Aachen "Fehler gehören zum Leben": sagt Inform-Chef Weiler

Aachen / THOMAS VEITINGER 16.04.2016
Bei Kommunikation drohen immer auch Missverständnisse. Schon allein deshalb ist digitale Vernetzung störanfällig. Unternehmenschef Adrian Weiler macht daraus ein Geschäftsmodell: Software hilft bei Fehlern. Wie, erklärt er in unserem Interview.

Sie glauben, dass Industrie 4.0 die Unternehmen störanfälliger macht. Wieso?
ADRIAN WEILER: Weil durch die hohe Vernetzung heute häufiger Störungen auftreten. Unternehmen sind mittlerweile viel stärker auf andere angewiesen. Probleme haben sofort Auswirkungen auf die termingerechte Fertigung. Zukunft lässt sich eben nicht bis ins Kleinste vorhersehen.

Aber das gab es früher doch auch.
Ja, aber bei Autos etwa haben Kunden heute fast unzählige Möglichkeiten, Fahrzeuge zusammenzustellen. Das macht anfällig. Liefert ein Zulieferer Teile zu spät, kann die Produktion stocken. . .

. . .und das hat große wirtschaftliche Auswirkungen?
Ja, das hat enorme Auswirkungen. Vor allem auf die Termintreue, die immer wichtiger wird als Wettbewerbsfaktor.

Sie wollen Unternehmen mit so genannter agiler Optimierungssoftware helfen. Was ist das?
Es ist Software, die Betriebsprozesse optimiert. Ein Programm, das Handlungsvorschläge macht, was nach einer Störung konkret zu machen ist.

Ein Beispiel bitte.
Am Stuttgarter Flughafen gehören Verspätungen wie an jedem Airport zum Alltag. Unsere Software wertet alle Daten aus und zeigt beispielsweise an, in welcher Reihenfolge welche Mitarbeiter welche Abfertigungstätigkeiten an welcher Maschine vornehmen sollten.

Aber am Stuttgarter Flughafen gibt es nach wie vor Verspätungen.
Diese wären aber ohne unsere Software noch größer. Der US-Airline Delta Airlines etwa ist es gelungen, ihre Verspätungen am weltweit verkehrsreichsten Airport Atlanta auch mit unserer Hilfe dramatisch zu reduzieren.

Warum machen es dann nicht alle?
Unternehmen haben durch die Digitalisierung viele Aufgaben zu meistern. Die Einführung intelligenter Optimierungssoftware ist nur eine davon. Manche Unternehmen machen es später.

Haben Sie viel Konkurrenz?
Nein, das ist ein relativ neues Geschäftsfeld und noch wenig verbreitet. Die erste Welle der Datenverarbeitung war das Bereitstellen von Daten, etwa in Programmen von SAP oder anderen Anbietern. Die zweite Welle ist der Versuch, diese auszuwerten und daraus übergreifende Informationen zu gewinnen, Stichwort Big Data. Die dritte Welle bedeutet, dieses Wissen in konkrete Handlungsvorschläge umzuwandeln und - auf den Stuttgarter Flughafen angewandt - zu wissen, welcher von drei verspäteten Jets als erstes abgefertigt werden muss.

In welchen Branchen spielt es noch eine Rolle?
In der Logistik. Im Maschinenbau. Wir haben in Reutlingen eine eigene Niederlassung, weil es dort in der Region so viele Kunden gibt, typischerweise aus dem Mittelstand. Fast alle Autohersteller hierzulande nutzen das Programm.

In welcher Branche wird die Software wohl nie gebraucht werden?
In einer Branche, die extrem Einfaches herstellt und nur zwei, drei Komponenten zusammenbaut. Sandschaufeln zum Beispiel oder andere sehr einfache Produkte oder Dienstleistungen.

Was ist denn die vierte Welle? Künstliche Intelligenz?
Was wir machen ist Bestandteil der künstlichen Intelligenz. Allerdings ein Teil, der nur für ganz wenige Lebensbereiche passt wie zur Steuerung einer Fabrik.

Können Sie Kunden einfacher vom Nutzen Ihrer Software überzeugen, als etwa Unternehmen, die Sicherheitssoftware vertreiben?
Allerdings. Die Sicherheitsbranche hat das Problem, dass sie mit der Angst spielt. Komplette Geschäftsausfälle haben zwar extreme Auswirkungen, sind aber auch extrem selten. Unternehmer kaufen lieber Software, die jeden Tag Nutzen bringt.

Sind Sie verzweifelt, dass Ihre Arbeit nie endet, weil es immer Fehler geben wird?
Im Gegenteil, es freut mich. Wenn die Arbeit komplett gemacht ist, was bleibt dann noch? Der Golfplatz oder der Tod. So lange die Menschheit existiert, wird sie sich auch weiterentwickeln. Und zum Weiterentwickeln, zur Existenz gehören Fehler. Was agile Optimierungssoftware am meisten fördert, ist aber nicht die Wirtschaftlichkeit, sondern die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens gegenüber unvorhersehbaren Störungen und Ereignissen. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat oder falsch geplant wurde. Oder etwas nicht funktioniert, von dem ausgegangen wurde, dass es funktioniert. Da kann die Software helfen.

Seit 30 Jahren Chef

Spezialisierung Die Inform GmbH wurde bereits 1969 gegründet. In den 80er Jahren spezialisierte sich das Unternehmen aus Aachen auf Programme, die Unternehmen bei Störungen helfen. Heute hat es in mehr als 40 Ländern über 1000 Kunden. Niederlassungen gibt es in Deutschland und den USA. 600 Mitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen Jahr 70 Mio. Euro Umsatz. Wirtschaftsingenieur Adrian Weiler (60) ist seit 30 Jahren Chef von Inform. Zuvor sammelte er internationale Erfahrungen bei Mercedes-Benz.