Friedrich von Metzler „Die Deutschen sparen falsch“

Friedrich von Metzler in der Zentrale seiner Privatbank. Im Hintergrund hängt ein Gemälde seines Vorfahren Friedrich von Metzler, der von 1749 bis 1825 lebte.
Friedrich von Metzler in der Zentrale seiner Privatbank. Im Hintergrund hängt ein Gemälde seines Vorfahren Friedrich von Metzler, der von 1749 bis 1825 lebte. © Foto: Marius Becker/dpa
Frankfurt / Rolf Obertreis 07.07.2018

Er ist Ehrenbürger Frankfurts, Mäzen und hoch angesehen in der Bankenszene und Politik. Friedrich von Metzler führte lange das renommierte, fast 350 Jahre alte Bankhaus Metzler. Traurige, bundesweite Bekanntheit erlangte die Familie im Herbst 2002,  als der damals elfjährige Sohn Jakob entführt und ermordet wurde.

Sie verfolgen das Weltgeschehen und die Ereignisse an den Finanzmärkten seit 50 Jahren. Machen Sie sich heute Sorgen?

Friedrich von Metzler: Seit 1969 bin ich bei Metzler, davor war ich in London, New York, Paris und Düsseldorf bei anderen Banken, unter anderem bei der Deutschen Bank. Es gab schon bessere Zeiten für die Banken. Große Sorgen mache ich mir aktuell nicht unbedingt, aber Probleme sind nicht zu leugnen. Die beiden deutschen Großbanken sind in keinem guten Zustand. Sie sind international nicht wettbewerbsfähig, da spielen sie keine Rolle mehr. Internationale Institute haben ihnen den Rang abgelaufen.

Leiden Sie mit der Deutschen Bank  mit?

Zu einzelnen Häusern äußern wir uns nicht. Aber deutsche Banken haben einiges aufzuholen. Sie sollten sich mehr um Deutschland und Europa kümmern. Der internationale Wettbewerb ist sehr stark und im Gegenzug haben internationale europäische Banken bei uns Marktanteile gewonnen. Deutschland braucht aber auf Dauer eine oder besser mehrere starke Banken – zur Begleitung des Mittelstandes, aber auch für die Stärkung des Kapitalmarktes.

Helfen Fusionen in Deutschland?

Wir diskutieren das seit Jahrzehnten. Wenn es tatsächlich so weit gekommen ist, war es nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. Kooperationen sind dagegen ein guter Weg. Bei Sparkassen und Volksbanken wird es weitere Fusionen geben. Beide Gruppen spielen eine zentrale Rolle für den Mittelstand. Durch ihr Engagement gibt es heute in ländlichen Regionen Unternehmen, die Weltmarktführer sind.

Das Bankhaus Metzler steht auch nach fast 350 Jahren gut da. Ihr vergleichsweise einfaches Konzept hat sich bewährt.

Mit unseren vier Sparten, dem Asset Management etwa für Pensionsfonds, der Vermögensverwaltung für Privatkunden, der Begleitung von Übernahmen und Fusionen und dem Kapitalmarktgeschäft bei gleichzeitigem Verzicht auf das Einlagen- und Kreditgeschäft sind wir immer gut gefahren. Daran wird sich nichts Entscheidendes ändern.

Aus Ihrem Büro schauen Sie auch auf die Europäische Zentralbank (EZB). Wie fällt Ihr Urteil aus?

Die Europäische Währungsunion und auch die EZB sind ein Erfolg. Das hat Europa vorangebracht. Der Euro ist auch dank der EZB stabil.

Aber seit einiger Zeit ist dank der EZB sehr viel Geld im Markt. Dabei läuft die Konjunktur im Euroland gut, wenn auch in Abstufungen.

Zwar hat die EZB jetzt in Aussicht gestellt, dass die umstrittenen Anleihekäufe Ende 2018 auslaufen werden. Die Zinsen werden aber wohl bis Ende 2019 auf ihrem aktuell niedrigen Niveau bleiben. Klar ist, dass die gegenwärtige Zinslandschaft für eine gut laufende Konjunktur wie in Deutschland zu niedrig ist. Übertreibungen sind immer ein Problem, das Überangebot an billigem Geld gibt weder einen Anreiz zum Sparen noch zu politischen Reformen, wie man gerade in Italien sieht. Die Niedrigzinsen helfen auf Dauer nicht.

Trump, Brexit, Erdogan, (rechts-)populistische Regierungen in vielen Ländern, eine Euro-kritische Regierung in Italien, um sich greifender Protektionismus. Ein Desaster beim jüngsten G-7-Gipfel. Sorgt Sie das?

Die gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und in anderen Ländern, die ungeheuer positive Entwicklung in den Schwellenländern ist Ergebnis der Globalisierung, des freien Handels und der guten internationalen Zusammenarbeit. Diese Entwicklung darf man nicht zurückdrehen. Der Brexit ist eine bedauerliche Entscheidung. Aber jetzt warten wir mal, was die Verhandlungen bringen.

Im Rückblick: Welche Ereignisse für die Banken sind haften geblieben?

Sicherlich der Zusammenbruch der Herstatt-Bank in den siebziger Jahren, die bis dahin größte Pleite einer Bank in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab die Asien- und die Russland-Krise. Vor allem aber war es die Finanzkrise ab 2008. Die Pleite von Lehman und die damit verbundenen Folgen waren schon äußerst einschneidend.

Haben Sie damals einen Zusammenbruch des Systems befürchtet?

Nein. Die internationalen Notenbanken haben aus früheren Krisen gelernt und schnell viel Geld bereitgestellt. Die Amerikaner haben ihren Banken sehr rasch mit drastischen Schritten unter die Arme gegriffen. Deren Banken waren viel schneller wieder auf dem richtigen Weg und profitabel. Deshalb stehen sie heute viel besser da als deutsche Institute. Und die Verluste für den Steuerzahler haben sich in engen Grenzen gehalten. Das hat viel besser funktioniert als in Deutschland.

Auf Metzler wird gehört, auch in Berlin. Wird das Bankhaus in solchen Phasen und auch sonst um Rat gefragt?

Wir haben gute Kontakte. Natürlich finden wir nicht das Gehör wie früher die Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Aber wir haben etwa in jüngster Zeit mit SPD-Chefin Andrea Nahles intensive Gespräche über das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz geführt. Insbesondere das Arbeitsministerium war offen für unsere Anregungen und hat sehr genau zugehört. Wir haben selbstverständlich gute Kontakte zur Landesregierung in Wiesbaden; und es gibt seit Jahren gute Gespräche mit Vertretern aller demokratischen Parteien.

Sie haben im vergangenen Jahr in einem offenen Brief Ihre Sorgen mit Blick auf die Altersvorsorge formuliert. Wie war die Resonanz?

Da liegt vieles im Argen; es gab aus der Politik viel Lob und viele Nachfragen. Viele Unternehmen machen für ihre Beschäftigten zu wenig. Auch Privatanleger lassen Aktien links liegen. Die Deutschen sparen falsch, nicht erst seit die Zinsen so niedrig sind. Über einen langen Zeitraum ergeben sich mit Aktien pro Jahr gute einstellige Renditen. Selbst Kurseinbrüche ändern daran nichts. Dafür fehlt auch in der Politik oft das Verständnis. Es geht nicht um kurzfristige Spekulation mit Aktien, sondern um die langfristige Beteiligung am Substanzvermögen einer Volkswirtschaft.

Die Aktienmärkte laufen seit fast einem Jahrzehnt mit Unterbrechungen nach oben. Ist das ein Problem?

Nein. Aktien sind zwar nicht mehr billig. Aber sie sind immer noch fair bewertet. Die Erwartungen sind vielleicht etwas gedämpfter. Aber man muss mit Blick auf die Altersvorsorge langfristig auf Aktien setzen. Allerdings muss man sich die jeweiligen Unternehmen und ihr Geschäftsmodell genau anschauen – kaufen und liegen lassen funktioniert nicht mehr. Dafür ändert sich die Welt zu schnell.

Zurück zum Brexit. Wird der Finanzplatz Frankfurt profitieren?

Frankfurt hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt. Nicht umsonst sind viele große Auslandsbanken hier. Auch die Deutsche Börse ist eine Erfolgsgeschichte. Etliche Banken kommen von der Themse an den Main. Nur von einem Standort innerhalb der EU können sie in der EU tätig bleiben. Wichtig wäre, dass das Euro-Clearing, also die Abwicklung von Forderungen und Verpflichtungen in Euro, nach Frankfurt kommt.

Die gescheiterte Fusion mit London hat nicht geschadet?

Nein, im Gegenteil. Auch ohne den Brexit wäre sie nicht durchgegangen. Wir hätten unsere Börse an London verkauft, das wäre ein Ausverkauf gewesen.

Sie haben im April Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Trotzdem ist schwerlich vorstellbar, dass sich Friedrich von Metzler ganz zurückzieht.

Das stimmt wohl. Aus dem eigentlichen operativen Bankgeschäft habe ich mich schon die letzten Jahre Stück für Stück  zurückgezogen. Aber ich bin weiter persönlich haftender Gesellschafter. Ich kümmere mich verstärkt um unsere Kunden. Das werde ich weiter tun, dafür durch die Republik reisen, viele Unternehmer treffen. Und vielleicht den einen oder anderen neuen Kunden gewinnen.

Privatbank für vermögende Kunden

Friedrich von Metzler ist der deutsche Privatbankier schlechthin. Trotz allem ist der Mann, den sie nur FM nennen, immer bescheiden geblieben. Die Bank, stets im Besitz der Familie, hat er lange Jahre geführt. Mit seinen rund 800 Mitarbeitern kümmert sich das Bankhaus um vermögende Kunden, um Familien, den Mittelstand und um Pensionskassen. Ein Kreditgeschäft gibt es nicht. Im April hat FM seinen 75. Geburtstag gefeiert, als Aktionär ist er ausgeschieden, aus dem Tagesgeschäft hat er sich zurückgezogen, bleibt aber Gesellschafter. otr

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