Call-by-Call 110 Euro für sieben Anrufe

BEACHTEN: NPG-LIZENZ Von Jamesbin Lizenzfreie Stockvektornummer: 751049308 Phone answer, Illustration, Hand, Telefon, Hörer, gelb, schwarz Download am 01.08.2018 für WIRT Foto: ©Jamesbin/Shutterstock.com
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Ulm / Von Melissa Seitz 02.08.2018

Fein säuberlich hat sich Herbert F. die Tabellen mit den günstigen Telefontarifen aus der Zeitung herausgeschnitten. „Wir benutzen schon seit langem Tarifvorwahlen“, erzählt der Rentner aus dem Zollern­albkreis. „Bis jetzt hat auch immer alles geklappt.“ Als er jedoch Anfang Juli die Telefonrechnung aus dem Briefkasten zog, traute er seinen Augen nicht: Der Betrag lautete 160 €, davon entfielen 110 € für Anrufe ins Ausland – genauer gesagt nach Zagreb (Kroatien). „Meine Mutter wohnt dort. Sie ist 94 Jahre alt und hat Rückenprobleme“, erzählt die Ehefrau von Herbert F. „Ich rufe sie regelmäßig an.“

Insgesamt sieben Mal hat sie im April mit ihr telefoniert. 0,55 Cent pro Minute sollte das Gespräch mit der Vorwahl 01086 nach Kroatien kosten – so stand es in der Tariftabelle, die Herbert F. aus der Tageszeitung am 9. April ausgeschnitten hat. Doch der Telefonanbieter hat im April seine Tarife stufenweise von 0,55 Cent auf 99 Cent erhöht. Das ist das 180-fache!

Preisansagen sind Pflicht

Der Anbieter verweist auf seine automatische Tarifansage. Doch die gab es nach den Worten des Ehepaars in keinem der Fälle im April. „Wir wurden einfach weitergeleitet. Hätte eine Stimme am Apparat uns mitgeteilt, dass das Gespräch 99 Cent pro Minute kostet, hätten wir doch sofort aufgelegt“, betont Herbert F.

Eine Tarifvorwahl ohne Ansage ist gesetzeswidrig, sagt Karin Thomas-Martin von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Seit 2012 sind Call-by-Call-Anbieter gesetzlich verpflichtet, vor Beginn eines Telefonats den Preis pro Minute anzugeben. „Es kann aber immer mal wieder technische Defekte geben“, sagt Thomas-Martin. „Das will ich nicht ausschließen.“ Doch gleichzeitig warnt sie: „Wer keine Tarifansage hört, sollte sofort wieder auflegen und eine andere Vorwahlnummer nehmen.“ Nach ihrer Erfahrung nutzen vor allem ältere Menschen die Tariftabellen in den Zeitungen.

Doch die Tarife würden sich im Laufe der Zeit ändern. Im Internet stünden die Tarife tagesaktuell. Doch viele ältere Menschen haben keinen Internetzugang – auch das Ehepaar F. nicht. Nach den Angaben der Verbraucherschützerin überhören viele Kunden die Preisansage und gehen davon aus, dass sich am Tarif nichts geändert hat. Doch das ist ein Fehler. Auch wenn OneTel nach eigenen Angaben „nicht zu den großen Abzockern gehört“, nutzt der Anbieter die in der Branche üblichen Mechanismen.

Mit günstigen Tarifen erscheint man weit vorne in den Tariftabellen und gräbt sich zugleich auch im Gedächtnis der Verbraucher ein. Danach werden die Tarife angehoben, manchmal moderat und stetig, mitunter wird der Preis laut Thomas-Martin von Cent pro Minute in Euro pro Minute angehoben.

Prozess könnte Jahre dauern

Für die beiden Rentner aus Balingen könnte die Sache ein gutes Ende nehmen. Dazu brauchen sie aber Ausdauer und starke Nerven. „Wenn der Preis pro Minute plötzlich um mehr als hundert Prozent vom ‚normalem Tarif’ – also vom Mittelwert der üblichen Tarife – abweicht, dann könnte das ein sittenwidriger Preis sein“, erklärt Thomas-Martin. Aber eine Klärung vor Gericht ist immer mit einem Risiko verbunden und kann sich mehr als ein Jahr hinziehen.

Ob sich das bei der Rechnung des Rentnerpaares lohnt, ist fraglich. Herbert F. und seine Frau haben auf jeden Fall aus ihrem Erlebnis gelernt. „Wir haben jetzt eine andere Vorwahl herausgesucht und achten immer genau auf die Tarifansage.“

Was Verbraucher beachten sollten

1 Wichtig ist es, Vorwahlen zu vergleichen. Manche Anbieter ändern mitunter sehr kurzfristig ihre Preise. Entscheidend ist daher, auf die Tarifansage zu achten, sagt Verbraucherschützerin Karin Thomas-Martin.

2 Wer sich Vorwahlen im Internet heraussucht, sollte einen Screenshot machen. Das hilft bei Ärger mit einer zu hoch abgerechneten Telefonaten. So kann man nachweisen, mit welchen Angaben der Anbieter geworben hat.

3 Wer sich für eine Vorwahl entscheidet und anruft, muss auf die Ansage am Anfang des Gespräches hören. Ist die Computerstimme am Apparat undeutlich, sollte man sofort auflegen.

4 Hat die Computerstimme Euro pro Minute oder Cent pro Minute gesagt? Auch das ist einer der Tricks der Anbieter.

5 Wenn keine Preisansage erfolgt, gilt: auflegen. In diesem Fall weiß der Anrufer nicht, welche Kosten auf ihn zukommen.

6 Wer trotz aller Vorsicht bei einem dubiosen Call-by-Call-Anbieter gelandet ist, sollte zeitnah die Bundesnetzagentur (Telefon 030/22 480 500) informieren. „Im Nachhinein ist ein Betrug nämlich schwer nachzuweisen“, sagt Thomas-Martin. sei

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