Laichingen Warum Kinder zu "Ichlingen" werden

Der Kinderpsychologe Stephan Valentin signiert nach seinem Vortrag Bücher. Foto: Brigitte Scheiffele
Der Kinderpsychologe Stephan Valentin signiert nach seinem Vortrag Bücher. Foto: Brigitte Scheiffele
Laichingen / BRIGITTE SCHEIFFELE 28.10.2013
Medien, Leistungsdruck und eine Erziehung ohne Grenzen tragen dazu bei, dass sich Kinder zu Egoisten entwickeln. Rund 50 Zuhörer lauschten dem Kinderpsychologen Dr. Stephan Valentin im Alten Rathaus.

Im Grunde sagt Dr. Stephan Valentin das, was Eltern und Pädagogen schon längst wissen: Die Erziehung im Elternhaus ist die Basis für soziale Kompetenz. Auch dafür, wie oft sich Kinder und Jugendliche mit Bildschirmmedien befassen. Und so war Valtentins Vorstellung seines neuen Buches "Ichlinge" eigentlich eine Bestätigung dessen, was jedem, der mit jungen Menschen zu tun hat, mehr oder weniger aufgefallen ist: Kinder vereinsamen. Trotz Netzwerkkontakten. Laut Valentin "ein kalter Kontakt. Junge Menschen nehmen Mitmenschen im Alltag immer weniger wahr und spüren nicht, wenn sie stören." Selbst Eltern würden auf derartige Verhaltensweisen seltener reagieren. "Natürlich hat ein Kind Recht auf Erfüllung seiner Bedürfnisse, aber bei der Stillung derselben gibt es Grenzen", gibt Valentin zu bedenken. Die "Ich-zuerst-Kinder" könnten nicht warten, nicht zuhören, andere nicht ausreden lassen. Sie könnten anderen kaum in die Augen sehen, eigene Bedürfnisse nicht zurückstecken und sich nur schwer an Grenzen halten. Laut Valentin Folge der Nutzung von Bildschirmmedien: "Täglich erhalten Kinder eine Fülle von Eindrücken, alles geht rasant schnell, nichts überrascht sie mehr." Darunter leide die Vermittlung vom Lebenskompetenzen.

Zuhören, mitfühlen, ausreden lassen, warten können, alles das müsse trainiert werden mit einem realen Gegenüber, erläuterte der Kinderpsychologe vor rund 50 meist weiblichen Zuhörern. So müsse sich ein Kind zum Beispiel im Sandkasten durch natürliche Interaktion mit seiner Umwelt auseinandersetzen: Sand werfen, die unangenehmen Folgen aber auch selbst spüren. Sich durchsetzen und Rücksicht nehmen lernen. "Beim Spiel gibt es Verlierer und Gewinner, auch der andere muss mal stärker sein. Und man muss warten, bis der andere fertig ist, bevor man selbst an der Reihe ist", führte Valentin als Beispiel an. Bei Bildschirmmedien habe der virtuelle Spielpartner keine Gefühle. Alles sei auf das Ziel ausgelegt, weiterzukommen und den Gegner zu vernichten. Kinder würden deswegen viel häufiger zuschlagen, weil sie nicht gelernt hätten, die Signale des Opfers zu registrieren, da sie auf Gewinn, Erfolg und Vernichtung gepolt seien.

"Man braucht im Kindergarten keinen Computer, Kinder sollen miteinander spielen. Schon gar nicht gehören Bildschirmgeräte in ein Kinderzimmer", mahnte der Psychologe, denn "Kinder können sich nicht selbst kontrollieren, Eltern müssen Grenzen setzen." Aus seiner Erfahrung reagieren Eltern erst, wenn Probleme schon da seien, weiß Valentin. Er bringt aber Eltern gegenüber aufgrund deren beruflicher Belastung durchaus Verständnis auf. Leistungsdruck im Bildungsbereich zu schüren, sei ein weiterer Punkt, dem Eltern häufig unterlägen: "Ein Kind muss alles können und möglichst überspringen, Durchschnitt ist heute ein Schimpfwort." Eltern die Leistungsdruck auf ihr Kind übertragen, hätten Angst oder wollten sich selbst in diesem verwirklichen. "Ein Kind braucht Zeit, um sich zu entdecken, aber viele Eltern können gar nicht abwarten, wie sich ihr Kind entwickelt, weil sie alles vorausplanen." Der Psychologe: "Wer später läuft, läuft irgendwann genauso schnell. Wer spät spricht, holt alle auf." Negativ behaftet sei der Raum Schule, wo nur gefordert werde. Schule müsse sozialer gestaltet werden, Eltern sollten mit Lehrern ein Erziehungsteam bilden.

Wegen Unsicherheiten im eigenen Erziehungsstil suchen Eltern laut Valentin häufig Psychologen auf. "Frust und Liebe gehören in der Erziehung dazu. Regeln müssen vermittelt werden, Rücksicht auf den anderen gehört dazu. Dafür ist nicht die Kita oder Schule verantwortlich." Häufig würden Erziehungsschwierigkeiten mit "hyperaktive Kinder" begründet, die sie gar nicht seien. Sie suchten lediglich klare Regeln, Liebe und Geduld.

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