Banken Für ein besseres Bankensystem

Frankfurt / Rolf Obertreis 05.01.2019

Auf Twitter hat sich Gerhard Schick zum Jahresende verabschiedet. Mit einem Video stehend vor den leeren Regalen in seinem Abgeordnetenbüro in Berlin. Bundestag ist für den gebürtigen Baden-Württemberger jetzt Geschichte. Der Ex-Bundestagsabgeordnete der Grünen geht einen großen und durchaus gewagten Schritt – hin zu der von ihm mit etlichen Mitstreitern ins Leben gerufenen „Bürgerbewegung  Finanzwende“. Im Bundestag hat der 46jährige Diplom-Volkswirt seit 2005 in der Finanzpolitik viel bewegt. Aber bei weitem nicht genug, wie er selber glaubt.

„Die Macht der Finanzbranche ist ungebrochen“, hat er bei seiner letzten Rede im Parlament Mitte Dezember gesagt. Zehn Jahre nach der Finanzkrise hat sich in seinen Augen wenig, viel zu wenig zum Besseren gewendet. Auf dem Finanzmarkt sei immer noch keine Ruhe eingekehrt, er bleibe wackelig, intransparent und zu komplex.

Darunter haben seiner Ansicht nach auch viele Menschen zu leiden, weil sie unter anderem um ihre Altersvorsorge fürchten müssen. Schick beklagt, dass es immer wieder zu Finanz- und Anlageskandale kommt, dass in der Anlageberatung zu viel falsch laufe, dass die Stützung und Rettung von Banken Milliarden an Steuergeldern gekostet habe.

Dabei will der promovierte Finanzwissenschaftler nicht generell den Stab über der Branche brechen. Es gebe durchaus anständige Banken und anständige Banker. Von denen im Übrigen nicht wenige Gerhard Schicks Einschätzung und Meinung schätzen.

Er hat im Bundestag einiges bewegt und hat sich vor allem um die Aufdeckung des Cum-Ex-Skandals verdient gemacht. Banken und Großanleger haben dabei den Staat mit dubiosen Aktiengeschäften um einen zweistelligen Milliardenbetrag gebracht. Und doch liegt in diesem Bereich noch vieles im Argen, sagt er, sehr vieles sogar.

Die Finanzindustrie suche sich immer neue Opfer. Genau das wollen Schick und seine Mitstreiter mit der „Bürgerbewegung Finanzwende“ ändern – als quasi außerparlamentarische, überparteiliche Organisation. Er sei überzeugt, dass er mit einer zivilgesellschaftlichen und breiten Bewegung besser und effektiver für ein gerechtes Finanzsystem streiten könne, sagt Schick. Die Bürgerbewegung soll ein Gegenpol bilden zur „übermächtigen“ Finanzlobby, die Regulierungsbemühungen verwässert oder ganz ausgebremst habe.

Mehr Eigenkapital für Banken, eine „echte“ Finanztransaktionssteuer, eine unabhängige Finanzberatung, eine faire Altersvorsorge und der Stopp der Immobilienspekulation gehören unter anderem zu den Zielen, die sich der Verein gesetzt hat. Dafür will Schick, der weiterhin Mitglied der Grünen bleibt, „fair und faktenbezogen“ streiten – mit schlagkräftigen Argumenten, mit Unterschriftenlisten, aber auch mit öffentlichen Aktionen.

Bloßes Skandalisieren aber ist nicht sein Ding. Gerne würde er mit seiner Bewegung so einflussreich werden wie die Umwelthilfe oder Foodwatch.

50 renommierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter hat er für seine Idee als Gründungsinitiatoren gewonnen, unter anderem Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm, den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger, den Finanzprofessor Martin Hellwig, Gesine Schwan, die 2009 für die Wahl zur Bundespräsidentin kandidiert hat, und den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Und auch Ex-Investmentbanker Rainer Voss, der sagt, dass man den Kapitalismus vor den Kapitalisten schützen müsse.

Für drei Jahre sei die Finanzierung der Bürgerbewegung gesichert, unter anderem durch vier Stiftungen, darunter die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung und die Stiftung der Unternehmerfamilie Schöpflin. Dazu haben Schick, der als Vorstand fungiert, und sein Team bislang mehr als 1200 Fördermitglieder gewonnen. „Die starke Resonanz auf unseren Start hält nach wie vor an“, sagt er.

Dass Bundestagsabgeordnete freiwillig ausscheiden, ist zwar nicht ungewöhnlich. Aber in der Regel wechseln sie auf gut dotierte Positionen bei Verbänden und Unternehmen. Schick dagegen springt ins kalte Wasser. Er arbeitet erst einmal ehrenamtlich in einem kleinen Büro in Berlin mit einem vierköpfigen Team. Dass ihm der Abschied aus dem Bundestag nicht leicht fällt, räumt er offen ein. Er sei ein begeisterter Parlamentarier. Keine Reden mehr, keine Debatten in Untersuchungsausschüssen, keine Einsicht in wichtige Dokumente, keine Reisen mehr zu wichtigen Tagungen.

Weit über Parteigrenzen anerkannter Experte

Gerhard Schick saß für die Grünen und vom Wahlkreis Mannheim gewählt 13 Jahre im Bundestag. Der heute 46-Jährige ist in Hechingen aufgewachsen und hat später in Bamberg, Madrid und Freiburg Volkswirtschaft studiert und promoviert. Schick hat sich als ausgewiesener Experte des Banken- und Finanzmarktes während der Finanzkrise weit über die Parteigrenzen hinaus einen Namen gemacht und wird von den großen Medien regelmäßig zitiert. hes/Foto: dpa

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