Tollkühner Plan Tesla-Planspiele: Flieht Elon Musk von der Wall Street?

Musk verkündete in einem überraschenden Tweet, er erwäge Tesla bei einem Aktienkurs von 420 Dollar zu privatisieren, also von der Börse zu nehmen. Foto: Andrej Sokolow
Musk verkündete in einem überraschenden Tweet, er erwäge Tesla bei einem Aktienkurs von 420 Dollar zu privatisieren, also von der Börse zu nehmen. Foto: Andrej Sokolow © Foto: Andrej Sokolow
New York / Von Hannes Breustedt, dpa 08.08.2018

Die Finanzwelt ist einiges von Elon Musk gewohnt, doch jetzt treibt der Tesla-Chef es auf die Spitze.

Mit seiner völlig überraschenden Ankündigung, den Elektroautobauer von der Börse nehmen zu wollen, ließ der schillernde Tech-Milliardär am Dienstag seine bislang wohl größte Bombe platzen. Nun stehen etliche große Fragen im Raum: Was verbirgt sich hinter dem tollkühnen Plan? Was treibt Musk um? Und könnte so ein finanzieller Kraftakt überhaupt gelingen?

Der Abschied von der Börse sei seiner Meinung nach „der beste Weg nach vorne“, schrieb Musk den Mitarbeitern seiner Firma in einer Rundmail, die Tesla veröffentlichte. Zuvor hatte der Firmenchef mit seinen Tweets ein großes Chaos an den Finanzmärkten angerichtet und einen zwischenzeitlichen Handelsstopp der Tesla-Aktie ausgelöst. Doch auch nach Musks ausführlicher Erklärung bleibt vieles im Unklaren.

Der 47-jährige Starunternehmer hat gute Gründe, Tesla privatisieren zu wollen. In seinen eigenen Worten: „Als börsennotiertes Unternehmen sind wir wilden Schwankungen unseres Aktienkurses ausgeliefert, die eine große Ablenkung für alle sein können, die bei Tesla arbeiten.“ Zudem sorge die Pflicht, Quartalszahlen zu veröffentlichen, für enormen Druck. Der Wunsch, dem Rampenlicht und den Ansprüchen der Finanzmärkte zu entfliehen, ist nachvollziehbar, zumal Musks Nervenkostüm zuletzt schon arg strapaziert wirkte.

In den letzten Monaten, in denen sich Tesla schwer damit tat, seine ambitionierten Produktionsziele beim Hoffnungsträger Model 3 zu erreichen, reagierte Musk zunehmend gereizt auf Kritik. Bei einer Telefonkonferenz sorgte er für einen Eklat, indem er Fragen von Analysten als „langweilig“ und „nicht cool“ ablehnte. Bei Twitter pöbelte er gegen Finanzmarktteilnehmer, die auf einen Kursverfall der Tesla-Aktie spekulieren und auch kritische Journalisten bekamen ihr Fett weg. Im Zusammenhang mit dem Höhlen-Drama in Thailand bezeichnete er einen Rettungsschwimmer völlig unbegründet als „Pädophilen“.

Auch wenn Musk sich später für seine Aussetzer entschuldigte, bleibt der Eindruck: Dieser Mann ist am Limit. Angesichts seiner Rastlosigkeit und zahlreicher Großprojekte wäre das auch nur verständlich - neben Tesla betreibt Musk die Raketenfirma SpaceX und die Tunnelbohrgesellschaft Boring Company, zudem engagiert er sich stark bei der menschlichen Rohrpost Hyper Loop und in Sachen künstliche Intelligenz. Tesla sorgt wegen der Börsennotierung in Zeiten der Probleme beim Model 3 und knapper Finanzreserven für viel zusätzlichen Stress und ständigen Rechtfertigungsdruck.

Musk glaubt, die Firma sei dann „am besten, wenn wir auf unsere langfristige Mission fokussiert bleiben können und wenn keine perversen Anreize für Menschen bestehen, die versuchen zu gefährden, was wir erreichen wollen“. Das ist ein weiterer Seitenhieb gegen die vielen Finanzspekulanten, die auf Teslas Niedergang wetten. Diesen „Shortsellern“ konnte Musk ein Schnippchen schlagen, denn nach den Tweets schoß der Kurs der Tesla-Aktie in die Höhe.

Auf großes Verständnis bei den Investoren darf Musk aber nicht hoffen: Letztlich mute Musks Kritik beinahe bizarr an, kommentierte das „Wall Street Journal“. Denn tatsächlich habe Tesla von der Börse in großem Stil profitiert und hätte ohne sie nie so viel Geld auftreiben können - die Aktionäre würden seit Jahren über hohe Verluste hinwegsehen.

Musks Planspiele und die Art, wie er sich kommuniziert hat, werfen jedoch noch ganz andere Fragen auf. Mit seinen Tweets über einen möglichen Abgang von der Börse hat der Tesla-Chef den Kurs hochgetrieben und Milliarden an Aktienkapital bewegt. Musk schrieb nicht nur, die Finanzierung für einen Deal, Tesla von der Börse zu nehmen, sei gesichert. Er orakelte auch, dass Aktionäre ihre Anteile mit großem Aufschlag veräußern können sollten. Details blieben aber aus. Für den Tesla-Chef könnte all das noch Konsequenzen haben.

Musk müsse den Nachweis erbringen, das die Finanzierung stehe, sagte Rechtsprofessor John C. Coffee von der Columbia Law School dem Portal „Yahoo Finance“. „Aber wenn er dies nicht belegen kann, riskiert er einen großen Rechtsstreit“. Auch ob die US-Börsenaufsicht SEC mit Musks ungewöhnlichem Vorgehen einverstanden ist, massiv kursrelevante Aussagen einfach während der öffentlichen Handelszeiten per Twitter zu verbreiten, bleibt abzuwarten.

Nebulös bleibt bislang auch, ob und wie sich sein Privatisierungsplan überhaupt umsetzen lassen würde. „Unterstützung der Investoren ist gesichert“, twitterte Musk zwar. Mit einer Beteiligung von rund 20 Prozent ist er zudem selbst der größte Aktionär und kann viel Einfluss ausüben. Auch Teslas Verwaltungsrat scheint der Sache nicht abgeneigt und teilte am Mittwoch mit, Musks Pläne prüfen zu wollen. Doch finanziell wäre das Ganze ein enormer Kraftakt. Musk will Tesla bei einem Aktienkurs von 420 Dollar privatisieren, das würde einer Gesamtbewertung von 82 Milliarden Dollar entsprechen. Ein solch dicker Brocken wurde noch nie zuvor von der Börse genommen.

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