Teva „Biotech macht den Standort stark“

Sieht gute Wachstumsmöglichkeiten: Teva-Deutschlandchef Christoph Stoller. 
Sieht gute Wachstumsmöglichkeiten: Teva-Deutschlandchef Christoph Stoller.  © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Alexander Bögelein 01.09.2018

Der Pharmariese Teva aus Israel ist angeschlagen. Das Sparprogramm, in dessen Rahmen 7000 von 57 000 Stellen abgebaut und weltweit 14 Fabriken geschlossen, werden, traf auch Teva Deutschland, obwohl die Geschäfte hier gut laufen. Nach schmerzhaften Einschnitten gibt es wieder ­positive Signale: „Biotech macht den Standort Ulm stark“, sagt Deutschland-Chef Christoph Stoller.

In Fachmedien wird bereits viel über neue Medikamente gegen Migräne berichtet. Wie viele Menschen
leiden an Migräne?

Christoph Stoller: Migräne ist die am dritthäufigsten verbreitete Krankheit. Sie ist weiter verbreitet als Diabetes, Epilepsie und Asthma zusammen. Weltweit leidet jeder zehnte Mensch darunter, in Deutschland sind 8 Mio. Menschen betroffen.

Warum kommen auf einen Schlag mehrere Konzerne mit neuen Migräne-Präparaten auf den Markt?

Von den Betroffenen, die einer Therapie bedürfen, werden weltweit nur 13 Prozent adäquat behandelt. Gerade für die Patienten mit Chronischer Migräne bedarf es dringend neuer Behandlungsmöglichkeiten zur Vermeidung von Migränetagen, denn sie sind in ihrem Alltag stark eingeschränkt.

Was ist Chronische Migräne?

Migräne ist mehr als Kopfschmerz – es ist eine neurologische Erkrankung mit Symptomen wie starken Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen sowie extreme Empfindlichkeit für Licht, Lärm, Berührung und Geruch. Die Patienten sind durch die Symptome extrem in ihrer Handlungsfähigkeit und in ihrem Alltag eingeschränkt. Treten an mehr als 15 Tagen Kopfschmerzen auf, die in der Mehrzahl die typischen Kennzeichen von Migräneattacken aufweisen, kann es sich um eine Chronische Migräne handeln. Bisher gab es nur begrenzte Möglichkeiten zur Vorbeugung, um die sich anbahnenden Symptome zu stoppen.

Wo befindet sich Teva Deutschland in diesem Wettlauf in dem  milliardenschweren Markt?

Unser vorrangiges Ziel ist es, Migränepatienten so schnell wie möglich eine vorbeugende Behandlungsmöglichkeit zu bieten. Teva hat ein verschreibungspflichtiges Medikament entwickelt, das auf biotechnologisch hergestellten Antikörpern beruht und sich momentan in der Zulassung befindet. Die Entscheidung der Europäischen Arzneimittel-Agentur erwarten wir im ersten Halbjahr 2019. Bis dahin bereiten wir uns intensiv auf die Markteinführung vor.

Teva fertigt in seinem Werk in Ulm bisher vier Arzneimittel biotechnologisch. Was ist das Besondere an dieser Form von Medikamenten?

Aufgrund ihrer Komplexität lassen sich Biopharmazeutika nicht auf chemischem Weg herstellen, sondern nur mittels moderner und aufwendiger Verfahren der Biotechnologie. So werden sie in lebenden Organismen wie zum Beispiel in bestimmten gentechnisch veränderten Säugetierzellen hergestellt. Sie lassen sich so programmieren, dass sie genau an bestimmten Zielen im Körper andocken. Sie wirken hocheffizient und selektiver als ein chemisches Molekül.

Ist das die große Wachstumspille?

Biopharmazeutika eröffnen neue Behandlungsmöglichkeiten bei schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen. Sieben der zehn ausgabenstärksten Arzneimittel in Deutschland sind Biopharmazeutika. Bei Teva liegt im Bereich der Spezialmedikamente der Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten auf Biopharmazeutika. Diese sind einer der Hauptpfeiler der neuen Teva-Strategie und ein Wachstumsgenerator. Biotech macht unseren Standort stark.

Wie weit sind sie inzwischen mit dem Bau der 500 Millionen Euro teuren Biotech-Anlage für den Standort Ulm?

Wir liegen absolut im Zeitplan und  werden dieses Jahr noch mit der Installation der Produktionsanlagen beginnen. Auch der Aufbau des Teams kommt gut voran. Von den bis zu 300 Arbeitsplätzen haben wir 100 bereits besetzt.

Bis wann wird das erste Medikament die Anlage verlassen?

Das wird vermutlich in der zweiten Hälfte 2020 sein. Der Markt, in dem wir uns bewegen, ist stark reglementiert. Auch die Abnahme und Zertifizierung der Produktionsanlage und der Produkte durch die europäischen und amerikanischen  Gesundheitsbehörden nehmen viel Zeit in Anspruch.

Biotech-Experten sind weltweit gesucht. Bekommt Teva genug Fachkräfte – auch aus dem Ausland?

Wir müssen uns anstrengen, ­keine Frage.  Wir engagieren uns im betrieblichen Gesundheitsmanagement, haben gerade ein ­Programm für Smart Working gestartet und beispielsweise einen betriebseigenen Kindergarten. Gerade den schätzen junge Arbeitskräfte mit kleinen Kindern. Dafür werden wir auch im Ausland bewundert, dass es solche Angebote überhaupt gibt. Daher gelingt es uns auch, hochqualifizierte Kräfte zu gewinnen.

Wie weit ist die Restrukturierung in Deutschland?

Hier in Deutschland ist sie so gut wie abgeschlossen. Es ist wichtig, dass man solche Maßnahmen schnell macht. Damit man nach vorne schauen kann und die Stimmung wieder gut wird.

Was heißt das in Zahlen?

Wir haben 10 Prozent der Stellen abgebaut, die Mehrheit der rund 200 betroffenen Mitarbeiter hat das Unternehmen bereits verlassen. Wir sind froh, dass wir das mit dem Betriebsrat im Rahmen eines Sozialplans ohne Kündigungen geschafft haben.

Welche Stellung hat Deutschland im Teva-Konzern?

Deutschland ist zum einen in Europa der größte Markt, weltweit hinter den USA die Nummer 2. Zum anderen ist der Standort Ulm konzernweit der größte und auch der komplexeste. Wir haben unter anderem die größte Bandbreite in der Produktion.

Wie sehen die Verkaufszahlen aus?

Wir haben schon das Jahr 2017 über Plan abgeschlossen. Auch mit dem ersten Halbjahr 2018 können wir sehr zufrieden sein.

Aber bei Generika herrscht seit
Jahren ein extremer Preisdruck.

Das ist richtig. Die Preise können eigentlich nicht mehr tiefer fallen. Die Tagestherapiekosten von Generika betragen nach Abzug des Rabatts an die Krankenkassen 6 Cent. Generika machen zwar 78 Prozent der Verschreibungen aus, aber sie nehmen nur 9 Prozent des Arzneimittelbudgets der gesetzlichen Krankenkassen in Anspruch.

Was ist die Konsequenz?

Einige Anbieter können da nicht mehr mithalten, es findet eine Konsolidierung statt. Bei vielen Therapiegebieten gibt es nur noch drei Unternehmen, die noch entsprechende Medikamente anbieten.  Angesichts der extrem geringen Marge benötigen sie riesige Mengen, um das machen können. Neben Teva gibt es in Deutschland nur noch zwei Unternehmen, die ein so umfassendes Generika-Portfolio anbieten.

Was bedeutet das?

Das ist eine Herausforderung. Bei versorgungskritischen Medikamenten wie beispielsweise Antibiotika möchte man nicht von anderen Ländern abhängig sein. Nicht auszudenken, wenn diese die Belieferung einschränken oder stoppen.

Schon heute kommen mehr als
98 Prozent der weltweiten Antibio­tika aus drei Standorten in Asien.

Das stimmt. Ich glaube, dass in der Politik angekommen ist, dass solche Abhängigkeiten problematisch sind.

Erfolgreiche Marke Ratiopharm

Wie kein anderer Pharmakonzern stand Teva in der Vergangenheit für Finanz- und Wachstumsstärke. Die 40 Mrd. Dollar teure Übernahme der Generikasparte des Konkurrenten Actavis entpuppte sich als Desaster. Zudem hat der Umsatzbringer Copaxone seinen Patentschutz in den USA und damit seine Ertragskraft verloren. Der Börsenkurs ist seit 2015 um zwei Drittel abgesackt. Im ersten Halbjahr wies das israelische Unternehmen einen Verlust von 5,5 Mrd. Dollar (4,7 Mrd. €) aus.

In Deutschland ist der israelische Konzern dagegen erfolgreich. Dennoch kam es zu Stellenabbau. Derzeit arbeiten 2000 Mitarbeiter in Ulm, im nahegelegenen Blaubeuren 500. Vor drei Jahren beschäftigte Teva in Deutschland noch 3100 Mitarbeiter.

Bei frei verkäuflicher Arznei ist Teva mit seiner Marke Ratiopharm der Menge nach die Nummer eins hierzulande und wächst stark. Die großen Umsatzbringer sind Generika und patentgeschützten Medikamente. Bei letzterem liegt der Schwerpunkt auf den Themen Onkologie, Schmerz und zentrales Nervensystem.

Christoph Stoller (45) arbeitet seit zehn Jahren für Teva. Seit Mitte 2017 verantwortet der Schweizer Staatsbürger das Deutschlandgeschäft. amb

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