64 Mio. EUR für die Forschung an Energiespeichern, 25 Mio. EUR davon vom Land. Das ist viel Geld.

THOMAS BAUERNHANSL: Nein, ist es nicht. Auch wenn 64 Mio. EUR natürlich viel Geld sind. Aber in diesen Bereich der Batterieforschung fließen Milliarden. In Asien ist in der Vergangenheit schon viel Geld investiert worden. Wir müssen hierzulande unsere Kräfte bündeln, um schneller mit Innovationen am Markt zu sein.

Das Projekt ist jetzt in Phase 2, was war denn Phase 1?

BAUERNHANSL: In Phase 1 ging es um die generelle Machbarkeit. Ob es überhaupt funktioniert.

Und es ist technisch machbar?

BAUERNHANSL: Ja, es gibt schon kleine Speicher, so genannte Powercaps, die im Labor hergestellt wurden und zeigen, dass das, was wir uns vorgenommen haben, tatsächlich realisierbar ist. Wir rechnen in drei Jahren mit der Marktreife.

Damit wird es möglich sein, Handys in zwei Minuten aufzuladen?

BAUERNHANSL: Deutlich schneller. Wir wollen Handys oder Akku-Werkzeug in wenigen Sekunden aufladen. Dazu werden sie einfach auf eine Induktionsplatte gelegt. Außerdem wird Bremsenergie bei Fahrzeugen wiedergewonnen. Verringerte Lastspitzen machen dabei eine viel kostengünstigere Infrastruktur möglich.

Wo werden Powercaps eingesetzt?

BAUERNHANSL: Bei elektrischen Fahrzeugen, etwa im Nahverkehr. In der Produktionstechnik, in Hochregallagern, Fertigungsanlagen. Bei Staplern, Baggern, Baumaschinen, Landmaschinen und in der Automobilindustrie. Und bei mobilen Anwendungen wie Handys und allem, was heute einen Akku hat.

Wo steckt die Innovation, in der Ladestation oder im Akku?

BAUERNHANSL: Im Akku. Diese werden zudem sehr kostengünstig sein. Es besteht keine Brand- und Explosionsgefahr wie bei herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus. Technisch ist es eine Mischung aus den heutigen Akkus und Superkondensatoren. Wir verbinden positive Eigenschaften beider Systeme miteinander. Wir können in Powercaps nicht so viel Energie speichern, wie es in Lithium-Ionen-Akku möglich ist. Dafür lassen sie sich viel schneller und häufiger laden.

Das bedeutet, ein Handy muss öfters als heute geladen werden?

BAUERNHANSL: Ja, aber nicht sehr. Wenn heute abends noch 30 Prozent im Handyakku sind, werden es künftig vielleicht 15 Prozent sein. Aber das Gerät kann in Sekunden aufgeladen werden.

Wie ist der Einsatz im Auto?

BAUERNHANSL: Heute mit Bleibatterien kann die Bremsenergie nicht so schnell geladen werden, die Energie wird nicht genutzt. Künftig lässt sich ein Powercap neben den Blei-Akku schalten, ohne dass die Elektrik groß verändert werden muss. Das bringt Energie-Einsparungen von 20 bis 30 Prozent. Dann kann das Auto bei jedem Bremsvorgang Energie zwischenspeichern und das dem System wieder zur Verfügung stellen. Das führt auch zu einer CO2-Reduktion.

Für die Batterie von Elektroautos zum Antrieb spielt es keine Rolle?

BAUERNHANSL: Noch nicht. Vielleicht für den Antrieb von kleineren Fahrzeugen. Da ist denkbar, dass Induktionsplatten unter der Fahrbahn angebracht werden. An Ampeln etwa wird aufgeladen.

Wie hoch ist das Marktpotenzial?

BAUERNHANSL: Wir rechnen für das Jahr 2020 mit mehr als 5 Mrd. EUR pro Jahr nur im Automobilbereich. Im Industriebereich sehen wir mittelfristiges Marktpotenzial allein in Deutschland von 4 bis 6 Mrd. EUR im Jahr. Am Anfang werden wir vielleicht noch 100 Prozent Marktanteil haben. Später nicht mehr. Aber wenn wir 10 bis 15 Prozent Anteil halten, und das ist realistisch, sind das immer noch sehr große Summen, die da zustande kommen.

Erregt das nicht das Interesse anderer Unternehmen und Forschungseinrichtungen?

BAUERNHANSL: Wir sind nicht alleine. Wir haben allerdings noch einen Vorsprung. Umso wichtiger war es, dass das Projekt jetzt sehr schnell startet. Es geht um Geschwindigkeit. Wer als Erster am Markt ist, hat die besten Chancen. Deshalb müssen wir unseren Vorsprung behalten. Wir haben hier die fast einzigartige Kombination von Forschung, Industrie, Großindustrie, Mittelstand.

Bei der Grundlagenforschung ist Europa oft sehr stark, weniger aber bei der Marktfähigkeit. Wie verhindern Sie das?

BAUERNHANSL: Wir arbeiten in einem gemischten Konsortium. Es gibt Forschung und Industrie. Alle Industriepartner haben ein konkretes Vermarktungsinteresse und wollen die Produkte mit Powercaps vermarkten. Wir am Fraunhofer IPA haben eine starke Marktorientierung und uns schon sehr intensiv mit dem Markt beschäftigt.

Wer macht mit?

BAUERNHANSL: Auf der Unternehmensseite wird es vorangetrieben vom Batteriehersteller Varta, der diese Produkte herstellen möchte. Es gibt Firmen wie der Mischkonzern Freudenberg und der Lagerspezialist Viastore. SEW Eurodrive ist dabei, ein Hersteller von Antrieben. Festool macht mit, ein Produzent etwa von Akkuschraubern. Es ist eine tolle Vision, das Werkzeug nur kurz auf einer Induktionsplatte abzulegen und in Sekunden wieder weiterarbeiten zu können.

Weckt dies nicht große Begehrlichkeiten? Haben Sie denn beispielsweise keine Angst vor Industriespionage?

BAUERNHANSL: Angst ist übertrieben. Aber wir haben das im Auge, wir beschäftigten uns sehr stark mit Sicherheit hier am Institut. Aber ich glaube, dass die Zeiten sich geändert haben. Wir kommen langsam dahin, dass es nicht mehr in erster Linie darum geht, alles was man tut, in dem Panzerschrank wegzuschließen, sondern vielmehr Standards zu beeinflussen. Wer Standards setzt, ist vorne dran. Von daher muss man mit dem Thema Sicherheit anders umgehen.

Warum können so kapitalstarke Unternehmen wie Daimler und Porsche nicht selbst forschen?

BAUERNHANSL: Bei Forschung und Entwicklung ist es heute nicht mehr unbedingt die Frage, ob genug Kapital da ist. Sondern, ob genug Kompetenzen und Kapazität da ist und wie diese schnell zusammengebracht wird. Jeder Partner wäre für sich nicht in der Lage, dies alleine zu entwickeln, auch Varta nicht. Sie brauchen Feedback und Forschungspartner wie das Fraunhofer IPA , um in allen Kompetenzfeldern gleichmäßig besetzt zu sein.

Gab es für Sie Probleme, Partner zu finden oder mangelndes Verständnis bei der Politik?

BAUERNHANSL: Gar nicht. Die Partner waren sofort Feuer und Flamme. Wir haben sie uns gezielt ausgesucht. Daimler und Porsche sind im zweiten Schritt dazugekommen, als assoziierte Partner ohne Förderung. Das Land Baden-Württemberg hat von Anfang das Potenzial erkannt. Wir haben hier in Baden-Württemberg eine einzigartige Forschungslandschaft.

Werden Arbeitsplätze entstehen?

BAUERNHANSL: Varta will mehrere hundert Arbeitsplätze schaffen und selbst deutlich mehr als die Fördersumme investieren. In Ellwangen soll die Produktion entstehen. Und man geht davon aus, dass mehr als 1000 Arbeitsplätze in der angrenzenden Industrie in Baden-Württemberg entstehen. Aus der jetzigen Sicht sehr gut investiertes Geld.

Was ist, wenn es dann doch nicht funktioniert?

BAUERNHANSL: (lacht) Damit beschäftigen wir uns nicht, denn es wird funktionieren.

Vorteile beider Welten

Speicher Superkondensatoren oder auch Supercaps sind heute das Mittel der Wahl, wenn hohe Energieströme aufgenommen und länger gespeichert werden sollen. Für das Speichern von Strom - etwa beim Bremsen von Fahrzeugen - sind sie aber meist zu teuer. Sie erreichen auch nur einen Bruchteil der Speicherkapazität der deutlich langsameren Lithium-Ionen-Batterien, die etwa in Handys eingebaut werden. Unternehmen und Forschungseinrichtungen arbeiten nun an Powercaps. Diese sollen die Vorteile der Supercaps besitzen und zusätzlich die Speicherkapazität und sogar eine längere Lebensdauer herkömmlicher Batterien erreichen. Zudem sollen sie hunderte mal mehr Ladezyklen überstehen und ihre Ladung über mehrere Wochen ohne nennenswerte Verluste durch Selbstentladung halten können.

Aus der Wirtschaft

Zur Person Thomas Bauernhansl hat in Aachen Maschinenbau studiert und über "Bewertung von Synergien im Maschinenbau" promoviert. Der 45-Jährige war beim Anlagen- und Werkzeugtechniker Freudenberg als Geschäftsführer für den Werkzeugbau verantwortlich. Seit 2011 ist er Leiter des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) der Universität Stuttgart und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart.

Kommentar von Thomas Veitinger: Weltweit führend

Handys in mehreren Sekunden aufladen. Na, wenn es weiter nichts ist. . . Seit Jahr und Tag geistern solche Meldungen durch die Medien. Es erinnert ein bisschen an den ewig prophezeiten Durchbruch bei der Brennstoffzelle. Und wenn wir gerade dabei sind: Die Kernfusion wird vielleicht schon nächstes Jahr die Energiesorgen der Menschheit ein für alle mal lösen! Oder vielleicht auch nicht?

Der Unterschied: Der Powercap-Speicher funktioniert schon. Hinter der Entwicklung stehen große Unternehmen und renommierte Forschungsinstitute. Die Marktreife in drei Jahren ist nicht nur möglich, sie ist wahrscheinlich.

Handys sind dabei sicher eine interessante Anwendung. So richtig bedeutend könnte sie aber bei Elektroautos werden. Zwar ist da noch nicht absehbar, wann sich Fahrzeuge tatsächlich innerhalb kurzer Zeit aufladen lassen. Aber es fehlt nur noch ein kleiner Schritt.

Das alles passiert nicht in Silicon Valley, sondern mitten in Baden-Württemberg. An diesem Punkt muss man sich verwundert die Augen reiben. Eine revolutionäre Erfindung, bei der wir weltweit führend sind? Milliardenumsätze, mehr als 1000 neue Arbeitsplätze? Warum weiß man davon so wenig? Mehr Informationen und mehr Stolz, bitte! Auch da können wir von den USA lernen.