Für die Mobilität mit Wasserstoff machen Experten des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung in Ulm (ZSW) den Weg frei. Obwohl erst wenige Fahrzeuge mit dem alternativen Kraftstoff unterwegs sind, gibt es immer mehr Zapfsäulen. Spezialisten wie Markus Jenne haben an der Betankungstechnologie für die emissionsfreie Brennstoffzelle mitgearbeitet.

Wie sind ihre Erfahrungen mit Wasserstoff-Stationen?

Markus Jenne: Die Betankung lässt sich in drei Minuten schnell und einfach durchführen und es gibt deutschlandweit ein einheitliches Bezahlsystem. Dadurch hebt sich die Technologie entscheidend von der Elektroladelandschaft ab. In Bezug auf Benutzerfreundlichkeit lassen sich noch Kleinigkeiten verbessern, so die Aufhängung der Zapfpistole, oder die visuelle Anzeige, wenn die Betankung beendet ist. Die am Aufbau der H2-Infrastruktur beteiligten Firmen haben das erkannt.

Wie klappt es mit der Station am ZSW in Ulm?

Bei der Verfügbarkeit zeigt diese H2-Tankstelle mit über 95 Prozent sehr gute Werte. Im Störungsfall sind die Servicepartner dabei, noch schneller zu reagieren, wodurch die Verfügbarkeit in Richtung 100 Prozent steigen könnte.

Wie weit ist die Entwicklung von Wasserstoff-Fahrzeugen gediehen?

2016 waren bereits rund 5000 emissionsfreie und damit klimafreundliche Brennstoffzellenautos weltweit unterwegs. Sie können diese erwerben oder leasen: den Toyota Mirai, den Hyundai iX35 Fuel Cell (demnächst abgelöst vom neuen Tucson), den Symbio Fcell Kangoo sowie den Honda Clarity (in Japan und USA, in D auf Anfrage). Ab 2018 wird Daimler seinen GLC F-Cell anbieten. Die Preise beginnen für den Hyundai bei 48 000 €.

Warum sind so wenig Wasserstoff-Autos unterwegs?

Es ist das berühmte Henne-Ei-Prinzip: Weil die Infrastruktur fehlt, gibt es wenig Autos – und umgekehrt. Die Tankstellen-Pächter verdienen auch nichts bei der Betankung. Außerdem ist der Preis für ein Fahrzeug noch sehr hoch.

Die ZSW-Forscher fahren selbst so ein Auto. Wie lautet ihr Fazit?

Unsere Erfahrungen mit der „Daimler B-Klasse Fcell“, seit sechs Jahren auf der Straße, sind durchaus positiv, auch bei längeren Touren mit Tankstopp. Die Bedienung und Fahrweise sind für einen Prototypen überraschend gut. Für die neuen Serienfahrzeuge werden sicherlich viele Überarbeitungen vorgenommen. So ist beispielsweise die Reichweitenanzeige bei den ersten Fahrten stark verunsichernd weil schwankend. Persönlich habe ich einen Toyota Mirai einmal rund durch Österreich gesteuert und war vollauf begeistert. Einen Hyundai iX35 durfte das ZSW für Probefahrten benutzen, auch hier kann man getrost von einem sehr guten und reifen Serienfahrzeug sprechen.

Welche Perspektive sehen Sie für den regenerativen Kraftstoff?

Als kohlenstofffreier Energieträger kann Wasserstoff einen wesentlichen Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen und zum Klimaschutz leisten. Wasserstoff kann einfach und regenerativ in großen Mengen über Elektrolyse hergestellt werden. Unser Ulmer Vorstand Professor Werner Tillmetz hat ausgerechnet, dass mit dem 2016 wegen Abschaltungen nicht erzeugten Solar- und Windstrom 500 000, mit dem exportierten Überschussstrom sogar 7 Mio. Brennstoffzellenfahrzeuge das ganze Jahr hätten betrieben werden können. Ferner ermöglicht die hohe Betankungsgeschwindigkeit, dass Elektromobilität für den Überlandverkehr wie heute gewohnt möglich wird. Wasserstoff-Elektromobilität (Langstrecke) wird komplementär zur Batterie-Elektromobilität (Kurzstrecke) den Markt der heutigen Dieselfahrzeuge übernehmen, so meine Überzeugung.

Eignet sich Wasserstoff als Kraftstoff in großem Stil?

Wasserstoff wird bereits seit 100 Jahren unter anderem in der chemischen Industrie in sehr großen Mengen industriell hergestellt. In Deutschland ist der vertankte Wasserstoff schon bald zu 100 Prozent grün, weltweit ist die regenerative H2-Erzeugung im Aufschwung. Mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien steht in absehbarer Zeit genügend regenerativer (Überschuss-)Strom für die Mobilität zur Verfügung.

Mitarbeiter im ZSW


Der Ingenieur Markus Jenne (44) hat in Konstanz Maschinenbau studiert, er gehört seit 2008 zur Mannschaft des ZSW in Ulm. Er arbeitet im Fachgebiet Brennstoffzellen-System und ist auch zuständig für Wasserstofftankstellen und -qualität sowie die Betankungsabnahme. Das 1989 gegründete ZSW, eine Stiftung bürgerlichen Rechts, gilt mit seinen 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern plus 90 studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräften als eines der führenden europäischen Energieforschungsinstitute. hgf