Lebensversicherungen sind die beliebteste Altersvorsorge der Deutschen. Es gibt mehr Verträge (85 Millionen) als Einwohner. Dabei ist der Garantiezins für neue Verträge nur noch gering. Für die Versicherer sind in Zeiten der Null-Zins-Ära die Altbestände ein Problem. Mancher Anbieter will sich von dem Geschäft trennen. Nicht so der Marktführer der Branche, die Allianz Lebenversicherungs AG, die neue Wege geht, wie Vorstandsmitglied Thomas Wiesemann erläutert.

Ist die klassische Lebensversicherung tot?

Thomas Wiesemann: Die Zinsen sind durch die Politik der Europäischen Zentralbank seit Jahren stark gesunken. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert heute mit 0,46 Prozent. Das heißt für Kunden, die eine klassische Lebens- oder Rentenversicherung erworben haben, dass sie im Vergleich von sehr attraktiven Garantiezinsen und Überschussbeteiligungen profitieren.

Aber nicht bei Neuabschlüssen.

Da beträgt der Garantiezins bei klassischen Verträgen nur noch 0,9 Prozent. Das ist wenig sinnvoll. Daher haben wir in den letzten Jahren neue Formen der Lebensversicherung entwickelt, die sehr gut angenommen werden.

Verkaufen Sie überhaupt noch klassische Lebensversicherungen mit Garantiezins?

Die Kunden können diese noch abschließen, aber wir stellen sie nicht mehr ins Schaufenster.

Was heißt das konkret?

Die Neuabschlüsse in der privaten Altersvorsorge entfallen zu mehr als 90 Prozent auf die neuen Vorsorgeprodukte, inklusive der Absicherung von Lebensrisiken wie Berufsunfähigkeit und Hinterbliebenenvorsorge. Auch bei den Betriebsrenten machen sie über 80 Prozent aus.

Überrascht Sie die Entwicklung?

Wir haben das ja nicht von heute auf morgen gemacht. 2007, also vor mehr als zehn Jahren, haben wir mit der Index Select die erste Form dieser neuen Produkte auf den Markt gebracht, zwischen 2009 und 2015 drei weitere Vorsorgekonzepte (Perspektive, Komfort Dynamik, Invest Flex). Vor dem Hintergrund der EZB-Zinspolitik war es für uns wichtig, die beiden Themen rentable Anlagen und Sicherheit in den neuen Vorsorgeprodukten zu kombinieren. Das überzeugt die Menschen, daher haben wir diese große Nachfrage.

Was sind die Vorteile?

Die Kunden haben nach wie vor wesentliche Garantien: Dazu gehören eine Mindestrente und der Beitragserhalt zu 100 Prozent. Die Produkte ermöglichen aber gleichzeitig auch eine breitere Beteiligung am Kapitalmarkt und damit deutlich mehr Renditechancen. Zudem bietet nur die private Rentenversicherung eine lebenslange Versorgung. Der Kunde hat die Möglichkeit, sich zu Rentenbeginn für eine einmalige Kapitalzahlung oder eine lebenslange monatliche Rente zu entscheiden. Letztere wird bis ans Lebensende bezahlt.

Was ist den Verbrauchern lieber?

Wir machen viele Befragungen. Die Ergebnisse sind ähnlich. Der größte Teil der Menschen will für die Altersvorsorge Renditechancen, eine lebenslange Versorgung und Mindestgarantien wie beispielsweise den Beitragserhalt. Diese drei Punkte kombinieren unsere neuen Produkte und schaffen damit auch in der Niedrigzinsphase die Möglichkeit, rentabel fürs Alter vorzusorgen.

Verbraucherschützer empfehlen, in ETF zu investieren, also Fonds deren Zusammensetzung an einen Index gebunden ist,  und sich die Abschlussgebühr einer Lebensversicherung zu sparen.

Unsere Kunden können in ETF oder in aktiv gemanagte Fonds investieren. Wir bieten an, die Anlage mit unserem Allianz-Sicherungsvermögen zu kombinieren. Das hat den Vorteil, dass Kunden auf ihr eingezahltes Geld eine Beitragsgarantie erhalten, von 60, 80 oder 100 Prozent – wie sie es selbst möchten. Den meisten unserer Kunden ist eine 100prozentige Sicherung wichtig, weil es sich um ihre Altersvorsorge handelt, mit der sie planen wollen. Sie können sich mit unseren Produkten am Kapitalmarkt beteiligen und haben dennoch ein starkes Sicherheitsnetz. Zusätzlich profitieren sie vom Zugang zu modernen Investments, auf die wir unsere Kapitalanlagestrategie vermehrt ausrichten. Dazu zählen großvolumige Gewerbeimmobilienfinanzierungen oder Investments in Infrastruktur. Zu solchen Anlagen haben Privatanleger sonst so gut wie keinen Zugang.

Geld stinkt nicht, sie machen  in London auch anrüchige Geschäfte.

Sie spielen darauf an, dass wir mit einem Konsortium das neue Abwassersystem für London finanzieren. Das ist übrigens derzeit eines unserer größten Infrastrukturprojekte. Aber wir beteiligen uns auch an Autobahnen in Italien und Frankreich, den deutschen Autobahnraststätten oder am zweitgrößten finnischen Stromnetz. Wir sind zudem der größte branchenfremde Investor im Bereich der Erneuerbaren Energien, vor allem Windparks. Das sind alles Möglichkeiten, mit denen wir jenseits von Staatsanleihen und Pfandbriefen heute attraktive langfristige Renditen für unsere Kunden erzielen.

Was macht die Allianz Leben besser als die Konkurrenz?

Unsere Kunden profitieren von unserer Finanzstärke und unserem großen Know-how – sei es bei der Kapitalanlage, den Produkten oder den digitalen Services. Zudem: Wir haben gut gewirtschaftet und unsere Reserven schon vor der jetzt beinahe zehn Jahre dauernden Niedrigzinsphase aufgebaut. Die nutzen wir nun, um die Gesamtverzinsung für unsere Kunden auch in schwierigen Zeiten hoch zu halten.  Und wir nutzen sie, um in rentablere Anlageformen zu gehen. Unsere Aktienquote zum Beispiel ist dreimal so hoch wie die anderer Versicherer.

Was heißt das in Zahlen?

Wir bieten beim sehr sicherheitsorientierten Vorsorgekonzept Perspektive 2018 eine gesamte Verzinsung von 3,7 Prozent. Wem das noch zu wenig ist, kann sich etwa für das Vorsorgekonzept Komfort Dynamik entscheiden, und damit für Aktienquoten um die 30 Prozent und entsprechend höheren Renditechancen.

Wie sehr schadet es dem Image der Branche, dass einige Anbieter ihre Verträge verkaufen wollen?

Klar ist, dass bei lang laufenden Finanzprodukten Vertrauen ein essenzielles Gut ist. Wenn solche Pläne nicht gut kommuniziert werden, hilft das eher nicht.

Wie viele Anbieter von Lebensversicherungen gibt es in fünf oder zehn Jahren noch in Deutschland?

Darüber möchte ich nicht spekulieren. Es gibt eine gewisse Konsolidierung am Markt, momentan sind es rund 80 Anbieter.

Beratungsroboter sind auf dem Vormarsch. Verkauft 2030 ein Algorithmus Lebensversicherungen?

Ich bin mir sicher, dass der Algorithmus den Menschen nicht ersetzen wird in der qualifizierten Beratung. Menschen mögen Menschen. Beim Thema Altersvorsorge ist vieles zu beachten, viele Informationen sind zu bewerten, es kommt auf Erfahrung an. Aber ergänzen und unterstützen werden solche automatisierten Services die Beratung schon.

Wie verändert der digitale Wandel andere Bereiche der Allianz Leben?

Wir erleben derzeit alle einen Technologiesprung. Der führt dazu, dass manche einfacheren und standardisierten Tätigkeiten automatisiert werden. Das ist aber keine Einbahnstraße. In anderen Bereichen, wie beispielsweise dem  Kundenservice, der Datenanalyse oder der IT werden viele neue Stellen geschaffen.

9 Millionen Kunden, 248 Milliarden Euro an Kapital


Die Allianz Lebensversicherungs AG hat ihre Beitragseinnahmen 2017 um 12 Prozent auf 21,1 Mrd. € gesteigert. Ihr Neugeschäft legte um 21 Prozent auf 11,3 Mrd. € zu. Die Allianz Leben mit Sitz in Stuttgart beschäftigt 1060 Mitarbeiter und ist die größte Sparte der Allianz AG (München). Sie ist mit mehr als 10 Mio. Verträgen und 9 Mio. Kunden einer der größten Lebensversicherer weltweit. In Deutschland ist sie mit 23 Prozent Marktanteil der führende Anbieter. Die Muttergesellschaft übernimmt mehrere Funktionen, wie beispielsweise IT und die Verwaltung der Kapitalanlagen von rund 248 Mrd. € .

Dr. Thomas Wiesemann (51) gehört seit 2014 dem Vorstand der Allianz Leben an und verantwortet den Maklervertrieb. Er studierte an der University of Southern California (Los Angeles) angewandte Mathematik und an der Universität Ulm Wirtschaftsmathematik. 1995 promovierte er. Bis heute hält er die Verbindung zu Ulm und engagiert sich u.a. als Vorsitzender des Beirates der Fakultät Mathematik und Wirtschaftswissenschaften. amb