Reiche, die ihr Geld in Briefkasten-Firmen auf Panama verstecken: Die Entrüstung darüber ist groß. Karl Homann (72) kann das verstehen. Aber als Wissenschaftler, der sich mit Fragen beschäftigt, was moralisch gut und schlecht ist, hat er einen weiterreichenden Blick. "Gesellschaften und ihre Wertmaßstäbe verändern sich nur sehr langsam", sagt er auf einer Tagung der Akademie für politischen Bildung in Tutzing.

Deshalb haben ihn die Panama-Papers weniger überrascht als dass die Schweiz und Liechtenstein inzwischen das Bankgeheimnis im Dienste der Steuervermeidung aufgegeben haben. "Das hätte ich mir vor 25 Jahren nicht vorstellen können", sagt Homann. Was hat diesen Fortschritt bewirkt? Einzig und allein die von den USA angedrohte Kappung der Geschäftsbeziehungen mit Banken, die weiter bei der Steuerflucht behilflich sind: "Moral geht nicht ohne Sanktionen."

Moral und ethisches Handeln - wie verträgt sich das mit Wirtschaft allgemein und mit der Marktwirtschaft im Besonderen? Der übliche und vielfach kritisierte Zusammenhang geht ja so: Die Gier, der Egoismus, die Rücksichtslosigkeit - das Schlechte im Menschen schlechthin - ist eine Folge des Kapitalismus. Wo bleibt in diesem System der Mensch, die Menschlichkeit? Dass sich diese Frage ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch des Sozialismus wieder stellt, ist für Homann bemerkenswert - und verstörend zugleich.

Denn seine Antwort ist heute wie damals die selbe. Er formuliert sie in provozierenden Thesen. Und er fasst das große Missverständnis so zusammen: "Wir sollten nicht kollektive Systeme mit unseren individual-moralischen Kategorien angehen; das geht immer schief." Die Philosophie unterscheidet zwischen der "Tugendethik" und der "Ordnungsethik". Kollektive Systeme - hier die Marktwirtschaft - und der Mensch, der edel, hilfreich und gut sein soll, sind für Homann zwei unterschiedliche Ebenen.

Der moralisch handelnde Mensch ist Sankt Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt. Die überlegene Moral einer Ordnung zeigt sich darin, dass sie mehr Mäntel produziert. Vom Teilen profitieren nur wenige, vom System des Wettbewerbs aber alle. Deshalb ist für Homann auch die Marktwirtschaft "der institutionelle Weg der Menschenliebe". Wo es keine Marktwirtschaft gibt, gibt es immer Hunger und Armut. Mit der Auszeichnung dieser Moral tut man sich schwer. "Die katholische Kirche hat noch nie einen Unternehmer heilig gesprochen", sagt Homann.

Wenn sich Menschen oder Organisationen Ziele setzen (etwa Frieden, weniger Armut, mehr Umweltschutz - wer würde dies nicht wollen?), werden sie bei der Umsetzung mit knappen Ressourcen konfrontiert: Es ist nicht genug da für alle. Die Pflicht zum vereinbarten Verhalten ist dahin, das Sprichwort kennt dies als "Hannemann, geh' Du voran!". Jeder schaut, dass er nicht zu kurz kommt.

Die individual-moralische Empfehlung, die der Philosoph Immanuel Kant dem Einzelnen ans Herz legt, versagt an dieser Stelle ebenso wie eine zweite berühmte Denkschule. Karl Marx wusste sehr wohl, dass es nicht die bösen Kapitalisten waren, welche die Arbeiter ausbeuteten, sondern dass der Wettbewerb sie dazu zwang. Also schaffte der Marxismus den Wettbewerb ab - und mit ihm leider auch seine Vorteile für Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Am Ende stand zwangsläufig die sozialistische Diktatur.

Der dritte Ansatz, der wirtschaftlich überzeugt, ist für Karl Homann auch aus ethischer Sicht überlegen - gerade weil er nicht auf Moral baut, sondern auf das Eigeninteresse des Einzelnen. Dass beides nicht im Widerspruch steht, sondern zwei Ebenen sind, "ist im Grunde trivial", sagt Homann. Gleichwohl stellt er fest, dass sich die philosophische Ethik um diese Unterscheidung wenig kümmert. "Dieses zweistufige Modell von moralischer Verpflichtung ist bislang nicht aufgegriffen worden."

Ein Wirtschaftssystem kann demnach moralisch sein, auch wenn es nicht auf die individuelle Moral abhebt. Homann spricht von der "Moral ohne moralisch Motivation". Der einzelne Unternehmer hat nur seinen Gewinn im Blick. Er handelt dennoch moralisch, weil die marktwirtschaftliche Ordnung ihm und allen anderen die Regeln setzt und so zu jener Solidarität zwingt, die er individuell nicht aufbringt. Marktwirtschaft ist nicht umsonst auf starken staatlichen Regelrahmen angewiesen - so wie das Fußballspiel auf Regeln und Schiedsrichter.

Profitstreben oder Gier ist deshalb erlaubt, gar "eine moralische Pflicht", weil sie zum besten Ergebnis für das Gemeinwohl führt. Der Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith hat dies schon vor 200 Jahren mit dem berühmten Satz ausgedrückt: Nicht der Mildtätigkeit des Bäckers ist es zu verdanken, dass wir satt werden, sondern seinem Interesse, ein gutes Produkt herzustellen und zu verkaufen.

Dieses normative Leitbild ist aus dem Bewusstsein verschwunden. An seine Stelle sind Rechtfertigungen getreten. Demnach ist Marktwirtschaft nur moralisch zu rechtfertigen, wenn sie um das "Soziale" ergänzt wird. Für den Ordnungsethiker Homann liegt hier ein theoretisches Missverständnis vor, das weitreichende Folgen in der politischen Praxis hat. Im Namen der "sozialen Gerechtigkeit" werden andauernd neue Einzelinteressen bedient.

Der große Ökonom Joseph A. Schumpeter hat dies in einem Bild verdeutlicht: Sozialpolitik sollte wie die Bremse im Auto sein, sie verlangsamt das Fahrzeug. Der Sinn einer guten Bremse liege aber darin, dass man im Normalfall schneller fahren kann als ohne sie.

Zur Person und zum Werk

Karl Homann (72) war bis 2008 Inhaber des Lehrstuhls Philosophie und Ökonomik an Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Er war der erste Lehrstuhlinhaber für das Fach Wirtschafts- und und Unternehmensethik in Deutschland. Homann ist gewissermaßen der geistige Vater des 1998 gegründeten Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik und Vorsitzender von dessen Stiftungsrat.

Publikationen: "Einführung in die Wirtschaftsethik" (2004) oder "Ökonomik - Eine Einführung" (2005). hes

SWP