Musikhandel Das Gitarren-Mekka in der schwäbischen Provinz

Jettingen-Scheppach / Pia Reiser 09.11.2018
Die Bee Gees oder Sunrise Avenue pilgern nach Jettingen-Scheppach. Hier bekommen sie Instrumente, die es nicht überall gibt.

Schmucklos ist noch eine freundliche Beschreibung für dieses Gewerbegebiet in Jettingen-Scheppach (Kreis Günzburg). Das 7000-Einwohner-Städtchen liegt in der schwäbisch-bayrischen Provinz, direkt an der A8 zwischen Ulm und Augsburg. Und doch fahren hier bisweilen schicke Limousinen vor dem ehemaligen Aldi-Markt vor. Hier kann man die Band Sunrise Avenue antreffen. Auch die Bee Gees und die Söhne Mannheims waren schon da. Oder die Bassisten der Band von Otto Waalkes, von Herbert Grönemeyer und Howard Carpendale. Sie alle pilgern hierher, um sich bei Station Music mit neuen Gitarren, Bässen und Schlagzeugen einzudecken.

Inhaber und Geschäftsführer des Musikhandels sind Hans-Peter Bentheimer (53) und Lothar Walter (56). Beide sind selbst leidenschaftliche Musiker und haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Ursprünglich studierte Walter Jura, Bentheimer arbeitete als Krankenpfleger. Nun verkaufen sie edle Bässe, Gitarren und Schlagzeuge an international bekannte Bands.

Wie gewinnt man solche Musiker als Kunden? „Die VIPs kommen über das Produkt“, erzählt Walter. Denn Station Music hat nicht nur die großen Marken wie Fender und Gibson im Angebot, sondern auch kleine, exklusive Boutique-Hersteller. Etwa James Trussart, der E-Gitarren aus Stahl fertigt. Der Schauspieler und Musiker Jan Josef Liefers hat sich davon eine bestellt. Oder die Marke Alembic, die handgefertigte Bässe aus besonders gemusterten Hölzern herstellt. Das teuerste Modell kostet knapp 19.000 €. „Wenn man selber Musiker ist, sucht man nach Qualität und ausgefallenen Dingen, die nicht an jeder Ecke hängen“, sagt Walter.

Auch die große Auswahl bringt Kunden: Rund 3000 Gitarren und 1200 Bässe reihen sich an den Wänden. 200 Schlagzeugsätze stehen auf rund 1000 Quadratmetern. Im Premium-Bereich sei es unabdingbar, das Instrument vor dem Kauf in die Hand zu nehmen und auszuprobieren, sagt Walter. „Aber dann muss der Laden die Auswahl auch da haben und nicht nur zwei Modelle von einem Hersteller.“

Blockflöten nicht im Angebot

In der großen Halle stehen aber auch Einsteigergitarren für 200 €. Blockflöten sucht man vergeblich, denn Station Music beschränkt sich auf Gitarren, Bässe, Schlagzeuge, Digital-Pianos und Beschallungsanlagen wie Verstärker. „Wir sind langhaarige Rockmusiker, da hat man natürlich seine Klientel, die man bedient“, sagt Walter. Rock- und Bluesmusiker sind ihre Kunden, ebenso wie jung gebliebene Akademiker aus der Rock’n’Roll-Generation, die sich nun die In­stru­mente leisten können, von denen sie in ihrer Jugend geträumt haben. „Das sind die kaufkräftigsten Kunden bei uns.“

Etwa die Hälfte seines Jahresumsatzes von 4 Mio. € macht Station Music mit dem Online-Shop. Jedoch weniger mit High-End-Instrumenten, denn dafür kommen die Kunden meist vorbei. „Je höherpreisiger, desto enger wird der Kontakt“, erzählt Walter.

Gegen den Musikhandelsriesen Thomann, der 2016 mit Onlineverkäufen knapp 700 Mio. € Umsatz machte, kommt Station Music online nicht an. Doch Walter und Bentheimer pflegen ihren Online-Auftritt. Durch Verlinkungen als Händler auf Seiten der Boutique-Hersteller kann es neue Kunden für seine teuren Instrumente gewinnen. „In der Nische haben wir unsere Chance“, sagt Walter. Jedoch würden die großen Online-Händler ebenfalls in diese Nischen vorstoßen, wenn genügend Kunden nach bestimmten Modellen fragen. „Obwohl Läden wie wir die Marken eingeführt haben.“

Für die Zukunft sieht Walter nicht schwarz, denn: „Regional sind wir gut aufgestellt.“ Der Großteil der Kunden kommt aus dem süddeutschen Raum zwischen Stuttgart, München, Kempten und Würzburg. Konkurrenz haben sie hier kaum. „Als Händler für Bässe mischen wir mit unserer großen Auswahl sogar in der Weltspitze mit“, sagt Walter nicht ohne Stolz. Auch das Fachmagazin „Bass Professor“ betitelt sein Unternehmen als europaweiten Marktführer im Edelbass-Bereich.

In den vergangenen Jahren ist Station Music stetig gewachsen, jetzt ist Konsolidierung angesagt. „Uns reicht unsere Größe. Die zu stabilisieren ist in der heutigen Zeit viel wert“,  betont Bentheimer. Schließlich gebe es tendenziell immer weniger junge Menschen, die ein Instrument spielen. Zwar gebe es immer Wellen mit neuen Musikern: „Dann kommt wieder ein Ed Sheeran und alle wollen Gitarre spielen.“ So ein Schub fehle gerade ein bisschen.         

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Die Berufsvereinigung der Musikfachhändler und Musikverleger zählt zu den ältesten seiner Art in Deutschland. Heute sind im Gesamtverband Deutscher Musikfachgeschäfte (GDM) rund 60 Prozent der Musikfachgeschäfte in Deutschland organisiert. Der Umsatz im Segment Musikinstrumente in Europa  beträgt dieses Jahr etwa 3, 7 Mrd. €. swp

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