Zwei Drittel aller Handy-Nutzer hören manchmal ihr Smartphone klingeln, obwohl es nicht geklingelt hat, und – je nach Studie – 27 bis 89 Prozent spüren gelegentlich den Vibrationsalarm, obwohl er nicht aktiv war. Man nennt dieses Phänomen Phantom-Vibration und muss sich dessen Entstehung etwa wie folgt vorstellen: Der Körper gewöhnt sich daran, dass von einem bestimmten Ort (an dem das Gerät getragen wird) oft Vibrationen kommen. Diese kündigen Nachrichten an, und obwohl diese meist völlig unwichtig sind („Ich esse gerade Gummibärchen und was machst Du so?“), erleben Menschen solche Nachrichten als belohnend. „Hey, jemand denkt an mich und sendet mir ’ne Nachricht!“, denken wir, denn wir sind die „sozialsten Wirbeltiere“ der Welt. Man bezeichnet Menschen daher auch als „Informations-Junkies“, und insbesondere soziale Neuigkeiten – Klatsch und Tratsch – wirken auf uns sehr belohnend.

Aus diesem Grund werden diejenigen Nervenzellen in unserem Gehirn, die für Vibrationsempfindungen von genau der Körperstelle zuständig sind, die solche Nachrichten ankündigt, immer empfindlicher. Daher werden sie zunehmend auch „einfach so“ aktiv – durch irgendeine Empfindung (Stoff reibt an der Haut) bei zugleich bestehender erhöhter Erwartung („Da könnte doch was kommen.“). Das Handy wird so zu einem Teil des eigenen Körpers, ähnlich wie eine Prothese. Und deshalb wird es gelegentlich sogar dann gespürt wird, wenn es gar nicht aktiv ist.

Die Phantom Vibration ist bei Ärzten am besten untersucht. Kein Wunder: Krankenhäuser sind voller Funkmelder, Handys, Smartphones und anderer piepsender, summender oder vibrierender kleiner Geräte, die das Personal über den Zustand von Patienten informieren oder jemandem etwas mitteilen. Nach einer britischen Studie hatten etwa zwei Drittel aller Ärzte schon einmal solche Erlebnisse. 13 Prozent erlebten Phantom-Vibrationen sogar täglich, Assistenten häufiger als Oberärzte, und mit dem Gerät in der Brusttasche eher als am Gürtel.

Phantom-Vibrationen erzeugen zwar ein gewisses Unbehagen, sind aber – im Gegensatz zu vielen anderen Auswirkungen unseres durchdigitalisierten Lebens – vergleichsweise harmlos und gehen vorüber, wenn man die Ursache beseitigt. Das Phänomen zeigt aber, wie schnell neue Technik auch das Erleben von Erwachsenen verändern kann.

Manfred Spitzer studierte Medizin, Philosophie und Psychologie. Er hat den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne und leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm.