Neben seiner täglichen klinischen Arbeit als Herzspezialist auf der Chest-Pain-Unit, den Herzstationen, der internistischen Intensivstation und den Herzkatheterlaboren ist die klinische Forschung seine Herzensangelegenheit. Leben zu retten seine Wissenschaft. Jetzt ergreift Professor Wolfgang Rottbauer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II mit den Schwerpunkten Herzmedizin, Lungenmedizin, Gefäßmedizin, Intensiv- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Ulm, zum Forschungsprogramm zu Covid-19-Spätfolgen das Wort.
Mit der Einrichtung einer Post-Covid-Spezialambulanz am Oberen Eselsberg werden derzeit intensiv offene Fragen zum Virus und seinen Langzeitfolgen für Herz und Lunge geklärt.

Das Long-Covid-Syndrom

War man zu Beginn der Corona-Pandemie davon ausgegangen, dass es sich bei Covid-19 um eine alleinige Atemwegserkrankung handelt, ist inzwischen klar, dass neben der Lunge auch andere Organsysteme, wie das Gefäßsystem und der Herzmuskel, erheblich von der Erkrankung befallen und nachhaltig schwer geschädigt werden. Nach überstandener Infektion leiden die Patienten noch Monate später am Post-Covid-Syndrom, charakterisiert durch Abgeschlagenheit, fehlende Belastbarkeit und Luftnot.
Bei einer aufwendigen Herz- und Lungenfunktionsprüfung in Ruhe und unter Belastung überprüft das Ulmer Herzteam gemeinsam mit seinen Gefäß- und Lungenspezialisten in seiner einzigartigen Post-Covid-Spezialambulanz, ob die Lunge genügend Sauerstoff in den Blutkreislauf abgibt und wie sehr die Herzleistung durch den Virusbefall beeinträchtigt ist.
500 Post-Covid-Patienten wurden bisher untersucht. Allesamt betroffen von typischen Symptomen wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit. „Obwohl das Virus nicht mehr im Körper nachzuweisen ist, kommen Betroffene nicht mehr richtig auf die Beine.“ Bei verschiedenen nicht-invasiven Untersuchungsverfahren zur Messung der Lungen- und Herzleistung wurde festgestellt, „dass das Covid-19-Virus häufig schwere Langzeitschäden an Lunge und Herzmuskel hinterlässt. Bei etwa 60 Prozent der Betroffenen können auch drei Monate nach ausgeheilter Erkrankung noch Symptome nachgewiesen werden.“ 20 Prozent würden eine sogenannte „Long-Covid-Erkrankung“, die mit Schwächung von Herz, Lunge oder dem Fatigue-Syndrom einhergehen, davontragen. Diese Patienten gilt es nun in den Fokus zu nehmen, um besser zu verstehen, wie es zu den Langzeitschäden kommt, wie diese verhindert, behandelt und welche rehabilitativen Maßnahmen zur Genesung der oft sehr jungen Patienten eingeleitet werden sollten. „Erfreulicherweise haben wir erste Ergebnisse, dass es auch eine Ausheilung gibt, die zwar ungewöhnlich lange andauert, dafür aber keine irreversiblen Schäden hinterlässt.“

Die Lehren für die Herzmedizin

In einer unserer Metaanalysen von 27 internationalen Studien zeichnete sich 2020 eine Abnahme von akuten Krankenhauseinweisungen von Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen um 40 bis 50 Prozent ab. Akute Herzinfarktpatienten kamen zu Beginn der ersten Welle auf einmal auch hier in unserer Großregion nicht mehr in unsere Chest-Pain-Unit, obgleich wir in der Großregion als einzige eine derartig spezialisierte Einheit für die zertifizierte Notfallversorgung von Herzpatienten vorhielten. Viele Patienten verstarben zuhause ohne medizinische Versorgung. Einerseits war es die Angst vor einer Ansteckung, andererseits wollte man Covid-Erkrankten keine Intensivbetten wegnehmen. Parallel dazu wurden wir von Akut-Zuweisungen von Herzpatienten aus dem ambulanten Bereich und den Krankenhäusern der Großregion nahezu überrannt, da diese noch viel weniger als ein Universitätsklinikum auf die Versorgung dieser stets kritisch kranken Patienten im Kontext einer Pandemie vorbereitet waren. Parallel haben wir als internistische Notfall- und Intensivmediziner natürlich auch schwerpunktmäßig hier am Universitätsklinikum die Intensiv- und Lungenersatzbehandlung der Covid-Patienten übernommen; derartige Ressourcen stehen in den meisten Krankenhäusern der Region nicht zur Verfügung.
Obwohl die zweite und die dritte Welle das Universitätsklinikum Ulm viel härter getroffen haben als die erste, waren wir, gestützt durch die Erfahrungen aus der ersten Welle, auf diese sehr gut vorbereitet. Alle akuten Herzpatienten kamen zeitgerecht in die Klinik, die Zuweisung durch kardiologische Kollegen aus der Großregion erfolgte umgehend und wir konnten auch allen Coviderkrankten eine intensivmedizinische und Lungenersatztherapie anbieten. Akute Fälle, wie Herz- und Covid-19-Patienten dulden einfach keinen Aufschub!“

Die Grundsätze des ärztlichen Handelns

Dem vielfach ausgezeichneten Herzspezialisten geht es zudem um interdisziplinäres, transparentes und qualitätsgesichertes klinisches Arbeiten. Bezugnehmend auf die zwei Grundprinzipien der guten Medizin und insbesondere der Herzmedizin gelten stets die Grundsätze: „Safety und Efficacy“ – Sicherheit und Wirksamkeit. Sicherheit für den Patienten erreiche man durch regelmäßige Qualitätssicherungen. Wenn die einzelnen Behandlungen kontinuierlich kritisch und ergebnisorientiert geprüft werden, führt das in der Medizin nicht nur zu mehr Patientensicherheit, sondern auch zu fortschrittlicheren Behandlungsmethoden. „Jeder systematisch erfasste und geprüfte Patientenfall, wie zum Beispiel in unserer Chest-Pain-Unit oder der Long-Covid-Ambulanz führt nicht nur zu mehr Erfahrung im Ulmer Behandlungsteam, sondern hat eine erhebliche Bedeutung für die systematische, datenbasierte und qualitätsgesicherte Weiterentwicklung der modernen Herzmedizin – ohne dass Patientenrechte in irgendeiner Form verletzt werden.“


Kontakt


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