London Wille und Reis führen Ovtcharov zu Tischtennis-Bronze

Von Peter Hübner, dpa 02.08.2012
quot;Augen zu und immer weiter" - Dimitrij Ovtcharov beherzigte die Devise von Tischtennis-Bundestrainer Jörg Roßkopf. Als das Bronze-Match gegen Chuang Chih-Yuan aus Taiwan nach sechs Sätzen und zahlreichen Wendungen dann vorbei war, konnte es der Olympia-Dritte gar nicht glauben.

"Ich habe so oft zurückgelegen und hatte so viele Chancen. Und dann war es vorbei, ganz plötzlich. Eigentlich hatte ich mit einem siebten Satz gerechnet", kommentierte der 23-Jährige das 4:2 - einen Sieg ungeheurer Willensstärke. "Das ist der größte Erfolg meiner Karriere. Es fühlt sich wie Gold an."

"Einpeitscher" Roßkopf, dem Ovtcharov in die Arme sprang, war nicht nur der erste Gratulant. Der Coach konnte die Gefühle des kompromisslosen Angriffsspielers am besten nachvollziehen. 1996, als Roßkopf in Atlanta ebenfalls Einzel-Bronze gewann, lief alles nach der gleichen Dramaturgie ab wie jetzt bei seinem Schützling: Erst eine Niederlage im Halbfinale, dann eine nervige Wartezeit und schließlich das Comeback im Spiel um Platz drei. "Ich habe noch viel Zeit. Vielleicht kann ich Jörg noch übertrumpfen", sagte Ovtcharov. Der Team-Zweite von 2008 zog bei Anzahl und Farbe der Olympia-Medaillen schon einmal mit seinem Trainer gleich.

Deutschlands Top-Spieler Timo Boll, dem die meisten Experten eher eine Medaille zugetraut hatten, fieberte auf der Zuschauertribüne mit seinem Freund mit. "Das ist großartig für Dima und die ganze Sportart. Er hat sich diesen Erfolg ganz hart erarbeitet", sagte der bereits im Achtelfinale gescheiterte WM-Dritte. "Die Beharrlichkeit, die mentale Stärke und die spielerischen Qualitäten sind sein großes Plus", lobte Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig den Bronze-Mann.

Nach der deutlichen 1:4-Pleite im Halbfinale gegen Weltmeister Zhang Jike - der chinesische Top-Favorit gewann unter den Augen von Prinz Philip durch ein 4:1 gegen seinen Landsmann Wang Hao später auch die Goldmedaille - zog sich Ovtcharov in das Hotelzimmer zurück, in dem er die Nacht zuvor verbracht hatte. "Ich war unglaublich nervös und habe mich auf dem Bett gewälzt. Schlafen konnte ich nicht", berichtete Deutschlands Nummer zwei über die fast vierstündige Wartezeit. Als Nervennahrung dienten 200 Gramm Reis vom Chinesen. Das reichte, um den zukünftigen Bremer Bundesligaspieler Chuang Chih-Yuan in die Knie zu zwingen.

"Ich bin überglücklich und danke allen, die mich auch in schwierigen Phasen unterstützt haben", sagte Ovtcharov. Ein versteckter Hinweis auf die Zeit im Herbst 2010, als er nach einer positiven Clenbuterol-Probe unter Doping-Verdacht geriet. In einem spektakulären Verfahren konnte er seine Unschuld beweisen - unter anderem mit Hilfe von Haarproben. Der Vollblutprofi, der in Düsseldorf oder bei seinen Eltern in Tündern bei Hameln wohnt und sein Geld bei Fakel Orenburg in Russland verdient, kehrte nach einem kurzen Leistungsknick schnell wieder in der Weltspitze zurück.

Geboren wurde der Olympia-Dritte in Kiew. Im Alter von vier Jahren zog er mit seinen Eltern nach Deutschland. Sein Vater Mikhail, ein früherer sowjetischer Nationalspieler, war sein erster Trainer. Er ist bei vielen Turnieren dabei und auch heute noch sein Heimtrainer. "Diesmal haben wir die Variante ohne meinen Vater gewählt. Er wird immer sehr schnell nervös", berichtete Ovtcharov. Seine Freundin Jenny soll am Freitag nach London kommen.

Dann stehen Ovtcharov, Boll und der deutsche Meister Bastian Steger schon wieder am Tisch. Im ersten Spiel des Team-Wettbewerbs gegen Schweden wollen die Silber-Jungs von Peking den Grundstein für die nächste Medaille legen. "Wenn Dima Vierter geworden wäre, hätte das sicherlich die Stimmung gedrückt. Jetzt greifen wir noch einmal an", versprach Boll. Er bleibt weiterhin der Team-Leader. "Ich mache mir keine Gedanken über eine Wachablösung. Das braucht sehr viel Zeit", erklärte Roßkopf. "Es liegt viel Erfahrung zwischen beiden. Dima ist einfach jünger."