DIETER KELLER  Uhr
Die Energiewende ist nicht der Hauptgrund für steigende Strompreise, sagt Claudia Kemfert, die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie hofft auf mehr Wettbewerb beim Strom.

Frau Prof. Kemfert, mit welchen Preiserhöhungen müssen Privathaushalte im nächsten Jahr beim Strom rechnen?

CLAUDIA KEMFERT: Die Energiewende hat zur Folge, dass bis 2022 alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden und dass der Anteil der erneuerbaren Energien zunimmt. Das hat nicht nur preissteigernde, sondern auch preissenkende Effekte. Steigernd wirkt sicherlich die EEG-Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien. Wie stark, hängt entscheidend vom Zubau bei Solar- und Windkraftanlagen ab. Für eine Entlastung sorgt der Handel an der Strombörse. Dort sinkt der Preis mit der Zunahme der erneuerbaren Energie. Hinzu kommt der zunehmende Wettbewerb. Dadurch können nicht alle Kosten automatisch auf die Verbraucher abgewälzt werden.

Sie sagen, die Energiewende koste den Einzelnen gar nicht viel - warum?

KEMFERT: Es hängt entscheidend von den Einzelfaktoren ab, und da gibt es noch einige Unsicherheitsfaktoren, insbesondere bei der Berechnung der Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien durch die vielen Ausnahmeregelungen.

Und was kommt 2013 unterm Strich heraus?

KEMFERT: Es wird leichte Preissteigerungen geben, aber keine Preisexplosionen. Die Strompreise würden übrigens auch ohne Energiewende steigen. Sie selbst hat daran nur einen kleinen Anteil.

Gibt es beim Strom genug Wettbewerb?

KEMFERT: Eindeutig noch nicht. Durch die Energiewende gibt es hoffentlich bald mehr Anbieter. Es kommen neue Spieler hinzu. Die Stadtwerke werden gestärkt. Ausländische Anbieter dürften ebenso mehr in Deutschland aktiv werden wie neue mittelständische Unternehmen oder Energiegenossenschaften. Dadurch kommen die vier großen Energiekonzerne mehr und mehr unter Druck, und das wirkt sich auch positiv auf die Preise aus. Aber da haben wir noch einen langen Weg vor uns. Letztlich besteht die große Hoffnung, dass die preissenkenden Faktoren - wie beispielsweise der derzeit sinkende Börsenstrompreis - bei den Verbrauchern auch ankommen.

Bei der Solarförderung haben sich Koalition und Opposition mühsam auf Kürzungen geeinigt. Ist das Ergebnis sinnvoll?

KEMFERT: Die Kürzung der garantierten Strompreise für Solaranlagen halte ich für sinnvoll. Es gab erhebliche Kostenreduktionen bei den Photovoltaikanlagen. Allein in den letzten beiden Jahren haben sich die Preise fast halbiert. Bei den Anlagen sind ein massiver Wettbewerb aus Asien und Überkapazitäten zu beobachten, was den Druck auf die einheimischen Hersteller erhöht. Davon sollten auch die Stromverbraucher profitieren. Schädlich für Investoren sind hauptsächlich die politischen Unsicherheiten, wann und in welcher Höhe Vergütungssätze verändert werden.

Geringverdiener klagen immer häufiger, sie hätten wegen der starken Preissteigerungen Probleme, ihre Stromrechnung zu bezahlen. Sollten sie einen Basisbedarf kostenlos oder zu einem günstigeren Preis bekommen?

KEMFERT: Das ist keine schlechte Idee. Die Strompreise für die privaten Haushalte sind viel stärker angestiegen als die EEG-Umlage. Die Konzerne konnten wegen des mangelnden Wettbewerbs hohe Preise verlangen und auch Mitnahmeeffekte erzielen. Sie sind eine Black Box - ihre Kalkulation ist nicht zu durchschauen. Für richtig halte ich auch den Vorschlag von Bundesumweltminister Peter Altmaier, den Haushalten beim Stromsparen zu helfen. Allerdings reicht eine Beratung allein nicht aus. Man müsste Geringverdiener beim Kauf stromsparende Geräte unterstützen.

An der Energiewende wird häufig kritisiert, die Regierung handle nicht konsequent genug. Ist diese Klage berechtigt?

KEMFERT: Die Ziele der einzelnen Bundesländer sind sehr unterschiedlich, und sie müssen gut koordiniert werden. Außerdem ist Deutschland keine Insel. Wir müssen uns gerade mit unseren Nachbarländern besser abstimmen. Wir brauchen neue Stromtrassen von Nord nach Süd und ins europäische Ausland. Wir brauchen dezentrale intelligente Netze. Nötig ist ein neues kluges Marktdesign: Angebot und Nachfrage müssen intelligent aufeinander abgestimmt werden. Die Nachfrageseite wurde bisher gar nicht im System berücksichtigt. Wir brauchen Speicher und eine intelligente Netzsteuerung. All das muss gesteuert werden - eine große Aufgabenliste, die abgearbeitet werden muss. Das ist die Aufgabe der Bundesregierung. Sie erfordert einen langen Atem und Geduld. In einem Jahr ist nicht alles zu schaffen.

Haben die Bundesländer zu sehr nur ihre eigenen Interessen im Sinn und nicht das große Ganze?

KEMFERT: Die Länder versuchen erst einmal umzusetzen, was sie vor Ort brauchen, und es ist richtig, dass sie sich positionieren. Bayern beispielsweise hat andere Herausforderungen und Ausgangsbedingungen zu bewältigen als Baden-Württemberg oder Niedersachsen. Die Bundesregierung muss das viel besser als bisher koordinieren und auf eine einheitliche Linie bringen.