Ulm / Magdi Aboul-Kheir Rammstein präsentierte am Donnerstag das Video zur neuen Single „Deutschland“. Zuvor verärgerte die Band viele mit einem Werbeclip in KZ-Optik.

Exakt 35 Sekunden genügen diesmal für den Skandal. 35 Sekunden dauert das Mini-Video, mit denen Rammstein für die neue Single „Deutschland“ wirbt, die am 12. April erscheint. 35 Sekunden, in denen Till Lindemann, Paul Landers und die anderen Bandmitglieder in gestreifter Häftlingskleidung, mit Strick um den Hals vor einer Baracke stehen; einer der Musiker trägt sogar einen Davidstern.

„Rammstein schockt mit KZ-Video“. Genau so und nicht anders lauten natürlich am Donnerstag die Schlagzeilen, und keiner sollte davon überrascht sein – nicht die Medienwächter, nicht die Fans und schon gar nicht die Band. Genau so wenig überraschend sind die Reaktionen von Politikern und Verbänden, die durchaus nachvollziehbar sind, man aber auch nicht anders als reflexartig nennen kann.

Youtube

Punkt 18 Uhr ging das neue Rammstein-Video online

Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, sagte zur dpa, prinzipiell sei gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nichts einzuwenden. „Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten.“ Man müsse abwarten, was die Band in ihrem neuen Album aufgenommen hat. „Sollten es Lieder gegen den Judenhass sein, wäre ich positiv überrascht.“

Um Punkt 18 Uhr ging am Donnerstag dann das komplette „Deutschland“-Video auf Youtube online – nach einer Stunde hatte es eine halbe Million Views. Und siehe da: Der Antisemitismusbeauftragte Klein könnte tatsächlich positiv überrascht worden sein. Denn ist es auch kein Lied gegen den Judenhass, so hat es doch eine deftige antinationalistische Botschaft.

Das erste Lied des neuen Rammstein-Albums löste hitzige Diskussionen aus. Wir haben alle Fakten zum Album und zur Tour.

Zwei Jahrtausende deutsche Geschichte in neun Minuten

Das neunminütige Video beginnt in „Germania magna“ im Jahr 16 nach Christus, und es folgt ein gewaltiger, gewaltvoller Bilderbogen durch zwei Jahrtausende deutsche Geschichte: Barbaren und Totschläger, Ritter und Faustkämpfer, Krieg und Terror, Blut und Feuer, SS und RAF, Kruzifix und Hakenkreuz und Hammer und Sichel – und natürlich Auschwitz. Es ist ein Panoptikum deutscher Untaten, deutscher Verdrängung, voller Anspielungen: Wölfe und Walhalla, brennender Zeppelin und V2 – mittendrin stets die Rammsteiner in vielen Rollen und Masken.

„Du hast viel geweint, im Geist getrennt, im Herz vereint“, gruftet Lindemann los und stürzt sich dann in überhitzte Ambivalenz: „Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen“. Ja, es heißt auch einmal „Deutschland über allen“, aber gemeint ist das über-hebliche Deutschland. Denn die Grundaussage des Lieds könnte deutlicher kaum sein: „Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen. Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben.“ Und immer wieder taucht wie eine Fantasy-­Gestalt eine schwarze Frau auf, auch das brutale koloniale ­Deutschland tut täterhaft mit.

Rammstein spielt gern mit Ambivalenzen

Die gezielte Provokation durch den Werbe-Clip ist aber nicht zu ignorieren. Sie instrumentalisiert den Holocaust, und dafür sind die deutschen Herren von Rammstein in die Kleidung von KZ-Häftlingen geschlüpft.

Der Hashtag zur Werbekampage heißt #duhastvielgeweint – muss man das jetzt alles zum Heulen finden? Es nervt zumindest, auch weil nun gleich wieder das Fass mit den geschmacklosen antisemitischen Textpassagen von Rappern aufgemacht wird. Man erinnere sich an Kollegah, der trotz der Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ den Echo gewann, was dann aber rasch zur Abschaffung des Musikpreises geführt hatte. Später distanzierte sich Kollegah so irgendwie von den Zeilen – er hatte der Gedenkstätte Auschwitz einen Besuch abgestattet.

Skandal-Rapper Haftbefehlt und Rammstein-Frontman Till Lindemann haben wohl ein Problem mit der Mathematik.

Kein Witz: Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, hat jetzt gleich mal Rammstein in die KZ-Gedenkstätte Dachau eingeladen, um „vor Ort über die NS-Gräuel zu informieren“. Als ob die Band nicht wüsste, was sie getan hat!

Fakt ist: Rammstein ist die weltweit berühmteste, größte deutsche Band. Rammstein braucht keine Werbung. Rammstein arbeitet seit Jahrzehnten mit Kalkül und Provokation, das beginnt schon mit dem Namen, der sich auf die Flugplatz-Katastrophe von Ramstein bezieht, und endet noch lange nicht mit pornografischen Bildern. Über das „Deutschland“-Video mag man streiten, über den Werbe-Clip nicht: Der war unnötig.

Ach ja: Am 17. Mai wird das Rammstein-Album erscheinen, im Sommer geht die Band auf Tour. Die ist längst ausverkauft.

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Seit zehn Jahren kein neues Album

Rammstein besteht seit 25 Jahren und hat seitdem sechs Alben herausgebracht: „Herzeleid“ (1995), „Sehnsucht“ (1997), „Mutter“ (2001), „Reise, Reise“ (2004), „Rosenrot“ (2005) und zuletzt vor zehn Jahren „Liebe ist für alle da“. Hinzu kommen drei Live-Alben. Bis auf die Debüt-Scheibe waren alle Alben Nummer eins in den Charts. In den Single-Charts war Rammstein zehnmal in den Top Ten: mit „Engel“, „Du hast“, „Das Modell“, „Sonne“, „Mein Teil“, „Amerika“, „Benzin“, „Pussy“, „Mein Land“ und „Mein Herz brennt“.