Warten auf die Verhandlung, Vergleichsvorschlag, verstreichende Fristen, Urteil, Berufungsverfahren: Für seine Klage im Diesel-Skandal braucht Günther Blessing aus Blaustein bei Ulm einen langen Atem. Er möchte den Kauf seines Passat TDI mit Bluemotion-Technologie rückgängig machen. Es gehe ihm dabei nicht nur um die 28 000 €, die er vor sieben Jahren für das Auto bezahlt hat, sondern ums Prinzip, sagt der 70-Jährige: „Jeder Privatunternehmer wäre längst eingekastelt.“ Im Dezember soll sein Fall vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart verhandelt werden. Insgesamt sind dort seit November 2017 rund 400 Diesel-Klagen anhängig geworden, sagt Pressesprecherin Birgit Gensel. Bundesweit klagen tausende betrogene Dieselfahrer gegen Autohäuser und Hersteller.

Wenn er den tatsächlichen Schadstoffausstoß seines Autos gekannt hätte, hätte er es nie gekauft, sagt Blessing. Er hat Streuobstwiesen und wildert für den Tierschutzverein Igel aus, spricht von seinem „grünen Gewissen“. Das Landgericht Ulm glaubte ihm und urteilte im Sommer: Volkswagen muss Blessing 19 600 € für das sieben Jahre alte Auto bezahlen. VW legte Berufung ein.

Blessing, der sich Anfang des Jahres kämpferisch gab, sagt heute: „Ich hab nicht gedacht, dass sie mich mürbe kriegen, aber ich hab keine Lust mehr.“ In 99 Prozent der Fälle komme es gar nicht erst zur mündlichen Verhandlung vor dem OLG, sagt Sprecherin Gensel. Es entstehe der Eindruck, dass OLG-Urteile vermieden werden sollen.

In Stuttgart gibt es bisher erst zwei. Gegen Autohäuser. Ob die anderen Klagen zurückgezogen werden oder sich die Parteien einig werden, kann Gensel nicht sagen. Es scheine jedoch üblich zu sein, dass Volkswagen-Anwälte die Kläger bei Vergleichen zu Verschwiegenheit verpflichten.

Auch Blessing rechnet damit, kurz vor dem Verhandlungstermin ein Angebot von VW zu bekommen. Ob er es annimmt, kann er sich in Ruhe überlegen: Sein Passat steht abgemeldet in einer Garage – Blessing fährt jetzt einen Toyota mit Hybridmotor.