Verspätungen und Schulden Krise der Deutschen Bahn: Chef veröffentlicht Brandbrief

Rot leuchten die ICE-Lampen: Rot sind auch die Zahlen der Deutschen Bahn. Der Konzern häuft immer mehr Schulden an.
Rot leuchten die ICE-Lampen: Rot sind auch die Zahlen der Deutschen Bahn. Der Konzern häuft immer mehr Schulden an. © Foto: dpa
Berlin / Dorothee Torebko 10.09.2018
Die Deutsche Bahn steckt in der Krise: Bahn-Chef Lutz zeichnet erstmals in einem Brandbrief ein katastrophales Bild seines Unternehmens.

Unpünktlich, hoch verschuldet und mit sinkenden Gewinnen: Dieses katastrophale Bild von der Deutschen Bahn zeichnet ihr Chef Richard Lutz in einem Brandbrief an die Manager des bundeseigenen Konzerns. Wir erklären, warum es der Bahn so schlecht geht.

Was sind die größten Baustellen?

Lutz schreibt von einer „schwierigen“ Lage.

  • Der Güterverkehr: Er schreibt seit Jahren rote Zahlen. Statt der Schiene setzen Logistikfirmen auf die Straße. „Hier ist der Bund gefordert“, sagt der Geschäftsführer von Allianz pro Schiene Dirk Flege. „Seit Jahren bevorzugt der Bund die Straße statt der Schiene, indem die Lkw-Maut immer billiger wird und zugleich die Trassenpreise für den Güterverkehr steigen.“ Ähnlich sieht das auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel: „Die Schienen-Infrastruktur ist seit 1990 um 20 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig wurde die Infrastruktur für die Straße um 40 Prozent ausgebaut. Es braucht ein radikales Umsteuern.“ Das Bundesverkehrsministerium hat im Haushalt eine Trassenpreissenkung verankert, die den Güterverkehr stärken soll.
  • Die Verschuldung: Zum Halbjahr lag sie bei 19,7 Mrd. €. Grund für die finanzielle Belastung sind Investitionen. Neue Bahnen, mehr elektrifizierte Strecken, Wlan in Zügen finanziert die Bahn durch Verschuldung. Die Grenze von 20,4 Mrd. €, die der Bund festgesetzt hat, könnte das Unternehmen bald überschreiten.
  • Die Pünktlichkeit: Im August waren nur 69,8 Prozent der Fernzüge planmäßig. Das ist der tiefste Stand in diesem Jahr. Die Bahn peilt eine Pünktlichkeitsquote von 82 Prozent an, die sie 2018 im Schnitt nicht erreichen wird. Gründe für die Unpünktlichkeit sind die Kapazitätsgrenzen. An Knotenpunkten sind diese erreicht. Wenn ein Zug dort verspätet ist, wirkt sich das auf andere Strecken aus. „Unpünktliche Züge verspielen das Vertrauen der Kunden auf Dauer“, betont Lutz immer wieder.
  • Die Außenfaktoren: Gewitterstürme, Kälte- oder Hitzewellen führen zu Zugausfällen und Verspätungen. „Wir sind mit der Performance von DB Netz unzufrieden“, sagt Ludolf Kerkeling vom Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V., einem Zusammenschluss von 50 Eisenbahnverkehrsunternehmen. „Nach Gewitterstürmen dauert es viel zu lange, bis das Netz befahren werden kann.


Wie will Lutz das lösen?

Mit einem Ausgabenstopp – der gilt ab sofort und ist nicht befristet. „Sinnvolle Ausgaben“ für „Kunden, Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit“ sind davon nicht betroffen. Allerdings müssen alle gewichtigen Ausgaben genehmigt werden.

Ist der Weg nach vorne die richtige Methode?

Flege und Gastel befürworten den offenen Brief. „Es ist positiv, dass der Chef des Konzerns die Verantwortung übernimmt und selbstkritisch ist“, betont der Allianz-pro-Schiene-Geschäftsführer. Hervorzuheben sei außerdem, dass Lutz den Kunden im Blick habe – und nicht nur auf die Zahlen schaue. „Letztlich ist es aber auch ein Hilferuf an die Politik, die jetzt reagieren muss“, meint Gastel.

Und was sagt der Bund?

Ein Sprecher verwies am Montag auf die große Bedeutung der Schiene für den Verkehrsmix, die auch im ­Koalitionsvertrag verankert ist. Es sei im Moment so viel Geld da wie nie zuvor. Damit werde nicht nur die Straße, sondern auch die Schiene sowie die Schifffahrt unterstützt. Zu der Frage, was passiere, wenn die Schuldengrenze geknackt sei, äußerte sich das BMVI nicht.

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Verkauf der profitablen Tochter Arriva?

Bahnchef Richard Lutz will die profitable Tochter Arriva, die den Auslandsverkehr bündelt, laut „Handelsblatt“ verkaufen. Die könnte dem Konzern 4,5 Mrd. € bringen. Der Sprecher für Bahnpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion Matthias Gastel befürwortet das: „Die Bahn ist mit 700 gebündelten Unternehmen nicht steuerbar. Wenn Schenker und Arriva abgestoßen werden, macht das den Konzern übersichtlicher.“ Die Unternehmensberatung McKinsey soll laut „Handelsblatt“ die Bahn zudem auf Kurs bringen. 2012 waren die als „Kostenkiller“ bekannten Berater schon einmal gerufen worden.

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