Wolkenkratzer an Wolkenkratzer schrauben sich in den Himmel, mehrspurige Straßen schneiden sich durch die Häuserfluchten, der Smog hängt wie eine Glocke über der Stadt, es ist warm und schwül. Selbst aus dem 16. Stock eines Hochhauses ist der Stadtrand von Shenzhen nicht zu erkennen. Rund 50 Mio. Menschen drängen sich am Perlflussdelta, dem größten Ballungsraum der Welt, etwa 13 Mio. Einwohner hat allein die Stadt Shenzhen, die vor 30 Jahren noch eine Ansammlung von Fischerdörfern war. Etwa 30 000 Menschen lebten damals hier, an der Grenze zu Hongkong.

Angestoßen wurde das rasante Wachstum der Stadt, als das kommunistische Regime im Jahr 1980 vier Sonderwirtschaftszonen einrichtete, die Pionierarbeit bei der Erforschung und praktischen Erprobung marktwirtschaftlicher Konzepte leisten sollten. Darunter Shenzhen. Seitdem ist das Fischerdorf zu einer Megacity gewachsen.

Heute sind hier Unternehmen wie der Autohersteller BYD, das Telekommunikationsunternehmen Huawei, der Plattformanbieter Tencent, der unter anderem das in China sehr beliebte Chatprogram Wechat betreibt, sowie knapp 4000 staatlich geförderte Start-ups ansässig.

Doch mit den vielen Menschen und deren Wohlstand kamen auch die Autos und damit der Smog. Nur logisch also, dass gerade in Shenzhen eine kleine Revolution des Verkehrs stattfindet. So wurde innerhalb von vier Jahren die gesamte Busflotte mit mehr als 1600 Fahrzeugen elektrifiziert, auch die Hälfte der Taxis fährt inzwischen mit Strom.

90 Prozent der Elektrobusse stammen vom lokalen Anbieter BYD. 1995 gegründet, stellte das Unternehmen zunächst Nickelbatterien her. Inzwischen hat sich die Firma mit damals noch 20 Mitarbeitern zu einem weltumspannenden Konzern mit rund 220 000 Angestellten und einem Umsatz von 16,7 Mrd. Dollar (rund 14,6 Mrd. €) entwickelt.

Im Showroom von BYD stehen zwar schicke Modelle, aber Chinas größter Automobilproduzenten will nichts weniger, als die moderne Mobilität zu revolutionieren: Mit elektrisch betriebenen Bahnen sollen die Menschen ihre Wege zurücklegen, weil Platz in den Städten knapp ist, werden die Trassen einfach wie Brücken oberhalb der Straßen angelegt. „Das ist deutlich günstiger, als eine U-Bahn zu bauen“, berichtet Unternehmenssprecher John Gebarra. Schneller gehe es zudem.

Bernd Wanke, der für die Würth-Gruppe aus Künzelsauhäufig in China unterwegs ist und der innerhalb der Gruppe für Firmenrestrukturierungen zuständig ist, hält die neuen Ideen jedoch für den richtigen Ansatz, auch weil in den Städten der Platz knapp werde: „Wir brauchen nicht noch mehr individuellen Fahrzeugverkehr, auch nicht elektrifiziert, wir müssen die Mobilitätskonzepte ändern.“

Der Ansatz, den öffentlichen Nahverkehr zu elektrifizieren, sei genau der richtige. Denn der macht zwar nur 2 Prozent der Fahrzeuge in urbanen Räumen aus, ist aber für rund 30 Prozent des Schadstoffausstoßes verantwortlich.

Doch einige der Innovationen wie zum Beispiel bei Solarpanelen, die BYD anpreist, führen bei Teilnehmern der Delegationsreise mit Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut (CDU) zu Erstaunen. „Die Forschung dazu stammt aus Deutschland“, erklärt etwa Hans-Martin Henning vom Fraunhofer ISE.

Gefördert wird der Verkauf von Elektroautos in China durch den Staat: Kennzeichen für Autos mit Verbrennungsmotor sind nur schwer zu bekommen, werden verlost und außerdem teuer. Oft muss man dafür nochmal so viel bezahlen wie für das Auto selbst. Im Gegensatz zu den grünen Kennzeichen, die die Stromer bekommen.

Die Konkurrenz wird schärfer

Dass im vergangenen Jahr weltweit erstmals mehr als 2 Mio. Elektrofahrzeuge verkauft wurden, liegt auch daran. Damit stieg der Marktanteil der Stromer auf 2,4 Prozent. In China wurden gut 1 Mio. E-Autos und mehr als 200 000 elektrisch betriebene Nutzfahrzeuge verkauft, 62 Prozent mehr als im Vorjahr. Ihr Marktanteil stieg damit von 2,7 auf 4,5 Prozent.

Doch das reicht den jungen Herstellern nicht. Geely (Nanjing) will in naher Zukunft mit seinem Modell Lynk & Co auf den europäischen und damit auch auf den deutschen Markt. „Die Konkurrenz wird sich verschärfen“, ist Baden-Württembergs Ministerin überzeugt. Trotzdem hält sie Protektionismus für gefährlich und falsch. „Der Markt und der Wettbewerb sind Grundfeste einer erfolgreichen Entwicklung.“

Die chinesischen Hersteller geben sich selbstbewusst: Zwar seien die deutschen Ingenieure ein Vorbild und würden den Benchmark, also die Vergleichsmarke, setzen, aber in Konkurrenz sehe man sich nicht. „Wir bieten vollständig unterschiedliche Dinge an“, sagt ein Konzern­sprecher.

So rasant wie die Stadt Shenzen wächst, so schnell gehen in dem 1,4-Milliarden-Land auch technische Entwicklungen. „Die enge Verflechtung von Staatsdirigismus und Marktwirtschaft bietet in manchen Bereichen Vorteile“, resümiert Hoffmeister-Kraut. Von ihrer Reise nehme sie aber keineswegs mit, dass das deutsche System unterlegen sei. Aber um im Wettbewerb bestehen zu können „brauchen wir Innovationen, Innovationen, Innovationen.“

Zentrum der weltweiten Exportwirtschaft


Ökonomen der Großbank HSBC haben die Region am Perlflussdelta als das „Machtzentrum der weltweiten Exportwirtschaft“ bezeichnet. Eine besondere Rolle spielt Shenzhen: 23 Prozent von Chinas Hightech-Produkten, die exportiert werden, kommen von hier.