Stuttgart / Luca Schmidt Teure Ausbildung, bescheidener Verdienst: Bundesweit  fehlen Krankengymnasten. Patienten warten wochenlang auf einen Termin. Die Bundesregierung versucht gegenzusteuern.

Michael Brüderlin kämpft mit seinen Mitarbeitern jeden Tag gegen körperlichen Verfall, für den Erhalt der Gesundheit seiner Patienten und für deren Regeneration. Der 32-jährige Physiotherapeut behandelt Menschen jeden Alters, präziser: deren Muskeln, Gelenke und Nerven. Peter Schulz (Name von der Redaktion geändert) ist einer von ihnen. Er hat vor einiger Zeit die Diagnose Parkinson bekommen und ist seitdem Patient in Brüderlins Praxis in Göppingen.

Eine der Folgen der Nervenkrankheit: Menschen machen sich kleiner und sind beim Laufen unsicher. Dem gilt es, entgegenzusteuern. „Wir machen hier Übungen, bei denen der Patient möglichst große Bewegungen macht und auf seine Balance achten muss“, erklärt Brüderlin. Das zahlt sich aus: Peter Schulz ist fit und gut auf den Beinen.

Physiotherapeuten sind im Gesundheitswesen ein wichtiger Faktor, ihr Einsatzgebiet reicht von vorbeugenden Maßnahmen bis hin zur Rehabilitation. Nur: es gibt schlicht zu wenig Therapeuten in Deutschland. 150 900 Personen arbeiten in Deutschland in der Branche, es gibt 21 800 Auszubildende – 3300 weniger als noch vor zehn Jahren. In zwölf Bundesländern gibt es bereits einen Fachkräftemangel, darunter Baden-Württemberg und Bayern. In zwei weiteren bahnt er sich an.

SPD-Bundesministerin Franziska Giffey will Familien weiter stärken und soziale Berufe attraktiver machen.

Stellen lange unbesetzt

Wenn eine Physio-Stelle frei wird, bleibt sie nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im Durchschnitt 157 Tage lang unbesetzt – und damit mehr als 50 Tage länger als in anderen Berufen. Im Jahr 2005 suchten noch 5800 Physiotherapeuten  einen  Job, 2018 nur noch 1600.

„Der Fachkräftemangel wird sich in den nächsten Jahren noch einmal deutlich verschärfen“, sagt Uwe Eisner, Vorstandsmitglied im Landesverband des Deutschen Verbandes für Physiotherapie. „Durch den demografischen Wandel steigt der Bedarf an Physiotherapeuten, das führt zu einer höheren Nachfrage“, erklärt er.

Zusätzlich würden in den nächsten Jahren viele Therapeuten altersbedingt aufhören zu arbeiten. Das verstärke das Versorgungsproblem. In ländlichen Gebieten in Baden-Württemberg müssen nach seinen Worten die Patienten schon heute vier bis sechs Wochen auf Termine warten, sagt Eisner.

Das Interesse am Beruf hat spürbar nachgelassen, wie ein Blick an die Physiotherapieschule in Mutlangen zeigt: „Vor 25 Jahren hatten wir bis zu 250 Bewerber und haben davon 24 genommen“, sagt Dagmar Bürkle, Leiterin der Schule. Vergangenes Jahr seien es noch 28 Bewerbungen gewesen, die Klasse begann mit 18 Schülern.

Der Beruf ist für Schulabgänger aus mehreren Gründen nicht mehr attraktiv: Zunächst müssen sie für die Ausbildung an den Schulen bezahlen. Wer studieren möchte, muss richtig tief in die Tasche greifen: Michael Brüderlin zum Beispiel hat sowohl einen Bachelor, als auch einen Master-Studiengang hinter sich. Zwischen 60 000 € und 70 000 € hat ihn das gekostet.

Dem gegenüber steht ein niedriger Verdienst: Deutschlandweit verdienen Physiotherapeuten laut Entgeltatlas der Agentur für Arbeit im Schnitt 1830 bis 2420 € brutto im Monat, wobei Baden-Württemberg an der Spitze liegt. Zusätzlich müssen Therapeuten an teuren Fortbildungen teilnehmen, für die sie unter Umständen auch noch ihre Urlaubstage opfern. „Momentan sind wir nicht konkurrenzfähig. Junge Menschen fragen sich, ob sie mit dem Beruf eine Familie ernähren können. Aktuell muss man die Frage mit Nein beantworten“, sagt Uwe Eisner.

Viel Anerkennung gibt es trotz all der Strapazen nicht: In Deutschland ist eine Ausbildung der Regelfall – im Gegensatz zu  den meisten anderen Ländern in Europa. Dort ist die Ausbildung akademisiert.

Familienministerin will gegen den Fachkräftemangel in der Pflege vorgehen. Eine Ausbildungsinitiative soll helfen.

Kritik an den Verbänden

Eigenverantwortlich Patienten betreuen und untersuchen, das dürfen Physiotherapeuten nicht. Sie können nur tätig werden, wenn ein Arzt eine Rezept ausgestellt hat. Zudem stehen sie im Alltag  von verschiedenen Seiten unter Druck. Patienten beschweren sich über Wartezeiten, Krankenkassen bezahlen nicht, wenn ein Kreuz auf dem Rezept falsch gesetzt wurde.

Zwar hat die Politik die Zeichen erkannt und versucht gegenzusteuern (siehe Info), aber einige der Probleme sind hausgemacht. So werden die teuren Fortbildungen, die Physiotherapeuten nach ihrer Ausbildung absolvieren, meist von Instituten angeboten, die den Verbänden gehören.

Einen Großteil der Fortbildungen könne man auch ohne Probleme in die Ausbildung der jungen Therapeuten packen, sagt Schulleiterin Bürkle. Daran gebe es von Seiten der Verbände aber kein Interesse, da sie mit diesen Angeboten Geld verdienen, sagt auch Physiotherapeut Brüderlin. Hinzu kommt die schwache Lobbyarbeit der Branche. Gleich mehrere Verbände verhandeln mit den Krankenkassen um Vergütungen. So gibt es unterschiedlich viel Geld für Rezepte, je nachdem, welchem Verband die Praxen angehören. Die Unterschiede sind aber laut Brüderlin gering.

Doch der Chef von 40 Mitarbeitern wehrt sich gegen allzu viel Pessimismus. „Die Situation ist schwierig, aber vieles entwickelt sich in die richtige Richtung“, meint er. So bezahlen die Kassen inzwischen mehr für die Leistungen von Physiotherapeuten. Das Schulgeld wurde gesenkt, in Bayern ganz abgeschafft. Brüderlin empfiehlt Schulabgängern eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, und das nicht nur, weil der Beruf Spaß mache. „In drei Jahren, nach der Ausbildung, werden die Bedingungen besser sein. Physiotherapeuten sind dann immer noch gesucht.“

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Die Blankoverordnung soll bis Ende März 2020 kommen. Ärzte entscheiden weiterhin, ob eine Behandlung bei Patienten nötig ist. Wie und wie lange behandelt wird ist dann aber Sache der Heilmittel­erbringer.

Die Anbindung der Preise für Leistungen der Heilmittelerbringer an die Grundlohnsumme wird aufgehoben. Bei der Grundlohnsumme handelt es sich um die Summe der beitragspflichtigen Löhne und Gehälter, aus denen Krankenversicherungsbeiträge zu leisten sind. Bislang konnten Verbände in Verhandlungen mit den Krankenkassen maximal den Prozentsatz mehr fordern, den die Grundlohnsumme anstieg.

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