vorwurf Marchionnes, Volkswagen betreibe eine rücksichtslose und zerstörerische Preispolitik. "Bei der Preisgestaltung gibt es ein Blutbad. Das ist ein Blutbad bei den Margen", wurde Marchionne zitiert. Indem die Wolfsburger aggressive Rabatte gewährten, nutzten sie die Krise, um Marktanteile zu gewinnen.

Die EU-Kommission nahm in dem Streit Volkswagen in Schutz. "Mir sind keinerlei Hinweise auf Ausnutzung der marktbeherrschenden Stellung oder unfaire Geschäftspraktiken von Volkswagen bekannt", sagte ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia. Die EU-Kommission könne den Fall nicht weiter kommentieren, da sie keine Details kenne.

Von Fiat oder Marchionne gab es zunächste keine Reaktion auf die Aussagen von VW. VW-Kommunikationschef Grühsem erklärte, angesichts der Äußerungen Marchionnes sei auch ein Austritt aus dem Acea eine Option für Volkswagen.

VW ist ein Schwergewicht in dem Verband. Der 1991 gegründete Autobauer-Verband Acea vertritt die Interessen von 16 Herstellern von Autos, Lastwagen und Bussen auf europäischer Ebene und gilt als einflussreicher Verband.

Fiat leidet unter massiven Absatzproblemen. Marchionne wiederum ist für markige Aussagen bekannt. So hatte er Anfang des Jahres gefordert, Europa brauche einen zweiten starken Autobauer und damit ein Gegengewicht zu VW. Anfang 2011 hatte der Fiat-Chef aus Ärger über ein angebliches Werben von VW um Alfa Romeo Interesse an den beiden VW-Beteiligungen MAN und Scania bekundet, dies aber wenig später als "Witz" bezeichnet.

Der Konflikt zwischen VW und Fiat kommt zu einer Zeit, in der der Fahrzeugmarkt in der EU seit Monaten auf Talfahrt ist - vor allem in den Euro-Krisenländern Spanien und Italien, aber auch in Frankreich. Dies trifft die Hersteller hart, die von Europa abhängig sind, neben der europäischen Nummer 2 PSA Peugeot Citroën sind dies auch Opel und Fiat. Sie kämpfen mit Überkapazitäten. Der VW-Konzern dagegen ist dank seiner breiten Aufstellung und der Stärke vor allem in China und den USA auf Erfolgskurs.

Um die Kunden zu locken, sind derzeit alle Hersteller auf dem europäischen Automarkt mit Rabatten unterwegs, auch in Deutschland. Die Kundenvorteile für Autokäufer hätten ein Rekordniveau erreicht, hieß es in einer Studie des CAR-Centers der Universität Duisburg-Essen. Das Rabattniveau zeige, dass der deutsche Automarkt in den nächsten Monaten vor einer Rezession stehe. Der bisher ertragreiche Markt Deutschland werde für immer mehr Hersteller zu einem "Verlustmarkt". Die durchschnittlichen Rabatte für die 30 beliebtesten Neuwagen im Privatkundenmarkt seien im Vergleich zum Juni um einen Punkt auf 19 Prozent gestiegen. Zu Jahresbeginn lag der durchschnittliche Nachlass noch bei 15,9 Prozent.

Die höchsten Preisabschläge seien für den Fiat Punto (30,6 Prozent), den Opel Corsa (31,3 Prozent) und den Opel Astra (30,9 Prozent) ermittelt worden. Auch VW biete hohe Rabatte.

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