"Toni, du bist ein Fußball-Gott" - so feierte Herbert Zimmermann in seiner Live-Reportage vom WM-Endspiel 1954 in Bern gegen Ungarn den deutschen Nationaltorhüter Toni Turek und den ersten deutschen Titel bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ihm folgten Keeper wie Bernd Trautmann, der in England zum Idol wurde; Hans Tilkowski, der 1966 im Wembley-Stadion das legendäre Tor kassierte, das keines war; Sepp Maier, der das Showelement in die Nationalelf einführte; Toni Schumacher, der keine Gnade mit sich und seinen Gegenspielern kannte; Andreas Köpke, der 1996 in England Europameister wurde; Oliver Kahn der erst mit 29 Jahren zum Stammspieler in der Nationalelf avancierte; Jens Lehmann, der ihn bei der WM 2006 ablöste - und Manuel Neuer.

Der hat seit geraumer Zeit Probleme mit seiner Schulter. Gestern hat der Ex-Schalker und heutige Münchner erstmals wieder am Mannschaftstraining teilgenommen. Torhüter-Trainer Köpke geht fest davon aus, dass er rechtzeitig zum deutschen Auftaktspiel am Montag gegen Portugal wieder topfit sein wird. "Manuel hat volles Vertrauen in seine Schulter, er nimmt keine Schutzhaltung ein", sagt Köpke über seinen Schützling. Eine Garantie, dass Neuer tatsächlich in Salvador dabei sein wird, will freilich keiner im DFB-Tross abgeben.

Sollte es doch nicht klappen, wäre dies für Köpke alles andere als eine Katastrophe. Dann käme eben der Dortmunder Roman Weidenfeller zu seinem vierten Länderspiel. "Er trainiert sensationell gut", sagt sein Torwart-Trainer. Auch auf den Hannoveraner Ron-Robert Zieler könne er sich jederzeit verlassen. Zudem hat Köpke eine Reihe von Keepern wie Marc-Andre ter Stegen, der zum FC Barcelona wechselt und den viele jetzt schon als die eigentliche Nummer zwei hinter Neuer sehen, Bernd Leno (Bayer Leverkusen), Sven Ulreich (VfB Stuttgart) und noch einige andere in der Hinterhand.

Fußball-Deutschland ist und bleibt ein Torhüter-Land. Im Gegensatz etwa zu England. Die Briten können nicht nur keine Elfmeter schießen, sondern leiden auch unter dem fehlenden Rückhalt eines exzellenten Keepers. Was den britischen Humor nicht schmälert. Ihren einstigen Nationaltorhüter David James benannten sie nach einem seiner fatalen Patzer kurzerhand um in "Calamity James".

An speziellen Torhüter-Genen kann es nicht liegen, dass die eine Seite einen Mangel, die andere hingegen geradezu einen Überfluss an Klasse-Keepern hat. Womit aber ist das deutsche Torhüter-Wunder zu begründen?

Eine Erklärung liefert Toni Schumacher. "Hier haben die kleinen Jungs große Vorbilder", weist er auf die lange Liste der deutschen Torhüter-Stars hin. So gesehen steht Turek am Anfang einer Kette, die sich von Generation zu Generation bis heute fortsetzt und dem Torhüter ein hohes soziales Prestige beschert. Während anderenorts derjenige ins Tor gestellt wird, der für das Feld nicht zu gebrauchen ist, wollen in Deutschland "viele Kinder Torhüter werden, weil sie bestimmten Ikonen nacheifern", hat Oliver Reck, einst Torhüter bei Werder Bremen, beobachtet.

Reck ist mittlerweile Cheftrainer beim Zweitligisten Fortuna Düsseldorf, zuvor coachte er nur Torhüter. Und steht in einer langen Reihe. Viele, die früher selbst im Kasten standen, von Sepp Maier, der vor Köpke Bundes-Torhüter-Trainer war, über Rüdiger Vollborn bis Gerry Ehrmann geben ihre Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. Auch andere Spieler, die als Aktive weniger im Fokus standen, sind exzellente Torhüter-Trainer. Andreas Menger vom VfB Stuttgart gilt als einer der Besten in dieser Branche.

"Schon die Kleinen bekommen die beste Ausbildung, die man sich vorstellen kann. Und das von Leuten, die ihren Beruf jahrelang ausgeübt haben", sagt Schumacher. Vollborn beispielsweise hat René Adler vier Jahre lang quasi als Adoptivsohn untere seine Fittiche genommen, Weidenfeller kommt aus der Ehrmann-Schule. Sogar Amateurvereine haben Torhüter-Trainer.

Der Erfolg früherer Generationen wird somit quasi an die Jugend vererbt. Also gibt es doch so eine Art Torhüter-Gen - wenngleich nicht im biologischen Sinne.

Wenn der Wecker früher klingelt

Simulation Um 13 Uhr Ortszeit wird am Montag das erste Vorrundenspiel der DFB-Auswahl gegen Portugal angepfiffen. Für die Nationalspieler ist dies eine ungewohnte Zeit. Gestern wurde diese Anstoßzeit simuliert. Nicht nur das Training fand um 13 Uhr statt. Die Wecker der Spieler klingelten früher als gewohnt auf. Sie sollten zudem herausfinden, wie sie sich ernährungstechnisch auf den kommenden Montag vorbereiten so. Von 7 Uhr bis 10.30 Uhr stand ein Brunch-Büfett bereit. Die Spieler sollten testen, ob sie vor der Begegnung nur eine Mahlzeit zu sich nehmen oder zwei. Morgen, Freitag, wird die frühe Anstoßzeit noch einmal simuliert. Bis dahin müssen die Spieler herausgefunden haben, wie ihre persönliche optimale Vorbereitung aussehen muss. gek