Lebensmittel Interview mit Foodwatch: „Nur billig will niemand“

Berlin / André Bochow 15.05.2017

Vor 15 Jahren gründete der ehemalige Greenpeace-Geschäftsführer Thilo Bode unter dem Eindruck der BSE-Krise die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Nun wurde Bode Chef von Foodwatch International, während die Mutterorganisation nun von Martin Rücker geleitet wird.

Bestimmen Lobbyisten, was auf unsere Teller kommt und was wir über unser Essen wissen dürfen? So steht es bei Ihnen im Internet.

Martin Rücker: Angaben über die Inhaltsstoffe findet man noch auf der Packung. Wenn auch oft im Kleingedruckten. Woher die wichtigsten Zutaten kommen, erfährt man meistens schon nicht. Bei Tierprodukten auch nicht, ob Agrargentechnik eine Rolle gespielt hat. Nährwertangaben sind irreführend dargestellt.

Auffällig sind die vielen Gütesiegel.

Ihre Zahl im Lebensmittelbereich ist vierstellig. Viele Siegel sind reine Werbebuttons, andere sogar irreführend. Wir wollen keine Beipackzettel für Lebensmittel und keine Siegelschwemme auf den Produkten, sondern eine überschaubare Zahl einheitlicher, nachvollziehbarer Informationen. Aber das scheut die Lebensmittelindustrie wie der Teufel das Weihwasser.

Wenn es um Gesetze geht,  hat sich nicht viel getan. Oder?

Jedenfalls nicht genug. Wir brauchen aber nicht mehr Gesetze, sondern bessere. Was schwer zu verstehen ist: Grundsätzlich akzeptiert das Lebensmittelrecht sowohl in Deutschland als auch in Europa weder Gesundheitsgefahren noch Verbrauchertäuschung. Durch viele Spezialgesetze und Verordnungen werden aber diese Ziele des Lebensmittelrechts unterlaufen.

Was heißt das in der Praxis?

Eigentlich dürften Lebensmittel nicht gesundheitsgefährdend sein. Dennoch werden Zusatzstoffe zugelassen, die äußerst bedenklich sind. Eigentlich darf es auch keine Irreführung geben – ist aber Alltag im Supermarkt. Wenn zum Beispiel auf einer Verpackung steht: ‚Ohne Geschmacksverstärker‘, dann erwarten die Verbraucher, dass da keine Geschmacksverstärker drin sind. Reines Glutamat etwa darf dann auch nicht drin sein – dafür aber Hefeextrakt. Hefeextrakt enthält auch Glutamat und andere geschmacksverstärkende Substanzen, gilt aber als Zutat und nicht als Zusatzstoff. Deshalb darf vorne drauf stehen: „Ohne Geschmacksverstärker“ – eine klare Irreführung. Aber legal.

Foodwatch kritisiert sehr die Lebensmittelwerbung, die direkt Kinder anspricht.

In der Lebensmittelbranche erzielt man mit Obst und Gemüse vielleicht eine Gewinnmarge von 5 Prozent. Mit Süßigkeiten, Salzgebäck oder Softdrinks kann man Umsatzrenditen von 10 oder 15 Prozent erzielen. Entsprechend sind die Werbeetats für ungesunde Produkte viel höher. Und da sind die Kinder eine wichtige Zielgruppe. Selbst wenn die Werbung nicht täuscht, haben wir hier ein Problem: Es werden fast ausschließlich unausgewogenen Produkte gezielt an und für Kinder vermarktet. Die Kinder werden so in ihrem Essverhalten konditioniert. Notfalls wird mit Spielzeug als Essprämie nachgeholfen. Die Ergebnisse sind Übergewicht und später Diabetes.

Aber Kinder haben Eltern. Die wissen doch, dass Fastfood und Popcorn keine gesunden Lebensmittel sind.

Und sie sind auch verantwortlich. Aber eben nicht allein. Die Lebensmittelindustrie trägt eine Verantwortung für ihre Produkte. Eltern werden oft einem unfairen Druck ausgesetzt. Durch Werbung, die sich schon an kleinste Kinder richtet, durch gesponserte Veranstaltungen oder als Unterrichtsmaterial getarnte Werbung in Schulen. Wenn bekannte Fußballer ständig dazu auffordern mehr Chips, mehr Schokolade oder mehr Cola zu trinken, dann sollen die Eltern andauernd den Spielverderber geben? Das ist eine Zumutung. Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte und dürfen die Eltern nicht allein lassen.

Vielleich bringt  Aufklärung  einfach nichts. An dem  massenhaften Verzehr von Billigprodukten  wie Fleisch hat sich kaum etwas geändert.

Ich glaube nicht, dass die Menschen nur billig wollen. Sie kaufen teure, kleine Fläschchen mit einem probiotischen Joghurt, weil sie glauben, dass es ihnen etwas bringt. Das Problem ist: Qualität ist bei Lebensmitteln nicht nachvollziehbar. Billigfleisch bei Lidl muss keine schlechtere Qualität haben, als das teurere bei Edeka. Ein Markenprodukt ist nicht automatisch besser als ein No-Name-Produkt. Der Preis ist oft das einzige, was wir vergleichen können. Der Griff zum günstigeren Produkt ist dann oft einfach eine rationale Entscheidung.

Ist gesunde Ernährung kein soziales Problem?

Es ist ein vielschichtiges Problem. Wissen und Bildung spielen dabei eine Rolle, das gesamte Umfeld. Es ist wichtig, Informationen so weiterzugeben, dass sie für alle leicht verständlich sind. Denken Sie an die erbitterte Diskussion über die Nährwertampel. Wenn Sie durch einfach zu verstehende Farbmarkierungen erkennen können, welches Produkt im Regal eher ausgewogen, welches eher unausgewogen ist, hilft das enorm. Selbst noch so ungesunde Lebensmittel dürfen mit Gesundheitsversprechen beworben werden.

Gelernter Journalist

Martin Rücker studierte Journalismus in  Hannover. Von 2003 bis 2009 arbeitete der heute 36-Jährige als Journalist.  2009 wurde Rücker Leiter der Presse­- und Öffentlichkeitsarbeit bei Foodwatch, im April Geschäftsführer.

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