Erste Warnstreiks gab es bei Porsche schon letzte Woche. Von Montag an will die IG Metall mit massiven Arbeitsniederlegungen die Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie zum Einlenken bewegen. Sie fordert nicht nur 6 Prozent mehr Lohn, sondern auch die Möglichkeit, die Arbeitszeit auf 28 Stunden zu verkürzen mit teilweisem Lohnausgleich für einzelne Gruppen. Aber müssen es immer gleich Streiks sein? Als Alternative empfiehlt der Frankfurter Rechtsanwalt und Mediator Prof. Jörg Risse eine Mediation.

In der Tarifrunde der Metallindustrie will die IG Metall ab dem 8. Januar mit Warnstreiks starten. Sind die noch ein zeitgemäßes Mittel in Tarifverhandlungen?

Jörg Risse: Ja. Die Gewerkschaft sucht die nächste Stufe der Eskalation, weil die Verhandlungen noch nicht zum Erfolg geführt haben. Warnstreiks sind ein Mittel, sie voranzubringen. Aber es gibt Alternativen, die weniger volkswirtschaftlichen Schaden anrichten und trotzdem eine gewisse Eskalation bewirken.

Woran denken Sie?

Wenn bilaterale Verhandlungen nicht gefruchtet haben, muss man  Neues versuchen. Möglich ist, einen Dritten in die Verhandlungen einzuschalten, der den Verhandlungsprozess für und mit den Parteien steuert. Dadurch können sie sich auf die Inhalte konzentrieren, statt sich um Verfahrensfragen kümmern zu müssen.

Häufig wird ein Schlichter eingeschaltet. Aber Sie haben etwas anderes im Sinn?

Bei einer Schlichtung macht eine Person mit hoher Autorität, oft ein Politiker, einen inhaltlichen Vorschlag zur Güte. Er schlüpft in eine Art Ersatzrichter-Rolle. Allerdings kann er keine verbindliche Entscheidung anordnen. Mein Vorschlag ist die Mediation. Da macht der Mediator keinerlei inhaltlichen Vorschläge. Er sorgt nur dafür, dass die Verhandlungen strukturiert und zielorientiert geführt werden.

Sie arbeiten als Mediator. Welche Erfahrungen haben Sie in Tarifverhandlungen gemacht?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Einschaltung eines Mediators den Parteien viel bringt. Sie erkennen, dass eine neue Eskalationsstufe erreicht ist und dass es ernster wird. Sie strengen sich mehr an. Gleichzeitig sorgt der Mediator für eine beruhigtere Verhandlungsatmosphäre. Wenn Tarifverhandlungen gescheitert sind, sind häufig die Verhandlungsführer persönlich ineinander verhakt, gerade wenn es zu Warnstreiks kommt. Das lässt sich durch einen neutralen Dritten auflockern, der die Verhandlungsleitung übernimmt. Nach meinen Erfahrungen funktioniert das sehr gut.

Was kann ein Mediator, was die Tarifparteien nicht können?

Er kann beispielsweise typische Gesprächsmuster in dieser Phase auflösen. Etwa, wenn nur noch mit „Ja, aber“ argumentiert wird. Dann reden die Parteien nicht mehr miteinander, sondern verteidigen nur noch ihre Position. Der Mediator kann dafür sorgen, dass fünf Minuten nur über das Ja und fünf Minuten nur über das Aber geredet wird. Das ist zielgerichtet.

Wie sonst kann er die Verhandlungen voranbringen?

Er kann bereits erzielte Verhandlungsergebnisse zu Papier bringen als eine Art Notar. Er schreibt den ersten Entwurf des Tarifvertrags und macht kenntlich, wo sich die Parteien noch nicht einig sind. Dadurch merken die, dass sie schon bei vielen Dingen übereinstimmen. Die Protokollierung der Erfolge erleichtert nach meinen Erfahrungen die endgültige Einigung. Und selbst wenn das nicht passiert, wissen die Parteien: Alles, was wir noch regeln müssen, sind die Leerstellen im Entwurf. Beispielsweise die Lohnprozente. Darauf aufbauend können sie einen Schlichter einschalten. Der kann dann viel schneller zu einem Ergebnis kommen, weil er genau weiß, was noch offen ist.

Bedeutet das Einschalten eines Mediators nicht einen Gesichtsverlust der Tarifpartner?

Nein, es ist sogar gesichtswahrend. Denn keiner außer den Tarifparteien erfährt, dass ein Mediator eingeschaltet wird. Anders als die Schlichtung geht das nicht an die Öffentlichkeit. Manche verwechseln einen Mediator mit einem Coach oder Psychiater. Damit hat es aber nichts zu tun.

Ließe sich das in einer großen Branche wie der Metallindustrie überhaupt verschweigen?

Das müssen Sie die Tarifparteien fragen. In anderen großen Branchen hat es sehr gut geklappt. Ich habe aber auch erlebt, dass es gar nicht verschwiegen, sondern zumindest den betroffenen Gewerkschaftsmitgliedern in einem internen Rundbrief mitgeteilt wurde.

Können Sie Beispiele von Branchen nennen, wo Sie schon aktiv geworden sind?

Nein, da bin ich an die Vertraulichkeit gebunden.

Mit Warnstreiks demonstrieren die Gewerkschaftsmitglieder, dass sie hinter den Forderungen stehen, und die Gewerkschaften werben damit gern um neue Mitglieder. Welche Rolle spielt das bei einer Mediation?

Auch solche und andere Interessen muss ein Mediator berücksichtigen. Ein Warnstreik kostet die Gewerkschaft möglicherweise Geld und Sympathie in der Öffentlichkeit, beispielsweise ein Streik in Kindertagesstätten. Der Mediator bespricht mit den Parteien Kosten und Nutzen dieser Eskalation. Außerdem kann er vertrauliche Einzelgespräche mit ihnen führen. Wenn ich Vertrauen aufgebaut habe, sagt mir eine Gewerkschaft auch mal: Uns ist wichtig, unseren Mitgliedern zu demonstrieren, dass wir kampfbereit sind. Vielleicht sogar, dass sie in Konkurrenz zu einer anderen Gewerkschaft steht und neue Mitglieder braucht. Dann kann ich sagen: Das verstehe ich – aber jetzt lasst uns mal strukturiert eine Viertelstunde nur über Nachteile von Warnstreiks reden. Und danach reden wir über ihre anderen Interessen.  Das zwingt die Tarifpartner, die Situation von allen Seiten zu beleuchten.

In der Metallindustrie geht es jetzt nicht nur um mehr Geld, sondern auch um den Anspruch, die Arbeitszeit zeitweise zu verkürzen mit einem teilweisen Lohnausgleich für bestimmte Gruppen. Ist das für eine Mediation zu kompliziert?

Das ist gerade besonders gut geeignet. Ein Mediator organisiert komplexe Verhandlungen, und ermöglicht, Äpfel gegen Birnen zu tauschen. Beispielsweise mögliche Arbeitszeitverkürzung gegen die Laufzeit des Tarifvertrags. Üblicherweise sind die Arbeitgeber an einer langen Laufzeit interessiert, um die Sicherheit für die Planung der nächsten fünf Jahre zu erlangen. Die Gewerkschaften haben dagegen lieber kürzere Fristen. Wenn sie unbedingt eine Arbeitszeitverkürzung wollen, ist es also sinnvoll, darüber zu reden, in welchen anderen Bereichen sie den Arbeitgebern wiederum entgegenkommen können. Beispielsweise etwa durch vier Jahre Laufzeit des Tarifvertrags. So ein Tausch von Äpfeln mit Birnen ist sehr komplex und meist nur zu schaffen, wenn ein Dritter die Verhandlungen strukturiert und die Parteien dazu bringt, über intelligente Tauschpaare nachzudenken.

Wüssten Sie, wie Sie die Metallindustrie in die richtige Richtung bringen könnten?

Ich bin nicht der inhaltliche Experte, um zu beurteilen, ob das Tauschpaar Arbeitszeitverkürzung gegen Lohnerhöhung super wäre. Das müssen immer die Tarifpartner entscheiden. Ich kann nur anregen: Habt Ihr über ein solches Tauschgeschäft schon mal nachgedacht? Dann sagen die zunächst: Das sind doch Äpfel und Birnen. Aber genau um solche intelligenten Tauschpaare geht es.

Ein recht neuer Weg in Deutschland


Die Mediation als Weg zur Streit­schlichtung ist in Deutschland, im Gegensatz zu den USA, noch recht neu. Der Rechtsanwalt Jörg Risse hat schon seit einigen Jahren Erfahrungen nicht nur als Schiedsrichter, sondern auch als Mediator gesammelt. Der promovierte Jurist hat unter anderem an der US-Universität Berkeley studiert. Seit 2002 ist er Partner der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie in Frankfurt am Main. Seit 2013 lehrt er als Honorarprofessor Verhandlungsführung und -management an der Uni Mannheim. dik