Obama „Die Deutschen sind Vorreiter“

Auma Obama, die Halbschwester des US-Präsidenten, spricht in Ulm über nachhaltiges Wirtschaften.
Auma Obama, die Halbschwester des US-Präsidenten, spricht in Ulm über nachhaltiges Wirtschaften. © Foto: dpa
Ulm / ALEXANDER BÖGELEIN 06.06.2016
Nachhaltigkeit darf nicht zum Modewort verkommen, warnt Dr. Auma Obama. Die Halbschwester des US-Präsidenten kommt diese Woche nach Ulm.

Wie hat Sie Deutschland geprägt?
DR. AUMA OBAMA: In Deutschland bin ich erwachsen geworden. Ich habe hier meine Stimme gefunden. Nicht nur weil an der Universität erwartet wurde, dass man mitdiskutiert, sondern auch, weil man mich als Ausländerin, als Andersaussehende, immer mit Fragen bombardierte über meine Herkunft, mein Aussehen, meine Sprache, meine Kultur. Meine Identität wurde ständig hinterfragt, und ich habe gelernt, auf die Fragen, auch wenn es manchmal unmögliche waren, zu antworten. Dafür brauchte ich eine starke Stimme.

Sie treten beim L-Bank-Forum in Ulm auf. Welche Botschaft haben Sie für die Unternehmer?
OBAMA: Die Deutschen sind Vorreiter in punkto Nachhaltigkeit. Das Thema ist in Deutschland sehr aktuell. Doch darf es nicht zum Modewort verfallen. Man muss sich sehr im Klaren darüber sein, was man mit dem Wort meint. Es muss sich um positive Nachhaltigkeit zugunsten der Menschen wie auch der Umwelt handeln. Es muss klar definiert sein – ob ökologisch, soziologisch, ökonomisch oder politisch. Das heißt: Man muss so mit den Menschen umgehen, dass sie bei Erhalt und Entwicklung ihrer Umwelt mitbestimmen und mitwirken. Sie müssen als ein wertvoller Teil der Wertschöpfungskette wahrgenommen werden. Das gilt für alle Menschen, auch für die Menschen der so genannten Entwicklungsländer.

In der Flüchtlingsdebatte in Deutschland gehen die Emotionen  hoch nach dem Motto: „Alle kommen zu uns“. Wie beurteilen Sie die Ängste in der Bevölkerung?
OBAMA: Viele Deutsche fühlen sich offenbar von dem Zustrom an Flüchtlingen nicht nur überfordert, sie fühlen sich regelrecht überrumpelt. Der Grund dafür ist aber weniger die hohe Anzahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, als vielmehr die wenigen sachlichen Informationen. Die meisten Leute sind nicht gut informiert: Sie sind zu wenig mit belastbaren Fakten ausgerüstet, um sich an der Diskussion um die Suche nach gängigen Lösungen zu beteiligen. Stattdessen verbreitet sich Angst.

Woher kommt das?
OBAMA: Diese Angst rührt meiner Meinung nach stark aus der Unwissenheit über das Fremde – und über das Potenzial des fremden Menschen in Bezug auf dessen Beitrag zur kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bereicherung des Landes.

Was raten Sie der Politik?
OBAMA: Meiner Meinung nach muss viel mehr Aufklärungsarbeit von der Politik und auch den Medien geleistet werden, insbesondere den Asylprozess betreffend. Zudem muss die politische Debatte zur Flüchtlingskrise weg von einer Fokussierung auf zwei polarisierende Positionen – für die Aufnahme von Flüchtlingen oder dagegen. Denn aus diesem Grund findet die Debatte auf einer sehr emotionalen Ebene statt, und so kommt man zu keiner vernünftigen Lösung.

Welcher Ansatz wäre besser?
OBAMA: Die Flüchtlingsdebatte sollte vielmehr auch auf der gesetzlichen Grundlage aufsetzen. Nur auf dieser Basis kann eine echte Aufklärung der Deutschen wie auch der Flüchtlinge stattfinden und dazu führen, dass einerseits Ängste und andererseits falsche Hoffnungen abgebaut werden. Auch darf die Flüchtlingswelle nicht mehr als Krise – als Ansturm – behandelt werden, vor dem man sich schützen und abschotten muss.

Sondern?
OBAMA: Gerade bezüglich der Kriegsflüchtlinge, die die Mehrheit der aufgenommen Flüchtlinge darstellt, ist das ja geradezu paradox: Man will sich vor Menschen schützen, die selbst Schutz vor Krieg suchen. In solch einem Klima gedeihen eher fremdenfeindliche Exzesse. Kurzum: Die Politik muss das Flüchtlingsthema als eine Krise behandeln, bei der es um Menschen in Not geht. Dabei muss die die Diskussion sowohl aufklärend als auch realistisch sein.

Was verbindet Ihr soziales und ökonomisches Engagement? Geht das eine ohne das andere?
OBAMA: Hierzu vorweg ein Beispiel: Sehr häufig kamen Kinder und Jugendlichen hungrig zu uns. Zuhause gab es nicht genug zu essen, und die Erwartung war, dass wir sie ernähren. Da es aber unser Ziel ist, die Familien dazu zu bringen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich selber zu versorgen, konnten wir diese Erwartung nicht entsprechen.

Wie haben Sie reagiert?
OBAMA:Wir haben stattdessen das Projekt „Grow To Eat“ ins Leben gerufen. Hier lernen die Familien, dass Armut keine Entschuldigung ist. Sie lernen, wie sie kleine Küchengärten anlegen, wo sie erstmal nur soviel anbauen, um sich selbst zu ernähren. Und sie lernen dabei, die wertvolle Ressource Land – wovon die meisten viel haben – zu schätzen. Nach dem Motto: „Use what you have to get what you need“. Und weil die Menschen mehr angebauten haben, als sie zum Essen brauchten, wurde aus dem Projekt „Grow To Eat“ das Projekt „Grow To Earn“. Das heißt, die Kinder bekommen jetzt nicht nur zu essen, sondern die Eltern verdienen mit dem Anbau auch Geld. Sie haben ein Einkommen. Sie helfen sich  selber. Das ist nachhaltig.

Was ist die Voraussetzung dafür?
OBAMA: Natürlich aber brauchen wir als Hilfsorganisation Unterstützung in Form von Spenden. Nur so können wir für die Menschen ein aufklärendes Umfeld schaffen. Ohne das geht es einfach nicht. Dabei steht aber immer die Veränderung der Sichtweise im Vordergrund.

Auf Einladung der L-Bank kommt Dr. Auma Obama zum Wirtschaftsforum am Donnerstag, 9. Juni, 10.30 bis 16.30 Uhr, nach Ulm. Dabei geht es um Finanzierungsfragen für Mittelständler. Anmeldung zu der kostenlosen Veranstaltung  unter:  www.l-bank.de/wifo.

Zur Person

Dr. Auma Obama wurde 1960 in Kenia geboren. Sie studierte Germanistik, Soziologie und Philologie in Heidelberg und Bayreuth und promovierte in Philologie. Danach ging sie nach England und arbeitete in einem Jugendamt. Zurück in Kenia engagierte sie sich fünf Jahre für die Hilfsorganisation Care. 2011 gründete sie ihre Stiftung „Sauti Kuu“ (Starke Stimmen), mit der sie arme Kindern betreut und ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der US-Präsident Barack Obama ist ihr jüngerer Halbbruder.

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