Ein Mann sitzt in einem Büro mit Business-Hemd, Hose und großem aufblasbaren Flamingo. Darunter stehen die Worte „270 Tage mehr Pool – mit Tarifvertrag“. Was das soll? „Wir wollen mit der Werbekampagne auf den Unterschied zwischen tarifgebundenen und tariffreien Unternehmen aufmerksam machen“, sagt der Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg Roman Zitzelsberger. Ein anderes Foto zeigt eine Cellospielerin in einer Autowerkstatt („518 400 Euro mehr einstreichen“). Wer in einem tarifgebundenen Unternehmen arbeitet, kommt in seinem Berufsleben zu mehr Geld und Freizeit, ist die Botschaft. Diese ist freilich zugespitzt, räumt Zitzelsberger ein. Für viele Arbeitnehmer sind die Unterschiede beim Eintritt in den Tarif längst nicht so groß, besonders, wenn sie älter sind.

Für Betriebsrat Steffen Lange kommt aber noch etwas anderes hinzu: „Bezahlung, Urlaub, Urlaubsgeld wurde bei uns früher als ungebundener Betrieb nach Belieben bezahlt.“ Zudem gab es ein ständiges Kommen und Gehen der Leiharbeiter. Das wurde erst anders, als sein Rastatter Autozulieferer HBPO in den Tarif wechselte. Dazu waren Warnstreiks nötig – die nicht immer ganz leicht sind. „In kleinen Unternehmen ist es schwierig, die Arbeit zu unterbrechen und sich vors Betriebstor zu stellen“, sagt Zitzelsberger, „das ist kein Wattebauschwerfen.“

Dabei hilft die IG Metall, die im vergangenen Jahr an Stärke gewonnen hat. „2018 war eines der erfolgreichsten Jahre in der Geschichte der IG Metall“, sagt der Bezirksleiter. Mit knapp 36 000 Mitgliedern lagen die Neuaufnahmen 50 Prozent über dem Vorjahr. Nach Austritten und Todesfällen blieben 8100 Neugewerkschafter übrig. Zuwächse gab es vor allem bei Jüngeren, Angestellten und Frauen. 2018 habe es einen „hervorragenden Tarifabschluss“ gegeben mit einer Arbeitszeitregelung, die entweder mehr Geld oder acht freie Tage brachte. „Allein schon der Anspruch darauf, hat den Lebensnerv der Arbeitswelt getroffen und ist sehr wichtig für die Menschen“, weiß Zitzelsberger. Insgesamt 50 000 mal wurde Zeit dem Geld vorgezogen von Schichtarbeitern (38 000), Kinderbetreuern (10 000) und Pflegenden (2000). „Das Ganze ist der Renner und macht Mut, uns  in Zukunft mehr mit solchen Modellen zu beschäftigen.“

Der Metallarbeitgeberverband Südwestmetall kritisierte gestern dagegen die tarifliche Wahloption „Freizeit statt Geld“. Dabei habe es Probleme gegeben. In  vielen Betrieben sei es nicht gelungen, das entfallende Arbeitsvolumen innerbetrieblich zu kompensieren. Manche Betriebsräte hätten den Unternehmen mit einer künftigen Verweigerungshaltung gedroht.

Zitzelsberger wies darauf hin, dass sich die Arbeitswelt stark ändern werde. „Wir haben derzeit eine sehr, sehr gute Situation, die Frage ist, wie kommen wir in die Zukunft?“ In der Autoindustrie stehe mit Autonomem Fahren, Digitalisierung und Stromantrieb eine Transformation an. „Es gibt keine Alternative. China setzt voll auf die Batterie und das Land ist der wichtigste Absatzmarkt.“ Dies werden auf die Arbeitsplätze durchschlagen, die Wertschöpfung und die Industriestruktur müsse aber erhalten bleiben. Dazu brauche es mehr Kooperationen, wie sie nach aktuellen Medienberichten etwa derzeit zwischen Daimler und BMW ausgelotet werde.

„Die nicht vorhandene Batteriezellen-Produktion deutscher Autobauer macht mir größte Sorge“, sagte die Nummer 1 der IG Metall im Land. Die Zelle sei entscheidend für das Wieder- und  Schnellladen der Batterieautos: „Für Fabriken müsste ich langsam mal die Bagger rollen sehen.“

Nicht so erfolgreich wie im Südwesten


Bundesweit ist die IG Metall bei der Neugewinnung von Mitgliedern nicht so erfolgreich wie im Südwesten. Zwar haben 133 167 Menschen einen Mitgliedsantrag unterschrieben, unterm Strich bleiben 2018 aber nur 7934 neue übrig. Immerhin stiegen die Beitragseinnahmen um 24 Mio. auf 585 Mio. €. 1,5 Mio. Jobs seien bis 2035 durch die Digitalisierung bedroht, mahnt die Bundes-IG-Metall. Die Beschäftigten sollen daher fit für neue Berufe gemacht werden. Zudem müsse die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld I verlängert werden, um den Strukturwandel abzufedern. otr/dpa