Techniker Krankenkasse „Eine Spende ist eine freie Entscheidung“

TK-Chef Jens Baas: „Die althergebrachte Quartalslogik ist medizinisch totaler Unsinn.“ 
TK-Chef Jens Baas: „Die althergebrachte Quartalslogik ist medizinisch totaler Unsinn.“  © Foto: Andreas Friese
Berlin / Hajo Zenker 11.09.2018

Die Organspende bewegt gerade die Öffentlichkeit: Einerseits gibt es einen Gesetzentwurf, der die Bedingungen für die Transplantationen in Kliniken verbessern soll, andererseits ist eine Debatte darüber entbrannt, ob in Zukunft jeder Deutsche automatisch Organspender sein sollte – es sei denn, er widerspricht ausdrücklich.

Herr Baas, wie sehen Sie die Organspende als früherer Chirurg und heutiger Kassenchef?

Jens Baas: Den Gesetzentwurf halte ich im Grundsatz für sehr gut, weil ich glaube, dass es richtig ist, an der Stelle anzusetzen, wo potenzielle Organspender zum ersten Mal als solche erkannt werden – also im Krankenhaus. Und da muss man die Kliniken unterstützen, denn das ist schon Aufwand, der dort betrieben werden muss. Den muss man vergüten. Das Krankenhaus darf mit einer Organspende kein Minus machen.

Was halten Sie von der jetzt diskutierten Widerspruchslösung?

Ich persönlich bin kein Freund dieser Idee. Sie widerspricht meinem Bild einer freien Gesellschaft. Und für mich widerspricht sie auch dem Begriff Organspende. Eine Spende ist eine freie Entscheidung, etwas zu geben. Dass die Spender-Zahlen damit steigen könnten, glaube ich aber schon. Ich finde es auf jeden Fall richtig, wenn es dazu jetzt eine breite gesellschaftliche Debatte gibt und im Bundestag in einer Gewissensentscheidung abgestimmt wird. Wird die Widerspruchslösung auf diesem Wege beschlossen, ist das auch für mich in Ordnung.

Der Gesundheitsminister trägt sich mit dem Gedanken, die Milliarden-Überschüsse der Krankenkassen per Gesetz zu verringern. Sie sind davon sicher nicht begeistert.

Rücklagen zu haben ist immer eine gute Idee. Die den Kassen bisher erlaubte Rücklage von anderthalb Monatsausgaben habe ich immer für eine vernünftige Größenordnung gehalten. Bei Krankenkassen können die Kosten ja schnell einmal schlagartig nach oben gehen. Das lässt sich so abpuffern. Im Übrigen ist das Geld ja nicht weg, sondern bleibt  den Versicherten erhalten – und fließt nicht etwa auf mein Konto oder zu Aktionären.

Wie sind Sie bisher mit den Rücklagen verfahren?

Alles was über anderthalb Monatsausgaben hinaus ging, haben wir als TK an unsere Versicherten zurückgegeben – als Dividende oder Beitragssenkung. Wenn nun künftig nur noch eine Monatsausgabe als Rücklage erlaubt wird, bin ich davon im Sinne unserer Versicherten nicht begeistert, setze es aber natürlich um. Rein rechnerisch würde das bedeuten, dass wir für drei Jahre den Beitrag in etwa um 0,2 Prozentpunkte senken würden. Aber dann ist das Geld weg. Das kann man halt nur einmal machen.

Versprochen wird uns auch, dass gesetzlich Versicherte bald schneller beim Arzt einen Termin bekommen. Glauben Sie daran?

Dass es zu einer gewissen Entspannung kommen kann, glaube ich schon. Wobei man aber immer auch sagen muss: Das Problem betrifft nur bestimmte Arztgruppen und bestimmte Regionen. Und selbst da geht es im Vergleich zu fast allen Gesundheitssystemen der Welt noch immer  verhältnismäßig schnell, einen Arzttermin zu bekommen. Trotzdem halte ich es für richtig, dass Mediziner, die an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmen, den gesetzlich Versicherten auch einen wesentlichen Anteil ihrer Zeit zur Verfügung stellen müssen. Ob aber die Wartezeiten durch die erhöhte Pflichtsprechstundenzahl in den Praxen wirklich deutlich kürzer werden, sehe ich mit Skepsis.

Viele glauben, dass sie zum Ende eines Quartals besonders schwer einen Termin bekommen.

Das ist so. Und ich bin auch der Meinung: Die althergebrachte Quartalslogik hat sich völlig überholt. Im Rahmen einer Überarbeitung des Vergütungssystems für Ärzte sollte man darüber nachdenken, ob man in der heutigen Welt wirklich noch Quartale braucht. Viele der Probleme kommen ja daher, dass der Arzt, betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, sagt: Diese Woche kann ich Sie nicht behandeln, kommen Sie nächste Woche, da sind wir im neuen Quartal. Das ist medizinisch totaler Unsinn. Den sollten wir uns nicht mehr leisten.

Emotional diskutiert wird in Flächenländern die medizinische Versorgung auf dem Land. Wie kann man einen Arzt aufs Land locken?

Die Arztdichte ist auf dem Land unzweifelhaft geringer als in der Stadt. Und es gibt Regionen, wo es deutlich weniger Versorgung gibt als im Durchschnitt. Mit Geld allein wird man das nicht heilen können. Ein Arzt geht dort trotzdem nicht hin, wenn es an Infrastruktur fehlt. Es braucht ein Konzept aus vielen verschiedenen Teilen. Geld gehört sicher dazu. Aber auch andere Strukturen –  mobile Praxen, Telemedizin, Schwestern, die mehr Aufgaben übernehmen. Trotzdem wird es auch in Zukunft Regionen geben, die unterversorgter sind als andere. Wir müssen aber auch dort zumindest eine hinreichend gute medizinische Betreuung sicherstellen.

Die elektronische Patientenakte sollte es schon seit zwölf Jahren geben. Nun sollen alle Kassen bis 2021 ihren Versicherten eine Akte zur Verfügung stellen, die per Smartphone oder Tablet erreichbar ist.

Wenn es nach mir geht, könnte alles noch schneller gehen. Ich finde es jedenfalls gut, dass der Minister da Geschwindigkeit reinbringt. Bei unserer elektronischen Gesundheitsakte „TK-Safe“ streben wir an, demnächst 100 000 Versicherte in der Testphase zu haben. Wichtig wird, die verschiedenen Modelle, die schon am Markt sind, kompatibel zu machen.

Glauben sie noch an den Durchbruch? Oder ist 2021 vielleicht schon zu spät, weil Google, Apple und Co alle Gesundheitsdaten von uns eingesammelt haben?

Dass uns Google und Apple überholen, ist nicht auszuschließen – wenn sie ein so überzeugendes Produkt haben, dass es jeder nutzen möchte. Deshalb müssen wir schnell sein und ein besseres oder zumindest gleich gutes Angebot machen. Ein Angebot, das gleichzeitig garantiert, die Daten bei uns sicher in einem geschützten System zu verwalten. Und nicht irgendwo auf der Welt. Ich bin durchaus optimistisch, dass wir das hinbekommen.

Oldtimer-Sammler

Jens Baas, Jahrgang 1967, ist gelernter Arzt, war zuvor Unternehmensberater und ist seit sechs Jahren Chef der Techniker Krankenkasse (TK). Baas sammelt historische chirurgische Instrumente und historische Autos, also Oldtimer.

Die Techniker Krankenkasse ist eine Ersatzkasse und damit Träger der gesetzlichen Krankenversicherung. Sie ist bundesweit geöffnet und mit 10,2 Mio. Versicherten die größte deutsche Krankenkasse. Seit September 2016 tritt die Krankenkasse unter der Marke Die Techniker auf.

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Einheit und dann kommt ein schöner Text, der den Leser in den Aufmacher zieht.

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