„Wintercamping? Ihr seid ja mutig!“, war noch ein Kommentar der harmloseren Art. So recht wollten weder Kollegen noch Freunde unser Vorhaben gutheißen, in einer der kältesten Wochen des Jahres einen Wohnmobil-Stellplatz im 1520 Meter hoch gelegenen Caravan Park Sexten zu beziehen. Sind halt doch alle ahnungslos, wie gut isoliert heutzutage ein Wohnmobil sein kann. Na ja, einmal frieren wir dann doch. Allerdings eher draußen. Als wir den Frischwassertank auffüllen wollen und die deutsche Wasserschlauchkupplung nicht zum italienischen Gewinde passt, muss der Schlauch per Hand angepresst werden – bei minus 18 Grad nur mäßig angenehm.
 
Ansonsten geht (fast) alles glatt. Es dauert etwas, bis wir unser rollendes Heim einigermaßen gerade auf die gelben Ausgleichsklötze gefahren haben, die auf dem schneeglatten Untergrund immer wieder wegrutschen. Irgendwann finden wir auch heraus, welchen Druck die Spülung der Chemietoilette wirklich braucht und wie die Satellitenantenne in Stellung kommt.
 
Dann aber, nach ein, zwei Tagen, fühlt es sich plötzlich an wie – Urlaub. Wesentlichen Anteil daran hat einmal das „Womo“ selbst, das sich auch die Passtraße hinauf problemlos fahren lässt, sich als erstaunlich komfortabel erweist und mehr zu bieten hat als wir brauchen – etwa einen dreiflammigen Herd, einen geräumigen Kühlschrank, zwei bequeme Betten und viel Stauraum.
 
Aber auch der Campingplatz wird seinem 5-Sterne-Status gerecht – mit Trockenräumen für Kleidung und Skistiefel. Mit Skiservice, Ski-, Rodel- und Schneeschuhverleih, super-sauberen und beheizten Dusch- und Waschräumen in einem liebevoll eingerichteten Sanitärgebäude namens „Bauernbad“, einem Hallenbad mit Außenbecken, Wellness-Anwendungen und diversen Saunen, einem kleinen Laden und mehreren Restaurants.
 
Zugegeben: Das ist Camping de Luxe. Aber doch Camping. Wenn man morgens die Wohnmobiltür öffnet, steht man mitten im Gebirge. Beim Brötchenholen grüßen die Nachbarn, der Tag riecht nach Freiheit und Abenteuer. Fast wie im Sommer beim Campen – nur dass man halt statt in Dreiviertelhose und Flip-Flops übers Gras nun in Skijacke und Moonboots durch den knirschenden Schnee stapft.
 
Sogar als über Nacht gut 30 Zentimeter Neuschnee gefallen sind, herrscht ausgelassene Fröhlichkeit unter den Campern, man leiht sich Schneeschaufeln und Besen. „Ach, das ist doch schön, dass man mal wieder schippen kann“, sagt die Nachbarin mit hochrotem Gesicht, „daheim in Wuppertal haben wir dazu kaum noch Gelegenheit“.
 
Die Kälte ist kein Thema. Für Kinder und Hunde ohnehin nicht. Die einen bauen Schneemänner vor dem Wohnwagen, üben sich im Eiszapfenweitwurf oder lassen ihre ferngesteuerte rote Spielzeug-Schneeraupe weiße Hügel erklimmen. Die anderen, die auf vier Beinen, harren ohne wütendes Bellen in ihren gemieteten Hundehütten vor dem Caravan aus und freuen sich vermutlich aufs abendliche Hundebad, das es tatsächlich gibt.
 
Hans Happacher, Chef des 365 Tage im Jahr geöffneten Caravan Park Sexten, weiß, was seine Kunden wünschen. „Für viele Gäste sind ihre Hunde wie Kinder“, sagt er. Er kennt seine Wintercamper, darunter ein Großteil deutsche Stammgäste mit Hund. „An Weihnachten haben wir hier schon mal 50 bis 60 Concorde-Reisemobile, da geht es dann darum: Wer hat das größte?“ Concorde-Mobile, das lernen wir, sind die riesigen rollenden Villen, in deren Heck eine Garage für den mitgeführten Kleinwagen eingebaut ist.
 Warum steigen deren Besitzer nicht im Luxus-Hotel ab? „Viele wollen einfach in ihrem eigenen Bett schlafen“, meint Happacher. „Sie möchten ihren Hund mit auf Reisen nehmen, und sie lieben das Ungezwungene.“ Merke: Wintercamping ist nichts für Weicheier, aber auch nichts für Reisende, die billig urlauben wollen. Im Sommer lässt es sich zwar auch in Sexten im Zelt preisgünstig nächtigen, im Winter aber ist ein isolierter Wohnwagen oder ein winterfestes Wohnmobil von Nöten. Zu den Anschaffungskosten kommen dann noch Stellplatz-Gebühren und eine Strompauschale.
 
Das lohnt sich vor allem, wenn oft oder über längere Zeiträume gecampt wird. Das Rentnerpaar aus Offenbach, das wir an der Skibushaltestelle treffen, kommt seit 1996 nach Sexten. Sechs Monate lassen die beiden ihren Hymer 504 dort stehen und kaufen sich eine Lift-Saisonkarte fürs Pustertal. „Langweilig wird es uns nie, das können Sie uns glauben“, sagen sie unisono. Tun wir. Allein das Skigebiet der Sextner Dolomiten bietet Abwechslung genug. Nächster Einstiegspunkt vom Caravan Park aus ist die per Ski erreichbare Signaue, von der aus es ins Gebiet unterhalb der Rotwand geht, mit zwei steilen, schwarzen Abfahrten. Selbst jetzt in der Hochsaison müssen wir an keinem der Lifte anstehen. Landschaftlich reizvoll ist auch ein Abstecher zum Kreuzbergpass und weiter ins schon eher italienisch anmutende Val Comelico.
 
Auch wir würden es länger aushalten. Dass uns am letzten Abend kurz nach der Tagesschau das Gas und damit die Heizung ausgeht, kann uns nicht schrecken. An der Rezeption schicken sie jemanden mit einer neuen Gasflasche. Die muss freilich im Dunkeln angeschlossen werden. Hat nicht das Handy eine Taschenlampen-App? Camping – das ist auch Improvisation und das Gefühl, irgendwie geht es immer weiter. Noch besitzen wir allerdings kein Wohnmobil. „Wir haben das aber auch so gemacht“, erzählten uns die Offenbacher: „Zuerst eines geliehen und ausprobiert, ob das was für uns wäre.“


Mietmobil mit Einweisung
 
Reisemobil Zum Wintercamping eingeladen hat die Firma Hymer. Das Fahrzeug vom Typ Exsis-i 504 (Gesamtlänge 6,20 m) wurde direkt in Bad Waldsee abgeholt. Wer ein Wohnmobil mietet, bekommt eine etwa einstündige Einweisung. Geschirr und Küchenutensilien sowie Bettzeug können ebenfalls geliehen werden. Zwei gefüllte Gasflaschen und ein Stromkabel sind an Bord. Der Mietpreis pro Tag liegt bei rund 100 Euro (je nach Modell und Saison). Hinzu kommt eine einmalige Servicepauschale von 125 Euro. Information unter: 07524/ 999106
 www.hymer-rent.de  

Stellplatz Der Caravan Park Sexten wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Wintercamping-Stellplätze für Reisemobile kosten, je nach Saison, um die 25 Euro pro Tag, Strom inklusive. Information: Caravan Park Sexten, I-39030 Sexten/Moos, St.-Josef-Str.54, 0039/0474710 444 info@patzenfeld.com

 www.CaravanParkSexten.com  

Skigebiet Die Sextner Dolomiten (81 Pistenkilometer, 31 Liftanlagen) gehören zum Verbund Dolomiti Superski. Der 6-Tagesskipass fürs Hochpustertal kostet in der Hochsaison 225 Euro. 0039/0474710355
www.sextnerdolomiten.com