Die Zeitschrift der Bahnhofsmission heißt „gleis eins“. Weil fast alle Stellen der Bahnhofsmission jeweils an Gleis 1 zu finden sind. So auch in Ulm. Dort kümmern sich drei Hauptamtliche und rund 20 Ehrenamtler um Menschen, die Rat und Hilfe suchen. Das müssen keine Bahnfahrer sein.

„Wir sind Generalisten und oft Blitzableiter für Reisende“, sagt Sebastian Lindner, der Leiter der Bahnhofsmission Ulm und spielt damit auf das breite Aufgaben-Spektrum an. Gemeinsam mit  Crina Haidu und Stephanie Werner bietet der Sozialwirt einen niedrigschwelligen Anlaufpunkt  und dazu passend die im Bahnhof einzige barrierefrei erreichbare Wickelkommode.

Begleitservice für Kinder

Körperlich Eingeschränkten  beim Gepäckschleppen unter die Arme greifen, Schwächelnden mit einer Tasse Kaffee und einer Scheibe Brot aus dem Tief helfen: Das ist für das Trio Alltag. Für allein reisende Kinder gibt es gegen eine Betreuungspauschale den Begleitservice „Kids on Tour“, den geschulte Ehrenamtliche übernehmen. Auch Menschen in existenziellen Notlagen wird die Bahnhofsmission gerecht. Wie der Frau, die an Weihnachten Stephanie Werner um Hilfe bat. „Sie ist vor ihrem gewalttätigen alkoholisierten Ehemann geflüchtet und brauchte einen Schlafplatz“, erzählt sie. Nur jemanden zum Reden brauchte dagegen ein junger Mann, der sich mit der Familie verkracht hatte und danach die Lage besser einschätzen konnte.

Die Deutsche Bahn, Bundespolizei und Bahnhofsmission sind die drei Institutionen, die im Bahnhof vor Ort sind. Sie arbeiten eng zusammen. Dank der Video-Dolmetsch-Hilfe der „Deutsche Bahn Stiftung“ können in zwei Minuten Übersetzer für viele Sprachen organisiert werden.  „Die Bundespolizei hat uns einen Mann aus Israel übergeben, der nur im Trainingsanzug und mit Socken vor ihren Räumen lag“, berichtet Sebastian Lindner. Ohne Schuhe, ohne Gepäck, aber mit gültigen Papieren. Die offerierten Schuhe schlug er dennoch aus und machte sich so davon.

Die Bahnhofsmission hat an 365 Tagen im Jahr geöffnet, die Nachfrage steigt. Waren es in Ulm 2018 noch 14 000 Klienten, sind es 2019 stolze 18 000 gewesen. Gerne würde Lindner die Öffnungszeiten am Montag und Dienstag auf den Nachmittag ausweiten. Dafür fehlt aber Personal. Eine FSJ-Stelle würde weiterhelfen (siehe Info).

„Ganz wenig“ Spenden

Doch Geld ist knapp. Der Katholische Verband „In Via“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart stellt zwar den finanziellen Sockel, doch die Spenden der Bevölkerung brechen weg. „Da kam vor Weihnachten ganz wenig rein“, bedauert Lindner. Weshalb er sich freuen würde, wenn die Leute auch nur Kaffee und/oder Kekse bei der Bahnhofsmission am Gleis 1 vorbeibringen würden.

Wissenswertes über die Bahnhofsmission


Geschichte Die Bahnhofsmission wurde vor 126 Jahren in Berlin von bürgerlichen Frauen gegründet. Ihr Ziel war, reisenden Frauen zu helfen und ihnen zum Beispiel Übernachtungsmöglichkeiten zu organisieren. Die Ulmer Bahnhofsmission wurde 1948 von Ilse Ernst ins Leben gerufen. Das Logo der Bahnhofsmission setzt sich aus dem evangelischen Kreuz und dem katholischen goldenen Band zusammen.

FSJ-Stelle Mit Unterstützung der Aktion 100 000 und Ulmer helft soll in Ulm eine Stelle für den  Bundesfreiwilligendienst geschaffen werden. Wer dort ein Freiwiliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren möchte, kann sich ab sofort bei Sebastian Lindner bewerben: s.lindner@invia-drs.de, Tel. (0731) 6 28 32. Er oder sie sollte mindestens 18 Jahre alt sein, kontaktfreudig und offen für Menschen und andere Kulturen.

Ehrenamtliche Auch zeitweise einsetzbare Helferinnen und Helfer werden gesucht. Für sie gelten im Prinzip die selben Anforderungen wie für jemanden, der ein FSJ leisten will.

Direkte Hilfe „Die Spenden haben sehr nachgelassen“, resümiert Sebastian Lindner. Das Team ist über jeden Cent froh. Wer gezielt unterstützen möchte, vermerkt auf seinem Überweisungsformular unter Verwendungszweck „Bahnhofsmission“.