Tokio / Dieter Keller  Uhr

Erstmals seit 2010 ist ein deutscher Bundeswirtschaftsminister nach Japan gekommen. Das betont Hiroshige Seko erfreut, als er seinen Amtskollegen Peter Altmaier in seinem schmucklosen Ministerium in Tokio empfängt. Oder ist dies auch auch ein bisschen kritisch gemeint? Seit Rainer Brüderle hat sich jedenfalls kein Wirtschaftsminister mehr die Mühe gemacht.

Seko will sich mit Altmaier über die Handelspolitik austauschen – und hören, wie die politische Lage in Deutschland ist, wie er gleich zu Anfang des Gesprächs betont. Die Turbulenzen in Berlin nach den Wahlen in Hessen und Bayern haben den CDU-Politiker schnell eingeholt. Die deutsche Regierung sei stabil, versichert er. „Vorhin zumindest war sie noch im Amt“, scherzt er mit Blick auf seinen letzten Telefonanruf. Union und SPD seien entschlossen, die Regierung fortzuführen. „Und ich bin optimistisch, in meiner Amtszeit ein weiteres Mal nach Tokio zu kommen.“ Dann müsste sie bis 2021 halten.

Dass die Politik auch in Japan nicht immer einfach ist, zeigen große Orchideen-Gebinde an der Wand. Wirtschaftsminister Seko hat sie bekommen, weil er bei der letzten Regierungsumbildung im Oktober seinen Posten behalten durfte.

Für seine erste Asien-Reise als Bundeswirtschaftsminister hat sich Altmaier bewusst nicht für China als Ziel entschieden, sondern für Japan. Das Land ist zwar nur der zweitwichtigste deutsche Handelspartner in der Region. Aber man habe eine Wertegemeinschaft, betont er. Japan ist eine Demokratie, hat ähnliche Traditionen und ähnliche Probleme wie die alternde Bevölkerung. Und es gilt, eine lange Freundschaft zu pflegen. Mit China ist das alles viel schwieriger.

Außerdem kämpfen Deutschland und Japan mit zunehmendem Protektionismus. Beide stecken in schwierigen Verhandlungen mit den USA. Da kommt es sehr gelegen, dass das Freihandelsabkommen EPA zwischen der EU und Japan im nächsten Jahr in Kraft treten soll, das im Juli vereinbart wurde. Die Verhandlungen liefen schon länger, doch die Politik des US-Präsidenten Donald Trump hat ihnen einen zusätzlichen Schub gegeben.

Die EU erhofft sich insbesondere, Agrarprodukte leichter nach Japan exportieren zu können. Noch erhebt Japan 13 Prozent Einfuhrzoll. Allein bei verarbeiteten Nahrungsmitteln könnten die EU-Länder 5 Mrd. € zusätzlich absetzen, heißt es.  Bei Wein soll der Zoll sofort wegfallen, bei anderen Produkten wie Käse, Teigwaren und Schweinefleisch gibt es bis zu 16 Jahre Übergangsregeln. Das zeigt, wie schwierig Handelsabkommen auch unter Freunden im Detail sein können. Manche fernöstliche Produzenten sollen nur vorsichtig der stärkeren Konkurrenz ausgesetzt werden.

Für die Japaner stehen umgekehrt Autos und Elektronik im Fokus. Dabei geht es nicht nur um zollfreien Warenaustausch, sondern auch um so genannte nichttarifäre Handelshemmnisse, also zum Beispiel Sicherheitsvorschriften.

Zu solchen Minister-Besuchen gehört es auch immer, Verträge zu unterzeichnen. Wie unproblematisch die Beziehungen zwischen Japan und Deutschland sind, zeigt, dass es um eine engere Kooperation bei Zukunftsthemen wie künstlicher Intelligenz, Robotik und Digitalisierung geht. Spracherkennung haben deutsche Firmen entwickelt, aber andere Länder produzieren die dazugehörigen Geräte. Das ärgert Altmaier.

In Deutschland haben 1800 japanische Firmen einen Sitz, weiß sein Ministerkollege Seko zu berichten. Schwerpunkte sind Automobile und Medizin. Auch hier ist die deutsche Bilanz negativ: Japanische Unternehmen haben über 20 Mrd. € investiert, umgekehrt deutsche Firmen in Japan nur 13,5 Mrd. €.

Daimler ist der größte deutsche Investor im Land. Die Stuttgarter bauen Lastwagen und wollen Altmaier Modelle mit Elektroantrieb vorführen, die es in Deutschland noch nicht gibt. Aber auch Mittelständlern greift er gern unter die Arme. Oliver Winzenried, Chef der Wibu-Systems AG aus Karlsruhe, ist stolz, dass sich der Minister bei der Eröffnung seiner Niederlassung in Tokio die Ehre gibt. Vier Mitarbeiter werden sich hier um den Vertrieb von Sicherheits-Software kümmern – ein Projekt so ganz nach Altmaiers Geschmack.

Importe überwiegen

Die Handelsbilanz, die Deutschland mit Japan verbindet, ist aus deutscher Sicht negativ. Das heißt, dass Deutschland mehr aus Japan importiert als nach Japan exportiert. Im vergangenen Jahr wurden Waren für 19,5 Mrd. € exportiert und für 22,9 Mrd. € importiert. Das klingt nach viel, ist aber wenig: Der Handel mit China ist mehr als viermal so groß.