Alle Jahre wieder organisieren Michael Gugelfuß und Clemens Wieser eines der wenigen überlebenden Umsonst-und-draußen-Musik-Festivals im Land. Der 38-jährige Dornstadter Vereinsvorsitzende und sein 26-jähriger Kollege, der inzwischen im Erlanger E-Werk arbeitet, sind beim dreitägigen Obstwiesenfestival (OWF) unter anderem für Programm und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Beim Aufbau der „OWF Weihnachtsklänge“ für die 350 bis 400 meist ehrenamtlichen Helfer im Gleis 44 blicken sie zurück aufs 26. Festival vergangenen August und voraus auf das kommende, das zum zweiten Mal in seiner fast 30-jährige Geschichte auf vier Tage ausgedehnt wird.

Das Obstwiesenfestival 2018 brach den bisherigen Rekord: Wie viele Besucher waren denn letztlich da?

Clemens Wieser: Insgesamt über die drei Tage waren’s 22 000.

Woher wissen Sie das, wo bei einem kostenlosen Festival doch keine Tickets verkauft werden?

Wieser: Die Security an den Einlässen und die Einweiser auf den Parkplätzen haben jeweils Klick-Zähler. Da ziehen wir noch etwas ab wegen Besuchern, die mehrmals rein- und rausgehen.

Michael Gugelfuß: 2000 Besucher waren unserer Zählung nach am Donnerstag da, am Freitag 11 000 und am Samstag 9000.

Wieser: In Zelten und Wohnmobilen am Gelände übernachtet haben so um die 2000 Personen.

Platzte da der Campingplatz nicht aus allen Nähten?

Wieser: Doch. Am Freitagnachmittag, dem zweiten Tag, war er voll. Dass es knapp wird, haben wir am Donnerstagabend schon gemerkt, und dann haben wir in der Nacht noch nach einer Lösung gesucht.

Gugelfuß: So wurde eine Parkfläche etwas weiter westlich vom Festivalgelände am Freitagmorgen zum zweiten Campingplatz. Nochmal Miettoiletten organisieren, alles einrichten, fertig. Wir waren darauf vorbereitet, da wir wussten, wir haben ein gutes Programm, wenn also das Wetter mitspielt, könnten schon ein paar Leute kommen.

Wieser: Zum Parken haben wir auf der anderen Seite der A8 weitere recht große Flächen genutzt.

Die Park-Einweisung macht immer die Freiwillige Feuerwehr. Bezahlt sie der OWF-Verein dafür?

Gugelfuß: Die wird vom Bürgermeister beauftragt und kümmert sich darum, dass das geordnet über die Bühne geht.

Die Gemeinde fördert das OWF also?

Gugelfuß: Ja, die Gemeinde unterstützt das, erlegt uns als Veranstalter nicht zu große Bürden auf. Man bespricht alles vorab mit dem Ordnungsamt. Dadurch, dass wir nun schon sehr erfahren sind, und bisher alles harmonisch und friedlich verlief, haben wir da keine Probleme. Das ist wichtig. Denn jede Auflage kostet Geld, das wir als „Umsonst & Draußen-Festival“ nicht einfach auf Tickets umlegen können. Dafür sind wir dankbar. Auch innerhalb der Bevölkerung gibt es kaum mehr Stimmen gegen das Festival. Das passt, da kann man entspannt arbeiten.

Manche Flächen sind aber ja in Privatbesitz. Herrscht auch von dieser Seite Wohlwollen?

Gugelfuß: Von den meisten, ja.

An der Gefahr für weidende Schafe durch Glassplitter wie noch vor Jahren kann es seit das Festival glasfrei ist nicht mehr liegen, oder?

Gugelfuß: Ums Jahr 2000 herum haben wir umgestellt auf Kunststoffbecher, aber die Besucher bringen nach wie vor Flaschen und Nutellagläser mit. Das ist schon ein Problem.

Lässt sich das kontrollieren?

Wieser: Jedes Wohnmobil zu durchsuchen wäre schwierig, aber wer auf den Campingplatz will, wird auf Glas kontrolliert. Da kommt mit einem Bierkasten keiner rein. Aber auch Tagesbesucher trinken gern noch ihr Bierchen auf dem Weg zum Festival. Wir versuchen, am nächsten Tag alles wegzuräumen, auch wegen Verletzungs- und bei Sonne Brandgefahr.

Gab’s am Wetter beim OWF 2018 was auszusetzen?

Gugelfuß: Der Abbau, der wie der Aufbau etwa eine Woche ging, war durch das Wetter schon heftig, weil es da noch eine Stufe wärmer wurde und wir keinen Schatten auf dem Gelände haben. Das Müllsortieren war zum Teil eklig und es gab ein paar hitzebedingte oder durch Insektenstiche hervorgerufene Ausfälle. Und wenn es staubig ist, musst du im Endeffekt genauso viel putzen, wie wenn es schlammig ist. Da muss man schon immer gegen Widrigkeiten kämpfen (lacht).

Wieser: Generell kommen wir mit jedem Wetter zurecht. Die Besucher halt nicht.

Gugelfuß: Das ist das Problem: Unsere Konzeption lebt davon, dass die Leute konsumieren. Und wenn das Wetter schlecht ist, kommen sie später oder gar nicht. Bei einem Festival, für das sie ein Ticket haben, das 100 Euro oder mehr gekostet hat, geht man normalerweise trotzdem hin, aber bei einem kostenlosen bleibt man bei Schlechtwetter eher weg. Das ist dann halt bitter, denn die Einnahmen aus Getränken, Wurst, Steaks und Seelen fehlen uns. Und wir haben ja den gleichen Aufwand. So trifft uns das im Endeffekt doppelt hart.

Geht so letztlich auch die Angebotsvielfalt zurück?

Wieser: Jedes Bier, Wasser und jeden Schnaps, den Sie auf dem Obstwiesenfestival trinken, trinken Sie zugunsten des Festivals. Die Essensstände an der Südseite des Geländes jedoch sind Fremdanbieter, und wenn die drei Jahre lang keine oder wenig Einnahmen haben, sagen die natürlich eventuell, das rentiert sich für uns nicht, und bleiben weg. Gerade im vergangenen Jahr haben wir drauf geschaut, dass die Gastrostände nachhaltige und attraktive, wenn auch vielleicht höherpreisige Speisen anboten. Das ist auch der Besucherstruktur geschuldet. Wir haben nun mal nicht nur 16-Jährige, die über möglichst Billiges herfallen, sondern auch ältere, denen die Nachhaltigkeit wichtiger ist.

Obstwiesenfestival 2018 Obstwiesenfestival 2018: Das war der Samstag

Am 17. und 18. August 2018 jedenfalls hatten alle Obstwiesenfestival-Beteiligten eine gute Farbe im Gesicht . . .

Gugelfuß: Das ist der positive Nebeneffekt, man muss nicht in Urlaub fahren, um extrem gebräunt zurück an den Arbeitsplatz zu kommen. Wir haben das aber ja auch schon anders erlebt . . .

Haben Sie beide danach noch Urlaub, um sich zu erholen oder geht’s direkt weiter mit der regulären Arbeit?

Wieser: Ich hab immer zwei Wochen Urlaub. Da bleibt danach noch ein Wochenende, bis ich wieder arbeite.

Gugelfuß:Und ich bin selbstständig, habe vor vier Jahren eine Druckerei übernommen mit 40 Mitarbeitern und 80 Austrägern für unseren Amtsblattverlag, da muss ich auch während des Festivals mal kurz ins Geschäft und das Wichtigste erledigen. Danach geht’s nahtlos weiter. Im Oktober gibt es dann eine Woche Urlaub.

Wie lange dauerte es, bis Sie alles Administrative erledigt hatten. Anders gefragt: Wann ist 2018 für Sie abgehakt und 2019 kann kommen?

Gugelfuß: Das geht nahtlos über. Wir müssen wie ein kleines Unternehmen einen Jahresabschluss machen und unsere Abrechnung vorlegen. Parallel dazu fängt die Planung des nächsten Festivals an. Die Wasser- und Benutzungsgebühr für die Zufahrtsstraße von der Bundeswehr ging jüngst noch ein und die letzte Gage raus. Da die Bankverbindung in Neuseeland zunächst falsch angegeben war.

Wie viele Mitglieder hat der Obstwiesenverein aktuell?

Gugelfuß: Aktive, die das Festival umtreiben, 25, und passive Mitglieder etwa 60.

Also gibt es viele externe Helfer?

Gugelfuß: Genau, viele nehmen extra Urlaub und packen beim Auf- oder Abbau, an den Festivaltagen, oder die ganzen zwei Wochen über tatkräftig an.

Wieser: Das sind tolle Vorbilder, die auch andere mitreißen. Da die Arbeit immer mehr wird, wäre es schön, wenn jedes Jahr zwei bis drei Neue hinzukämen: jederzeit herzlich willkommen!

Stimmt es, dass 2018 viel gestohlen wurde?

Gugelfuß: An mich oder an die Polizei ist nichts derartiges herangetragen worden. Es waren zwei Fahrräder weggekommen, von denen eines beim Abbau wieder auftauchte. Von daher war das dieses Jahr im Gegenteil alles sehr überschaubar und friedlich. Die Stimmung war auch dank des guten Wetters sehr entspannt.

Wieser: Aber von unseren aus Bühnenplanen selbstgezimmerten neun Liegestühlen war danach nur ein kaputter und ein ganzer noch da. Offenbar fanden’s manche lustig, die Stühle für Besucher zum Hinsetzen und Ausruhen auf ihre Terrassen zu stellen. Das ist halt schade, wo doch schon das Festival kostenlos ist.

Dabei sind Deko- und Ausstattung ja gerade etwas, das den Charme des OWF ausmacht. Wie reagieren Sie darauf? Bauen Sie neue und versteigern künftig wie die Donaufestfahnen, bevor sie geklaut werden?

Wieser: Sitzgelegenheiten, die wir zur 25. Ausgabe gebaut und mit Bands jedes Jahrgangs verziert hatten, wollten tatsächlich viele kaufen. Aber die wollen wir nicht hergeben. Wir rufen lieber dazu auf, die Liegestühle auch jetzt noch zurückzubringen.

Gugelfuß: Wir sind keine Unmenschen und wollen niemanden in die Pfanne hauen deswegen, sondern würden uns halt freuen.

Wie sieht es finanziell aus, müssen die Mitglieder wieder Steine schleppen, wie vor einigen Jahren, um die Kasse auszugleichen?

Gugelfuß: Nach der sturmbedingten Unterbrechung machten wir beim Festival 2017 Verlust. Da waren die Rücklagen aufgebraucht und wir mussten dieses Jahr wieder bei Null anfangen. Da kam uns so ein Schönwetterfestival gerade recht.

Dabei kamen Sie 2017 ja noch verhältnismäßig glimpflich davon.

Gugelfuß: Auf jeden Fall.

Wieser: Die Hauptbühne stand komplett unter Wasser, aber wir hatten die Traversen mit den Scheinwerfern rechtzeitig runtergefahren und in Sicherheit gebracht, sodass daran kein Schaden entstand. Und unsere Techniker haben eine Nachtschicht eingelegt, damit die große Bühne am Samstag wieder bespielt werden konnte. Am Freitag haben wir nach der Unterbrechung sieben Bands im Zelt durchgepeitscht und zwei haben im Merch-Zelt gespielt.

Gugelfuß: Im Endeffekt ist alles gutgegangen, nichts passiert. Nur in der Kasse sah es halt schlecht aus.

Fürs Obstwiesenfestival 2019 ist ein zusätzlicher Tag geplant. Wie kam das?

Wieser: Die Idee entstand schon mit dem zusätzlichen Konzert von NoFX vor einigen Jahren. Man hat die Infrastruktur stehen und einen Tag mehr kosten vielleicht ein paar mehr Nerven, aber nicht mehr Geld. Wir schauen seit Jahren, ob eine Band, die zum Festival auch passt, an den Tagen davor oder danach herkommen kann für eine Pre- oder After-Show, und zufällig suchten Mighty Oaks vor etwa zwei Monaten nach genau solchen Möglichkeiten. Das passt perfekt, es ist dann das dritte Mal, dass die in Dornstadt spielen.

Bands, die mal da waren, kommen also nach wie vor gern wieder?

Gugelfuß: Das hören wir von allen Seiten, ja.

Wieser: 2018 fanden’s Von Wegen Lisbeth und Tocotronic, die sonst ja viel größere Festivals spielen, auch toll und haben sich mehrfach bedankt.

Werden dann auch Übernachtungsgäste schon früher anreisen?

Gugelfuß: Es kann sein, dass der eine oder andere Camper schon am 14. August 2019 kommt, ja. Es mag für Mighty-Oaks-Fans ein Anreiz sein, auch zum Festival zu bleiben. Und für OWF-Fans, sich am Tag davor auch schon die Mighty Oaks anzuschauen.

Wieser: Die frühe Anreise bietet sich auch an, da der 15. August in Teilen Bayerns ein Feiertag ist. Also in Erlangen nicht, weil die Gegend evangelisch ist – muss doch wieder umziehen (lacht).

Gibt es im Verein auch mal Bedenken, ob das Festival mit der Zeit zu groß wird?

Gugelfuß: Wir überlegen uns das schon und arg viel größer wollen wir eigentlich nicht werden. Das geht dann irgendwann auch nicht mehr mit dieser Konzeption. Letztlich kann man das bei einem kostenlosen Festival allein übers Programm steuern. Oder wenn es mal wieder zwei Jahre hintereinander regnet, dann steuert das jemand anderes für uns.

Wieser: Mit Headlinern wie Tocotronic und Von Wegen Lisbeth war das 2018 für ein Umsonst & Draußen natürlich ein „In-die-Vollen-Programm“.

Gugelfuß: Da weiß man, wegen denen allein kommen auf jeden Fall 1000 Leute zusätzlich.

Wieser: Und im „Unterbau“ waren auch Sachen dabei, wo man sagt, schon mal gehört: Hinds oder Granada zum Beispiel.

Gugelfuß: Das meiste steuert aber eh der Wettergott und ich glaube nicht, dass 2019 gleich wieder solch ein Sommer ansteht. Weil das hatte ich, seit ich das Festival mache, also seit 21 Jahren, in denen ich das mit veranstalte, in dem Ausmaß noch nicht.

Bleibt es ansonsten beim bewährten Konzept mit Schwerpunkten auf Indie-Rock und Elektronik?

Gugelfuß: Genau, das sind die Genres, wo wir uns bewegen, wo wir sagen, das ist cool. Hin und wieder auch mal etwas Spezielleres eingestreut, da muss man schauen, was sich so ergibt.

Das Obstwiesenfestival hat für 2019 Taskete! schon mal angefragt, habe ich gehört. Gibt es andere Wunschbands?

Wieser: Das ist immer relativ schwierig. Wünsche hat man viele. Wir schauen jetzt einfach mal. Vieles kann, nichts muss. Die Antworten auf unsere Angebote kommen wohl ab Mitte Januar zurück, dann muss man schauen, was passt, um auch Abwechslung zu bieten. Dieses Jahr sollten wir das Line-up etwas früher beisammen haben als 2018, da wir ja auch für Mighty Oaks Karten verkaufen wollen, die sind seit Dezember im Vorverkauf.

Spielt der für April 2019 vorgesehene Brexit beim Booking eine Rolle?

Wieser: Nicht groß. Für auswärtige Künstler muss man halt die Ausländer-Steuer abführen, aber da spielt es keine Rolle, ob die aus Österreich oder aus Australien kommen.

Gugelfuß: Und wir hatten ja schon immer Bands, die aus Nicht-EU-Ländern kamen, da gibt es jetzt halt noch eines mehr. Wenn die bei der Anreise mehr Kosten haben, werden sie versuchen, das auf unsere Gage umzulegen, dann muss man eben neu verhandeln.

Wieser: Es kam zwar schon vor, bei The Bongo Cub aus Schweden etwa, aber meist reisen die Bands nicht extra wegen des OWF an, sondern sind eh in Deutschland oder auf dem europäischen Festland unterwegs, dann verteilen sich die Kosten.

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„Umsonst & Draußen“: Die ersten Bands des 27. Obstwiesenfestivals von 15. bis 17. August auf dem Lerchenberg bei Dornstadt stehen fest: Cassia (Afro-­Indie-Rock, GB) und The Holy (Alternative Rock, FIN), Bonaparte (Trash Punk), Hope (Post-Rock/Ambient/Elektro), Pabst (Stoner Rock).

Pre-Show: Zum Aufwärmen spielen am 14. August Mighty Oaks, die bereits zwei Mal auf dem OWF aufgetreten sind. Diesmal allerdings nicht kostenlos: Infos & Tickets im Internet unter www.tixforgigs.com

Eine Langversion des Interviews gibt es unter swp.de