Eigentlich wollte die Deutsche Bahn mit dem „kleinen Fahrplanwechsel“ am vergangenen Sonntag zusätzliche nagelneue ICE4-Züge einsetzen. Doch vorerst muss sie mit den vorhandenen Zügen auskommen. Denn sie hat die Abnahme neuer ICE4 von Siemens vor zwei Monaten gestoppt, nachdem an den Wagen fehlerhafte Schweißnähte entdeckt worden waren. Es droht eine monatelange Verzögerung.

Aktuell gebe es keine Beeinträchtigungen für die Kunden, betonte eine Konzernsprecherin. Zudem sei die Sicherheit bei den bereits ausgelieferten 25 Zügen nicht gefährdet. Bevor sie nachgebessert werden können, muss erst ein Konzept entwickelt und vom Eisenbahn-Bundesamt genehmigt werden. Laut Siemens muss Bombardier Transportation die Kosten tragen, ebenso mögliche Schadenersatzzahlungen. Der kanadische Konzern ist Unterlieferant von Siemens und steuert etwa 30 Prozent bei.

Die Mängel wurden bei „Wareneingangsprüfungen“ festgestellt, schrieb Verkehrs-Staatssekretär Enak Ferlemann auf eine Anfrage des FDP-Bahnexperten Christian Jung. Es sei nicht geplant, Alternativen zu den ICE4-Zügen von Siemens zu prüfen, auch keine Doppelstockzüge wie beim französischen TGV. Sie hält Jung für nötig, um die Fahrgastzahlen um 6 Prozent pro Jahr zu erhöhen.

ICE-Strecke Hannover-Göttingen gesperrt

Das zweite Problem ist dagegen geplant: Mit der ICE-Strecke von Hannover nach Göttingen ist seit Dienstag eine der wichtigsten Verbindungen gesperrt, weil sie saniert werden muss. Bis Mitte Dezember werden für 175 Mio. € Gleise, Weichen und Signaltechnik erneuert. Auf vielen Verbindungen vom Norden in den Süden müssen sich die Passagiere auf längere Fahrzeiten einstellen. Sie sind aber bereits in die Fahrpläne eingearbeitet.

Dies ist Auftakt für die grundlegende Sanierung der ersten Schnellstrecken, die seit 1991 in Betrieb sind. Hannover-Würzburg wird in Etappen bis 2023 erneuert, Stuttgart-Mannheim vom 10. April bis zum 31. Oktober 2020. Allein in diesem Jahr will die Bahn insgesamt 10,7 Mrd. € ins bestehende Netz und in die Bahnhöfe investieren.

Mit dem dritten Problem, der Berateraffäre, will sich am Donnerstag  der Aufsichtsrat in einer Sondersitzung beschäftigen. Aufgrund von Untersuchungen des Bundesrechnungshofs werden mehr als 20 Beraterverträge wegen „Auffälligkeiten“ unter die Lupe genommen. Nach Medienberichten geht es auch um ehemalige Vorstandsmitglieder, offenbar um Ulrich Homburg, der von 2009 bis 2015 den Personenverkehr leitete. Als er kurz nach seiner Vertragsverlängerung ziemlich plötzlich gehen musste, bekam er offenbar nicht  nur eine Millionen-Abfindung, sondern auch einen Beratervertrag mit sechsstelligem Honorar. Jetzt wird geprüft, ob alle Vergaberegeln eingehalten wurden. Wenn nicht, könnte Geld zurückgefordert werden. Im Fokus steht dabei auch Konzernchef Richard Lutz, der seit 2017 im Amt ist. Zuvor war er seit 2010 Finanzvorstand, und es wird die Frage gestellt, ob und was er von den Verträgen wusste.

Bis 2030 soll sich die Zahl der Fahrgäste verdoppeln

Dabei will Lutz eigentlich beim Aufsichtsrat für seine neue Strategie „Starke Schiene“ werben. Mit einem milliardenschweren Kraftakt will er den Staatskonzern auf Touren bringen: Bis 2030 soll sich die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr auf 260 Millionen pro Jahr verdoppeln. 30 Großstädte sollen im Halbstunden-Takt verbunden werden. Am konkretesten ist dies auf der Strecke Berlin-Hamburg, die ab Dezember 2021 zweimal pro Stunde bedient werden soll.

Kleinere und mittlere Städte sollen mindestens im Zweitstunden-Takt angefahren werden. Dafür will die Bahn 120 zusätzliche Fernzüge kaufen. Dazu gehören unter anderem die 23 ECx-Züge, die sie für 550 Mio. € beim spanischen Hersteller Talgo bestellt hat. Sie sollen ab 2023 ausgeliefert werden. Im Inland sollen 100.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden.

Im Ausland dagegen steht die Bahn auf der Bremse: Derzeit prüft sie den Verkauf ihrer Auslands-Tochter Arriva. Er soll Milliarden bringen und den Anstieg der Schulden bremsen.

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