Yilu oder Airlinecheckins – solche innovativen Firmen werden immer wichtiger, glaubt Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Es sind zwei Reise-Start-ups, die die Lufthansa selbst auf die Beine gestellt hat, im so genannten „Innovation Hub“ in Berlin. „Hub“ ist das neudeutsche Wort für Zentrum, Mittelpunkt oder Netzwerk. Gerade erst hat die Lufthansa eine Forschungsallianz mit der kanadischen Firma Hopper geschlossen, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Entwicklung von Flugpreisen vorhersagen und so den besten Zeitpunkt für Buchungen nennen kann. Einen weiteren Hub hat die Airline in Singapur aufgebaut.  Christian Langer ist bei der Lufthansa für die Digitalisierung und die Innovation Hubs zuständig.

 

Herr Langer, für Ihren Chef Carsten Spohr ist der Innovation Hub in Singapur wichtig. Es gibt doch schon seit 2014 ein solches Zentrum in  Berlin? Und in diesem Jahr soll ein dritter Hub in Shanghai eröffnet werden. Warum?

Christian Langer: Der Hub in Berlin gibt uns einen extrem guten Zugang zum Start-up-Markt in Europa und Nordamerika. Aber der Blick nach Asien lohnt immer mehr. Gerade in Singapur hat sich eine sehr lebendige Innovations- und Start-up-Szene insbesondere rund um das Thema Mobilität und Reisen entwickelt. Es geht immer schneller, immer mehr Geld fließt in diese Szene. Deshalb sollten, ja müssen wir vor Ort sein. Wir wollen Teil dieses Ökosystems sein.

 

Was macht ein Innovation Hub?

Es geht um die gesamte Betrachtung der Reisekette mit dem Fliegen als Ausgangspunkt. Wo gibt es links und rechts davon neue Unternehmen und Technologien? Daraus erkennen wir für uns spannende neue Geschäftsmodelle. Der Innovation Hub initiiert Partnerschaften zwischen der Lufthansa Group und kleinen Start-ups bis zu größeren Unternehmen. Wir investieren in solche Unternehmen und der Innovation Hub fungiert als Inkubator für neue Firmen, gründet sie selbst und entwickelt sie weiter.

 

Wie stark ist der Einfluss der Digitalisierung und auch der künstlichen Intelligenz auf die Branche? Welche Bedeutung hat dies für das Reisen?

Vieles von dem, was sein wird, können wir noch gar nicht absehen. Das ist das Spannende an ­Innovationen. Wir möchten frühzeitig erspüren, was gehen könnte. Reisen wird ein durchgängiges, einfaches und stärker personalisiertes Erlebnis. Es geht darum, das Reisen aus Sicht des Kunden nahtloser zu gestalten.

 

Wie viele Start-ups gibt es weltweit?

Weltweit sind es rund 2500 relevante Start-ups, die sich mit Zukunftsfragen der Mobilität und des Reisens befassen. Die beobachten wir ständig. Etliche sitzen in Nordamerika, einige in Europa, sehr viele und immer mehr in Asien.

Die Rede ist immer wieder von Unicorns. Was heißt das? 

Weltweit hat der Innovation Hub 34 Start-ups als Unicorns identifiziert. Das bedeutet, dass sie einen Unternehmenswert von mehr als einer Milliarde Dollar haben. In Asien gibt es 17 Unicorns im Reise- und Mobilitätskontext. In Europa sind es vier. In Deutschland mit Flixbus und GoEuro zwei. Mit GetYourGuide kommt wohl bald ein drittes hinzu.

 

Um was geht es der Lufthansa genau?

Wir schauen auf die gesamte Reisekette. Niemand denkt heute nur noch ans Fliegen, man möchte ein Erlebnis haben, einen Geschäftstermin wahrnehmen. Beides soll von der Haustür aus und zurück gestaltet werden. Deswegen blicken wir etwa auf Firmen für die Mobilität am Boden, also Fahrrad, Taxi, Carsharing oder E-Roller. Die Reise soll komfortabel und einfach gestaltet werden.

 

Wie viel Geld gibt die Lufthansa für die Innovation Hubs aus?

Für die 35 Beschäftigten in Berlin und Singapur, für IT, für Investments ist es ein signifikanter Betrag. Unabhängig vom Innova­tion Hub hat Lufthansa 2018 einen 20 Millionen Euro schweren Digitalfonds aufgelegt, davor war es ein Fond von 10 Millionen Euro.

Wie viel Geld fließt weltweit in Reise- und Mobilitäts-Start-ups?

2018 waren es 44 Milliarden Dollar Wagniskapital für alle  Start-ups in Sachen Mobilität und Reisen – 73 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Wachstumsrate wird auch 2019 gigantisch sein. Klarer Treiber ist dabei Asien.

 

Wie hoch ist der Druck aus dem Lufthansa-Vorstand?

Es gibt keinen Druck, sondern wir spüren starke Unterstützung. Die Vorgabe besteht darin, eine Verbindung von Lufthansa zu den Innovationstreibern der Reise- und Mobilitätsbranche zu schlagen und zu verstehen, was dort passiert. Natürlich sollen das Kerngeschäft der Lufthansa beschleunigt und neue Geschäftsfelder jenseits davon erschlossen werden. Der Vorstand hat ein zentrales Entscheidungsgremium für Digitalthemen gebildet.

 

Gibt es Widerstände? Digitalisierung und Innovation bedeutet meist auch mehr Automatisierung und weniger Arbeitsplätze.

Lufthansa geht seit Jahrzehnten erfolgreich mit technologischen Veränderungen um. Das ist auch bei der Digitalisierung so. Ich sehe keine Widerstände. Was immer bleibt, sind die Fähigkeit von Pilotinnen und Piloten, die soziale Kompetenz von Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern und das handwerkliche Geschick und Know-how unserer Ingenieure und Flugzeugtechniker.

 

Was ist seit 2014 im Innovation Hub in Berlin passiert?

Es gab für unsere Arbeit keine Blaupause. Wir haben vieles ausprobiert, mussten auch Fehlschläge hinnehmen. Vieles hat nicht funktioniert.  Insbesondere das letzte Jahr war sehr erfolgreich. Wir haben drei Investments in Tech-Start-ups getätigt, vier strategische Partnerschaften realisiert und erstmals gemeinsam mit der Lufthansa Group ein Start-up ausgegründet. Mit dem Schritt nach Singapur leiten wir jetzt die nächste Evolutionsstufe ein.

 

Was heißt das konkret?

Der Innovation Hub hat Unternehmen gebaut wie AirlineCheckins, eine App, die Sie automatisch bei jeder Airline weltweit eincheckt. Oder eine Zehnerkarte für das Fliegen. 50 Prozent der Projekte generieren schon Umsatz. 2018 haben wir mit Yilu in Berlin die erste Firma ausgegründet. Sie führt alle Reiseinformationen auf einer Plattform zusammen. Die nächsten Start-ups stehen in den Startlöchern.

 

Geht die Konkurrenz ähnliche Wege?

Jede größere Airline kümmert sich um Digitalisierung und Innovationen. Aber die Ausprägung beim Lufthansa Innovation Hub ist, glauben wir, einmalig umfassend. Wir blicken auf die gesamte Innovationslandschaft und haben unterschiedliche Werkzeuge.

 

Geht es dabei auch um Flughäfen?

Das Erlebnis am Flughafen ist ein wichtiger Teil der gesamten Reiseerfahrung. Deswegen interessieren uns innovative Lösungen und Services, die etwa einen nahtlosen Anschluss an die Mobilitätsoptionen am Flughafen ermöglichen oder die Zeit am Flughafen für Geschäftsreisende möglichst effizient und bequem gestalten. Mit dem Flughafen München Terminal 2 haben wir bereits eine Kooperation mit Mytaxi realisiert und Taxi-Sharing an den Flughafen gebracht.

 

Was kann ein Innovation Hub zur Nachhaltigkeit beisteuern?

Kundenbefragungen zeigen uns, dass es genau diesen Wunsch gibt. Rydes ist ein solches von uns entwickeltes Programm, mit dem man etwa durch das Nutzen von Miet-Fahrrädern oder von Car­sharing Punkte sammeln und Prämien erhalten kann.

 

Und beim Fliegen selbst?

Beim Treibstoffverbrauch etwa haben wir schon viel geschafft. Wir können durch digitale Prozesse eine noch bessere Auslastung der Flugzeuge erreichen und damit den Pro-Kopf-Verbrauch pro Passagier weiter senken.

Zuständig für Digitales


Christian Langer, 47 Jahre alt, ist promovierter Politologe und diplomierter Informatiker. Er arbeitet seit 2004 in verschiedenen Funktionen für Lufthansa. Seit Februar 2017 leitet er die Digital-Strategie der Lufthansa, seit November 2017 ist er Geschäftsführer der Lufthansa Innovation Hub GmbH.