Neuerscheinung Die Goldenen Zitronen veröffentlichen ihre neue Platte

Die neue Goldene-­Zitronen-Platte.
Die neue Goldene-­Zitronen-Platte. © Foto: Buback Tonträger
Hamburg / Claudia Reicherter 08.02.2019

Es geht um „sogenannte Flüchtlinge“ in der Nachbarschaft, um europäische Werte, Schuld und Lügen, um Stressbewältigungsstrategien, versautes Karma, die „Aneignung von Macht“ und – nicht mal vordergründig nostalgisch – um „unsre Petra-Kelly-­BRD“. Also um all das, was derzeit die Schlagzeilen füllt und uns auch privat so beschäftigt. Nur um die Liebe, wie es der einem 1976er-Hit der Melodic-­Rock-Band Boston entliehene Titel „More Than A Feeling“ (Buback Tonträger) nahelegt, geht es mal wieder nicht. Persönliche Befindlichkeiten sparen die Goldenen Zitronen aus, seitdem es die Hamburger Band gibt, und das sind nun auch schon 35 Jahre. Sogar der Titel „Bleib bei mir“ (mit Sophia Kennedy) ist so gesehen ein Fake.

Sonst faken die Goldies aber nichts: Das Cover gestaltete traditionsgemäß ihr erster Manager, der heutige Kunstprofessor Daniel Richter. Musikalisch führt das heute erscheinende Album den Weg dieser nach einer einst vom ADAC vergebenen Negativ-Auszeichnung benannten Band konsequent fort. Seit Jahren bewegt sich die vom Funpunk weg in Richtung Avantgarde, Diskurs-­Pop und tanzbaren Elektro.

Der aus Ulm stammende Ted Gaier – neben Schorsch Kamerun die Oberzitrone – gibt es unumwunden zu: Es gehört zur Crux einer altgedienten Punkband, dass die instrumentale Kompetenz mit den Jahren zunimmt. An das rohe, wütende Poltern von „Das bisschen Totschlag“ (1994) erinnert allenfalls das mit dilettantisch, aber lustvoll nachgeahmtem Hundejaulen eingeleitete „20 x 20“. Doch die Haltung, die die elf Stücke transportieren, ist immer noch Punk. Mit Hirn. Fiebrig-dringliche Höhepunkte: „Es nervt“, das Latoya Manly Spain von Schwabinggrad Ballett mitschrieb und zu Mense Reents hektischem Synthie interpretiert, sowie Gaiers finale Reflexionen über die Hamburger G20-Hölle. Über der ganzen vielfältigen und doch wie aus einem Guss klingenden Platte wabern die trendig gedehnten Fragen von Jugendfetischisten im Opener: What? Who? Why? Meee?

Live Im Wizemann, Stuttgart, 9. April

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