Stuttgart / Roland Muschel CDU-Landtagsfraktion stellt Mittel im Doppelhaushalt 2020/2021 in Aussicht. Fachkräftesicherung und Digitalisierung gelten als größte Herausforderung für die Branche.

Um das Handwerk in Baden-Württemberg zukunftssicher zu machen, denkt die Regierungspartei CDU nun doch über einen „Meisterbonus“ nach. „Wir prüfen alle Möglichkeiten, wie man die Meisterausbildung insgesamt noch attraktiver gestalten kann. Wege dazu könnten etwa ein Meisterbonus oder eine Gründungsförderung für Meister sein“, sagte der Handwerksexperte der CDU-Landtagsfraktion, Thomas Dörflinger, dieser Zeitung. Es solle auch Gespräche mit Kammern und Verbänden über eine mögliche Kostenentlastung bei der Meisterausbildung geben. „Wir sind zuversichtlich, dass wir mit dem nächsten Doppelhaushalt 2020/21 die Unterstützung des Meisters angehen können.“

Im Januar hatte Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) einen Vorstoß der FDP für Einführung eines Meisterbonus noch zurückhaltend kommentiert. Nun will die CDU die Förderung möglichst auch auf Meister in der Industrie ausweiten. Druck von Handwerkstag und Industrieverbänden, das Agieren der Mehrheit der Bundesländer, die, wie Niedersachsen, Meistern bis zu 4000 € Prämie gewähren, sowie neue Zahlen über die Branche scheinen ein Umdenken bewirkt zu haben.

Ob Flaschner, Fliesenleger oder Fensterbauer, Handwerker sind kaum noch zu bekommen. Das liegt unter anderem an den niedrigen Zinsen und dem Bauboom.

Insbesondere die Fachkräftegewinnung und -sicherung gilt als große Herausforderung für das Handwerk im Land. Das zeigt ein 46-seitiges Antwortschreiben von Hoffmeister-Kraut auf eine noch unveröffentlichte große parlamentarische Anfrage der CDU-Fraktion zur Zukunft der Branche, die dieser Zeitung vorliegt.

40.000 Stellen für Fachkräfte sind unbesetzt

„Man geht derzeit von rund 9000 Lehrstellen und von rund 40.000 Stellen für Fachkräfte, vor allem für Gesellen und Meister aus, die nicht besetzt werden können“, schreibt die Ministerin. Besonders treffe dies das Bauhaupt- und das Nahrungsmittelgewerbe, mittlerweile seien aber alle Handwerksberufe betroffen.

Die Folgen sind längst spürbar. „Die fehlenden Fachkräfte führen zu einer extrem hohen Auslastung der Betriebe und zu hohen Wartezeiten bei den Kunden“, beschreibt Hoffmeister-Kraut die angespannte Lage. Zudem fehlten den Betrieben Kapazitäten für Schulungen und neue Projekte. Die Situation droht sich noch zu verschärfen: Den Betrieben fehlen auch genügend qualifizierte Leute für eine Übernahme. Dabei stehen in Baden-Württemberg in den kommenden fünf Jahren rund 18.000 Betriebe zur Übergabe an.

Angesichts des Fachkräftemangels im Handwerk hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bei Schulabgängern für die Berufe geworben.

„Akademisierung der Gesellschaft ist ein Irrweg“

Angesichts der Zahlen schlägt CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart Alarm: „Wir müssen noch mehr junge Menschen für das Handwerk begeistern. Die Akademisierung der Gesellschaft ist ein Irrweg. Der Hochschulabschluss darf nicht als einziges erstrebenswertes Ziel ausgegeben werden“, warnt er. Das Handwerk habe noch immer goldenen Boden. Es gebe aber zu viele Eltern, die ihren Kindern von einer Ausbildung im Handwerk abrieten.

Die Lücke füllen vielerorts Flüchtlinge. Dank der „3+2-Regelung“ sei es vielen Arbeitgebern gelungen, wieder Lehrlinge zu finden. Die Regelung besagt, dass Geduldete nach dreijähriger Ausbildung hierzulande noch mindestens zwei Jahre in ihrem Beruf arbeiten dürfen. „Der Anteil von Geflüchteten an den Auszubildenden im Handwerk nähert sich mittlerweile der 10-Prozent-Marke.“ Die Branche leiste damit einen „unschätzbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land“, lobt Reinhart.

Das Handwerk bildet überproportional viele Lehrlinge aus und stellt mehr als ein Viertel der Auszubildenden im Südwesten.

Das könnte dich auch interessieren:

Gefühlt liest man es jeden Tag: Unfall auf der A8. Ist die Autobahn 8 besonders gefährlich? Wir haben nachgefragt.

Nach den Misshandlungsvorwürfen gegen eine Göppinger Altenpflegerin wird klar: Die Internetbekanntschaft der Frau stiftete bereits mehrere Frauen zu Missbrauchstaten an.

Weniger Betriebe, mehr Umsatz

Rund 80.000 zulassungspflichtige Handwerksbetriebe zählt Baden-Württemberg. Vor zehn Jahren waren es noch fast 84 000. Ein Mangel an Nachfolgern und Gründern sowie Konzentrationsprozesse gibt das Wirtschaftsministerium als Gründe für den Rückgang an. Die Umsätze sind im gleichen Zeitraum aber von 71 Mrd. € um rund 22 Prozent auf nunmehr 71 Mrd. € gestiegen.

Dazu kommen knapp 29.000 Betriebe im zulassungsfreien Handwerk, also ohne Meisterpflicht, mit einem Umsatz von 8,3 Mrd. €.