Interview Gespräch mit Holger Bingmann, Präsident (BGA)

Holger Bingmann
Holger Bingmann © Foto: Annett Melzer/oh
Frankfurt /Od. / Dieter Keller 13.08.2018

Angesichts der Probleme im Außenhandel geht der Großhandel ziemlich unter, für den Sie auch sprechen. Nervt Sie das?

HOLGER BRINGMANN: Es ist tatsächlich so, dass ich meist als Außenhandelspräsident angesprochen werde. Dabei bin ich aus Überzeugung Großhändler, und deshalb bedauere ich, dass unsere Leistungen nicht wahrgenommen werden, ob beim Pharma-, Elektro- oder bei mir beim Pressegroßhandel. Alle nutzen die Leistungen des Großhandels jeden Tag, sie merken es nur nicht. Als ich das Amt übernommen habe, habe ich mich gefreut, dem Großhandel ein neues Gesicht zu geben. Ich hoffe, dass wir uns 2019 etwas mehr dem Wert des Großhandels widmen können.

Im Außenhandel gibt es jede Menge Probleme vom Handelskrieg mit den USA und dem Iran bis zum Brexit. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Instabilität und Unsicherheit. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident Donald Trump haben sich bei den Importzöllen geeinigt – aber auf was, das wissen wir bis heute nicht so genau. Es mag beruhigend klingen, dass die beiden einen Weg gefunden haben, wieder in konstruktive Gespräche einzusteigen. Meine große Befürchtung ist, dass Trump in zwei, drei Monaten wieder etwas völlig Gegensätzliches macht. Wir haben keine Möglichkeit, uns auf etwas einzustellen und die Dinge in Ruhe voranzubringen.

Sie bezweifeln, dass es eine Einigung im Handelsstreit zwischen EU und USA gibt?

Nein, da habe ich große Hoffnungen. Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar, die sich um die Annäherung bemüht haben, von Bundeskanzlerin Merkel über den französischen Präsidenten Macron bis zu Juncker. Ihre Gespräche waren sicher kein Vergnügen, aber jedes war wichtig. Jetzt gilt es, über Defizite und eine Reform der Welthandelsorganisation WTO zu reden. Wir Händler können dazu etwas beitragen und dafür werben, dass Handel immer etwas Positives war und Menschen verbunden hat.

Warum versteht das Donald Trump nicht?

Er will immer wieder zündeln, einen Deal machen und ein Stück unberechenbar bleiben. Weil er glaubt, damit Erfolg zu haben. Daher kommt die Unsicherheit, nicht nur im deutschen Außenhandel. Am meisten ärgert mich, dass er Unruhe in die Stabilität der Welt und das Weltklima bringt. Sowohl in das wirtschaftliche Klima als auch in die Natur. Die Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens ist ebenso problematisch wie seine Ankündigung, die Umweltauflagen für die amerikanische Industrie zu senken. Er wird vermeintlich für die Wirtschaftlichkeit etwas herausholen, aber er wird der Umwelt schaden. Er vergiftet das Miteinander.

Hat der Handelskonflikt zwischen den USA und China schon Auswirkungen auf den deutschen Außenhandel?

Die neuesten Zahlen zeigen, dass ein Teil der chinesischen Produkte, die nicht mehr in die USA gehen, Richtung Europa wandert. Noch führt das nicht dazu, dass wir auf unseren Produkten sitzen bleiben.

Bleibt das so?

Werden Warenströme umgeleitet, entsteht Druck. Dazu kommen indirekte Effekte. Wenn chinesische Produzenten die Zuversicht verlieren, in die USA exportieren zu können, reduzieren sie ihre Investitionen. Und die Investitionsgüter kommen häufig aus Deutschland. Das würden wir deutlich zu spüren bekommen.

Angesichts der Drohungen der USA mit Sanktionen hat Daimler angekündigt, den Handel mit dem Iran ganz einzustellen. Bleibt dem Rest der deutschen Wirtschaft auch nichts anderes übrig?

Das ist zu befürchten, und das wäre überaus schade. Wer versucht, weiter in den Iran zu exportieren, kann sein Amerika-Geschäft vergessen, und nicht nur das. Schwierigkeiten drohen bei allen Verträgen, die auf Dollar-Basis abgewickelt werden. Allerdings waren Iran-Geschäfte auch bisher schwierig. Der erhobene Zeigefinger aus den USA war immer da. Wir sehen die politische und die wirtschaftliche Entwicklung mit großer Sorge.

Muss sich der deutsche Außenhandel auf schwierige Zeiten einrichten?

Die Exporte in den Iran waren mit 3 Milliarden Euro im letzten Jahr noch nicht so bedeutend. Wenige haben sichere Geschäfte in ihren Büchern.

Viel größere Auswirkungen hat sicher der Ausstieg Großbritanniens aus der EU Ende März 2019, und die Gefahr nimmt zu, dass es ein harter Brexit wird. Wie stellen sich die deutschen Außenhändler darauf ein?

Zunächst einmal: Egal wie – wir bedauern den Brexit außerordentlich, er ist die falsche Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit. Einen harten Brexit mag ich mir kaum vorstellen, muss ich aber. Er wäre katastrophal für alle, für die Briten wie für uns. Uns belastet insbesondere die Ungewissheit. Wir brauchen angesichts der komplexen Produktions- und Lieferketten auch künftig einen gemeinsamen Markt, damit wir weiter Geschäfte machen können. Immer wieder ist von guten Gesprächen mit der EU zu hören, und kaum ist Premierministerin May wieder in London, wird sie innenpolitisch in die Knie gezwungen, und jede Zusage ist weg. Bis zum Herbst muss es eine konstruktive Lösung geben, und die sehe ich noch nicht.

Haben gerade die Mittelständler einen Notfallplan in der Schublade?

Der Notfall für einen Unternehmer wäre, wenn er seine Produkte nicht mehr los bekommt. Dann muss er sich neue Märkte suchen.

Im ersten Halbjahr sind die deutschen Exporte um fast vier Prozent gewachsen. Wie schätzen Sie die nächste Zeit vor dem Hintergrund der vielen Probleme ein?

Wir sehen derzeit weder einen Einbruch noch eine Abflachung. Unsere Produkte und Dienstleistungen sind nach wie vor gut. Ich bin überzeugt, dass durch New York nicht weniger Mercedes-Benz fahren, auch wenn sie 10 Prozent mehr kosten.

Hält das auch im nächsten Jahr an?

Die Unsicherheit ist da, gerade für Mittelständler. Die lassen sich von unsicheren Aussichten mehr beeinflussen als Großunternehmen, etwa bei ihren Investitionen. Allerdings: Wenn es weiter gut läuft, bremst uns der zunehmende Fachkräftemangel.

Es gibt immer wieder Klagen über den hohen deutschen Außenhandelsüberschuss. Wie geht das weiter?

Die Dinge, die wir in Deutschland herstellen, sind aus vielen Gründen weltweit gefragt. Unser Exporterfolg liegt in der hohen Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte und Dienstleistungen begründet. Was wir tun müssen, ist die Importe zu fördern. Dafür spricht schon unsere weltpolitische Verantwortung. Es wäre toll, wenn afrikanische und südamerikanische Länder ihre Erzeugnisse leichter als bisher nach Europa liefern könnten. Wir verfolgen mehrere Projekte zusammen mit der Bundesregierung. Das hat zwei Effekte: Wir können in den Ländern Entwicklungen stabilisieren und vielleicht den Flüchtlingsstrom reduzieren. Gleichzeitig haben wir hier neue Produkte. Ein großer Einzelhändler hat beispielsweise in einem Werbespot anschaulich gezeigt, was alles in den Regalen fehlen würde ohne diese Länder.

Werden Sie im Ausland auf das Thema Ausländerfeindlichkeit in Deutschland angesprochen?

Nein, darauf wurde ich bisher in keinem Land angesprochen. Ich sehe bisher keinen Schaden für unseren Ruf. Dafür haben schon Dieselgate und der Berliner Flughafen gesorgt. Uns als Unternehmern würde ein Zuwanderungsgesetz helfen, das schnelle Möglichkeiten bietet. Wir brauchen die richtigen Leute. In den letzten Wochen musste ich zwei große Aufträge ablehnen, weil ich im Großraum München keine Leute mehr finde.

Ist das Ihr einziger Wunsch an die Bundesregierung?

Mit dem Koalitionsvertrag sind wir nicht glücklich. Eine große Koalition sollte große Dinge bewegen. Davon finden wir wenig. Wir brauchen eine Modernisierung der Infrastruktur und eine Reform des Steuersystems. Die Gefahr ist groß, dass wir der Unternehmensbesteuerung Schlusslicht unter den Industrieländern werden. Stattdessen gibt es zu viele Wahlgeschenke, die die Wirtschaft Milliarden kosten. Nicht zu vergessen die Digitalisierung. Da muss sich die Grundeinstellung ändern, auch im öffentlichen Bereich. Es ist dramatisch, dass die Gelder für die Breitbandverkabelung im letzten Jahr nicht einmal ausgegeben wurden.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel