Börse „Voll in der Korrekturphase“

Bilddfdfzeile
Bilddfdfzeile © Foto: Oddo Seydler
Frankfurt / Rolf Obertreis 06.11.2018

Die Aktienkurse sind bis auf wenige Unterbrechungen in den vergangenen Monate nach unten gegangen. Oliver Roth, Börsenchef vom Bankhaus Oddo Seydler, glaubt, dass die Flaute noch sechs bis zwölf Monate anhalten wird.

Herr Roth, haben wir nach den Kursrückgängen der vergangenen Wochen das Schlimmste überstanden?

Oliver Roth: Das glaube ich nicht. Die Nervosität ist weiter hoch.

Warum?

In den USA steigen die Zinsen, und die Politik der Regierung, insbesondere die Handelsstreitigkeiten mit China und den USA, belasten den Aktienmarkt. Beides sind Gründe für die große Unsicherheit und die Talfahrt der Kurse. Auch die ungelösten Details des Brexit sorgen für Unruhe. Und dann ist da noch der Konflikt in der Eurozone über die Haushalts- und Schuldenpolitik in Italien.

Aber das sind doch keine neuen Entwicklungen?

Das stimmt. Aber derzeit spielt der überdeutlich gewordene Trend hin zu einem Zinswechsel die entscheidende Rolle. In den USA ist er im Gange, in Europa steht er im nächsten Jahr an. Steigende Zinsen sind schlecht für Aktien.

Weil die Anleger verkaufen?

Ja. Sie gehen raus aus Aktien und kaufen Anleihen. Zehnjährige US-Staatsanleihen sind mittlerweile bei Renditen von mehr drei Prozent wieder attraktiv. Bei zehnjährigen Bundesanleihen hält sich das mit knapp 0,5 Prozent in Grenzen. Aber sie bieten Sicherheit.

Ist die Talfahrt des Dax auf ein Zwei-Jahres-Tief mittlerweile nicht übertrieben?

Nein. Die Angst davor, dass sich die politischen Belastungen verschärfen, ist größer als die Erwartung einer Entspannung. Das führt zu Vorsicht und damit zum Ausstieg aus dem Aktienmarkt. Die massive Verunsicherung wird vorerst anhalten.

Muss der Brexit wirklich so große Sorgen machen?

Ja, wenn er ungeordnet erfolgt. Das hätte Folgen für die Wirtschaft, die Unternehmen und für die Finanzmärkte, die derzeit schwer abzuschätzen sind.

Die Entwicklungen rund um Saudi-Arabien spielen wohl auch eine Rolle?

Eher weniger. Belastende Themen haben wir genug. Dazu gehört auch der steigende Ölpreis, der Einfuhren und Energie verteuert und damit die Kosten der Unternehmen treibt.

Wie sehen Sie die Schwierigkeiten bei Konzernen, zum Beispiel bei Bayer?

Das sind Einzelthemen, durch die aber zusätzlich Öl ins Feuer gegossen wird. Zumal Bayer auch noch zu den Schwergewichten im Dax zählt.

Sie bleiben insgesamt skeptisch.

Wir stecken voll in einer Korrekturphase. Und die ist noch nicht abgeschlossen. Ich halte das nicht für übertrieben. Die Übertreibungen gab es vorher.

Warum?

Viele der Themen, die heute als Belastungen gelten, lagen damals schon auf dem Tisch: Die Handelskonflikte und der Brexit. Das wurde ignoriert. Allerdings war der Anstieg der Zinsen in den USA noch nicht so deutlich erkennbar.

Dominiert wird die Talfahrt derzeit von professionellen Anlegern wie Fonds und Versicherungen, oder?

Ja, wobei die ganz großen Spieler noch gar nicht agiert haben. Wenn sie handeln, kann es mit den Kursen noch deutlich weiter nach unten gehen.

Was ist mit den Privatanlegern?

Die haben noch gekauft, als sich die Profis schon zurückgehalten haben. Die sind schon zum Jahresanfang vorsichtiger geworden.

Sollten Kleinanleger jetzt verkaufen?

Wenn sie damals bei einem Dax-Stand von 5000 gekauft haben, sollten sie verkaufen und Gewinne sichern. Das kann nie schaden. Wer erst bei 12 000 Punkten eingestiegen ist, sollte noch warten. Zumindest aber sollten Kleinanleger „Stop Loss“-Grenzen einziehen, um die Verlustgefahr zu begrenzen.

Es gibt also keine Rally zum Jahresende, wie manche Experten meinen?

Es kann eine Rally geben – von 10 500 auf 11 200 im Dax. Im Ernst: Bis Jahresende bleibt der Markt unter Druck.

Wird der Dax in diesem Jahr mit einem Minus abschließen?

Bestimmt.

So schlecht stehen deutsche Unternehmen und auch die Weltwirtschaft nicht da. Also müsste es 2019 doch wieder besser laufen?

Die goldenen Zeiten für Aktien sind für die nächsten sechs bis zwölf Monate erst einmal vorbei. Und dann muss man schauen, wohin sich die Zinsen bewegt haben und was aus dem Brexit und den Handelskonflikten geworden ist. Erst wenn sich hier Entspannung abzeichnet, kommen wir in ruhigeres Fahrwasser.

Aber 12 000 oder gar 13 000 Punkte sehen Sie erst einmal nicht mehr?

Das hängt davon ab, wie hoch die Wellen weiter schlagen. Wir werden uns erst einmal mit deutlich niedrigeren Niveaus abfinden müssen. Vorsicht und Zurückhaltung sollte derzeit die Devise sein.

Vom Fußballplatz aufs Börsenparkett

Oliver Roth, Börsenchef vom Bankhaus Oddo Seydler, ist seit Jahrzehnten täglich auf dem Börsenparkett und damit ein exzellenter Kenner. Er hat schon im Sommer vor Übertreibungen gewarnt. Jetzt macht der 50jährige Ex-Fußball-Profi Anlegern wenig Hoffnung.

361
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel