Sie sind seit rund 100 Tagen im Amt. Haben Sie die Antrittsbesuche alle gut hinter sich gebracht?

ROMAN ZITZELSBERGER: Ja, die sind bisher gut verlaufen. Ich war schon bei fast allen 27 IG-Metall-Verwaltungsstellen in Baden-Württemberg und in einigen Betrieben. Es gab Gespräche mit dem Ministerpräsidenten und seinem Stellvertreter, mit Vertretern aus Ministerien und Arbeitgeberverbänden. Insofern habe ich einen guten Überblick über meine Aufgabenstellung gewonnen.

Die Mindestlohndebatte in Berlin zog sich hin, sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

ZITZELSBERGER: Es ist gut, dass man sich grundsätzlich auf einen Mindestlohn verständigt hat. Die Ausnahmeregelung für Unter-18-Jährige halte ich allerdings für Quatsch. Es gibt Gesetze gegen Diskriminierung, und auch die IG Metall schafft es seit Jahrzehnten, Jugenddiskriminierung aus den Tarifverträgen herauszuhalten. Jetzt soll es plötzlich wieder Lohnabschläge für junge Menschen unter 18 geben. Die Begründung, nämlich, dass Jugendliche besser bezahlte Einfachsttätigkeiten einer Ausbildung vorziehen würden, halte ich für abenteuerlich.

Die Rente mit 63 Jahren ist beschlossene Sache. Wieviele Mitarbeiter betrifft das in der Metall- und Elektroindustrie im Südwesten?

ZITZELSBERGER: Dazu haben wir keine eigenen Zahlen. Das Bundesarbeitsministerium geht davon aus, dass für die Rente ab 63 nach mindestens 45 Beitragsjahren über alle Branchen bundesweit pro Jahr in etwa 200 000 Menschen in Frage kommen. Mich ärgert die Debatte über das Thema.

Inwiefern?

ZITZELSBERGER: Damit hat eine Verunglimpfung der Menschen begonnen, die ihre Lebensleistung erbracht und 45 Jahre oder länger in den Betrieben gearbeitet haben. Jetzt wirft man ihnen vor, die Rentenkasse zu Ungunsten der Jüngeren zu plündern. Das ist eine Unverschämtheit, zumal die Regelung nur übergangsweise gilt.

Wird die Regelung in den Belegschaften ohne Murren akzeptiert?

ZITZELSBERGER: Im vergangenen Jahr haben wir die Beschäftigten vor dem Hintergrund der Leistungsverdichtung gefragt, wie sie ihre Zukunft sehen und ob sie glauben, bis zur Rente durchzuhalten. Vor allem aus dem Bereich der angelernten Beschäftigten fürchtete fast die Hälfte, den wachsenden Anforderungen bis zur Rente nicht mehr standhalten zu können. Das ist ein deutliches Signal dafür, dass wir für Ältere einen ordentlichen Übergang aus den Betrieben brauchen. Und damit meine ich nicht, dass sie sich noch über die Ziellinie retten, sondern sie sollen halbwegs gesund in den Ruhestand kommen und diesen auch genießen können. Da ist die Rente ab 63 als Zwischenschritt eine akzeptable Lösung.

Wie groß ist der Anteil der An- und Ungelernten in der M+E-Industrie?

ZITZELSBERGER: Das sind rund 20 Prozent. Dabei muss man aber zwischen Ungelernten ohne Berufsabschluss und Angelernten unterscheiden, die nur berufsfremd eingesetzt werden. Zum Beispiel ein Metzger, der bei Daimler am Band arbeitet. Wir haben in Baden-Württemberg vergleichsweise viele angelernte Beschäftigte, die in der industriellen Massenproduktion tätig sind, etwa bei Autoherstellern und Zulieferern, aber auch bei Haushaltsgeräteherstellern. Damit es diese Jobs weiter gibt, ist Produktivität das Zauberwort.

Das bedeutet im Klartext, die Leistung muss immer mehr steigen.

ZITZELSBERGER. Deshalb befinden wir uns ständig im Spannungsverhältnis zwischen Leistungsanforderungen an die Beschäftigten auf der einen und Fragen der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit bis ins Alter auf der anderen Seite.

Was ist die größte Baustelle in der M+E-Industrie im Land?

ZITZELSBERGER: Ein Topthema zu nennen ist schwierig. Unsere Liste ist lang, Werkverträge spielen aber sicher eine große Rolle. Und zwar auf drei Ebenen: Erstens würden wir solche Arbeitsverhältnisse gerne tarifvertraglich regeln. Zweitens versuchen wir, die Werkvertragsarbeitnehmer zu organisieren und auf die Werkvertragsunternehmen einzuwirken, zum Beispiel bei industriellen Dienstleistern wie Voith Industrial Services. Dort wollen wir bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen und haben schon erste Erfolge. Bei Voith Industrial Services in Böblingen hat unsere Liste bei den Betriebsratswahlen auf Anhieb die meisten Stimmen erhalten.

Und die dritte Ebene?

ZITZELSBERGER: Es reicht bei weitem nicht, was zu Werkverträgen im Koalitionsvertrag steht. Wir brauchen nicht nur ein paar Informationsrechte für Betriebsräte, sondern wir brauchen ein echtes Mitbestimmungsrecht bei der Frage, was fremd vergeben wird, an wen und zu welchen Bedingungen.

Hilft es Ihnen im Sinne einer Signalwirkung, wenn Daimler Mitarbeiter aus Werkverträgen fest übernimmt?

ZITZELSBERGER: Also, vielleicht mal zur Ehrenrettung: Daimler benimmt sich in dieser Hinsicht da nicht unanständiger als andere. Der Konzern ist einfach nur ein sehr prominentes Beispiel. Die anderen großen deutschen Autohersteller sind aber mindestens genauso unterwegs. Tatsache ist aber auch, dass das Thema bei Daimler nicht gelöst ist. Der Gesamtbetriebsrat wollte eine Vereinbarung zum fairen Umgang mit Werkverträgen und Leiharbeit im Unternehmen. Bisher gibt es nur an einzelnen Standorten Übernahme-Regelungen. Das ist aber natürlich besser, als wenn gar nichts passiert wäre.

Richten wir den Blick auf die nächste Tarifrunde. Wie weit sind die Vorgespräche mit den Arbeitgebern, welche Reibungspunkte zeichnen sich ab?

ZITZELSBERGER: Über das Entgelt zu reden, ist eindeutig zu früh. Ab Oktober werden wir uns die wirtschaftliche Situation genauer anschauen. . .

. . .weil die IG Metall ein gebranntes Kind ist? Es musste ja schon mal eine Lohnforderung deutlich zurückgenommen werden, weil die Konjunktur einbrach.

ZITZELSBERGER: Ja, das war 2008, als wir mit Vollgas in die Garage fahren mussten. So etwas macht man schlauerweise nicht allzu oft, obwohl wir das damals ganz gut hingekriegt haben. Aber deshalb bespricht man solche Dinge besser zeitnah. Aus heutiger Sicht kann noch niemand vernünftig sagen, wie sich die Konjunktur, die Preise und die Produktivität 2015 wohl entwickeln werden. Wenn es aber weiter so positiv läuft wie zurzeit, dann sehe ich keinen Grund für Zurückhaltung bei der Lohnforderung.

Und was sind die Themen abseits der Frage nach den zusätzlichen Lohnprozenten?

ZITZELSBERGER: Wir haben schon im Jahr 2012 mit den Arbeitgebern vereinbart, dass wir uns gemeinsam Themen wie den demographischen Wandel, die Fachkräftesicherung und die Wettbewerbssituation anschauen werden. Aber auch die Frage, wie es uns gelingen kann, einfache Arbeiten in den Betrieben zu halten und Berufseinstiege für junge Menschen zu schaffen, die nicht direkt aus der dualen Ausbildung kommen. Zu solchen Themen machen wir derzeit bundesweit mit den Arbeitnehmern eine Bestandsaufnahme außerhalb des Tarifgetümmels.

Alles Themen, die den Betrieben ohnehin auf den Nägeln brennen sollten.

ZITZELSBERGER: Klar, und da schließt sich der Kreis: Auf der einen Seite müssen wir für die Menschen anständige Ausstiege aus dem Berufsleben ermöglichen, uns aber auf der anderen Seite intensiv mit Fachkräftesicherung beschäftigen. Bisher lag unser Fokus vor allem auf der beruflichen Erstausbildung. Die bleibt weiterhin wichtig. Um die Altersabgänge abzufangen, müssen wir aber zusätzlich auch die berufliche Qualifizierung von Ungelernten angehen, also auf diejenigen zurückgreifen, die heute schon gute Arbeit machen, aber noch keine Ausbildung haben.

Zur Person vom 5. April 2014