Interview Provozierende Songtexte: Über die Grenzen der Kunst

Rothenburg ob der Tauber / Claudia Reicherter 15.09.2018
Immer wieder provozieren Musiker mit ihren Texten. Ein Gespräch über die Grenzen der Kunst mit mit dem Juristen Markus Hirte.

Letztlich haben sechs Worte gereicht, um den größten deutschen Musikpreis zu Fall zu bringen: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.“ Die Zeile stammt von den Rappern Kollegah und Farid Bang. Als die beiden im April mit dem Echo ausgezeichnet wurden, entlud sich eine Welle der Empörung über die Deutsche Phono-Akademie. Wenige Wochen später wurde das Ende des Musikpreises verkündet. Das Album, auf dem der umstrittene Song zu finden ist, lebt allerdings weiter. „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ wurde nachträglich von der Justiz quasi legitimiert und schoss auf Platz eins der Charts. Erst jetzt, Monate später, wird es als jugendgefährdend eingestuft. Doch Kollegah und Farid Bang sind nicht die einzigen Musiker, die mit ihren Songs empören. Immer wieder sorgen Bands und Künstler für Negativ-Schlagzeilen, weil sie in Texten, Videos und Bildern vermeintlich oder tatsächlich gegen geltendes Recht verstoßen. Der Jurist Markus Hirte hat jüngst eine Tagung zu „Rock – Rap – Recht“ initiiert. Er hat ein Gefühl dafür, wo Provokation aufhört und ein Straftatbestand anfängt.

Herr Hirte, in Ihren Vorträgen reden Sie gerne vom Schinderhannes, Rammstein und Nick Cave. Was verbindet die drei?

Markus Hirte: Die „Mordballaden“. Ich beleuchte die Geschichte des Mordmotivs in der Musik. Das Verbrechen zieht sich wie die Liebe und andere starke Emotionen nahtlos vom frühen 16. Jahrhundert bis in die Jetztzeit durch.

Also könnte man sagen, es gab schon zur Refor­mationszeit eine Art Gangster-Rap?

Der Bänkelsang, eine damals neue Kunstform, war gewissermaßen das MTV des ausgehenden Mittelalters: fahrende Sänger, die in Kneipen auf Bänke sprangen und mithilfe eines Zeigestocks und einer Tafel Nachrichten sangen. Im 17. Jahrhundert wurde es für sie problematisch, denn so schnell wie die Austräger des neuen Mediums Zeitung konnten die gar nicht von Heilbronn nach Stuttgart eilen.

Wie reagierten sie auf die Konkurrenz?

Die haben einfach ihr Thema geändert, sich Packenderem zugewandt: Verbrechen, Leid, Grauen. So entstand der Abstieg des Bänkelsängers vom Übermittler wichtiger Nachrichten zum Schausteller, der mit Akrobaten auf dem Volksfest konkurrierte. Es wurde immer greller, die Vorträge wurden immer lauter, die Geschichten hanebüchener, immer mehr Verbrechen kamen darin vor.

Schritt da niemand ein?

Doch, es gab Überwachung, Sittenpolizei, Zensur. Der Obrigkeit war das nicht recht, wenn da über Räuber gesungen wurde wie den Schinderhannes, den das Volk verehrte. Da musste der Bänkelsänger eine Moral anhängen, etwa „gut, dass er tot ist“. So kamen Sarkasmus, Parodie und Ulk ins Genre. Das Aussterben der Moritat verhinderte Bertolt Brecht. Der hat das Moritaten-Lied in die Hochliteratur überführt – obgleich „Mackie Messer“ fürs Bürgertum starker Tobak war.

Ähnlich wie Rammstein Ende der 90er.

Als Teil der Unterhaltungsindustrie des 20. Jahrhunderts arbeitet die Band mit starken Bildern, polarisierenden Texten und kokettiert mit Tabus: Nekrophilie, Sadomasochismus, Töten, Pädophilie, vermeintlich rechtes Gedankengut. 2009 wurde ein Album verboten wegen einer Darstellung, die heute in Zeiten von „50 Shades of Grey“ den Massengeschmack nicht stören dürfte. Gitarrist Paul Landers meinte später, „vielleicht haben wir auf der Suche nach unserer Identität ein paar Türen geöffnet, die man besser zu lässt“.

Rammsteins Song „Liebe ist für alle da“ wurde auf den Index gesetzt.

Das Verwaltungsgericht Köln hat 2010 die Indizierung von „Liebe ist für alle da“ durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wieder aufgehoben, Gott sei Dank. Die Kunstfreiheit siegte.

Viele Rockbands überschreiten Grenzen. Nick Cave versetzt sich in den „Murder Ballads“ in Mörder, Frank Zappa sang schon 1979 von Vergewaltigung und Analsex. Er wurde sogar des Antisemitismus bezichtigt.

Exakt. Manchmal kann man froh sein, wenn man nicht alles versteht. Das gab es in der Musik schon immer. Es ist notwendig, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Dabei hat sich Zappa auch stets vehement gegen Zensur eingesetzt.

Verbote haben nie etwas bewirkt. Deshalb unser Aufruf: Lasst uns in den offenen Diskurs treten.

Doch was ist okay und was nicht mehr?

Die Kunstfreiheit ist als Grundrecht ein ganz hohes Gut. Künstler dürfen Frauen beleidigen, andere verächtlich machen, aber sie sind nicht allein auf der Welt. Für mich endet die Freiheit, wo sie die Menschenwürde verletzt, Beispiel Böhmermann gegen Erdogan. Obwohl ich Jurist bin und wir in einem Rechtsstaat leben, finde ich aber, wir sollten nicht permanent nach Richtern schreien, die für uns Entscheidungen treffen.

Ist Gangsta-Rap Kunst?

Wenn man ins Detail geht, durchaus. Dennoch würde ich mit Kindern darüber sprechen, gerade wenn junge Mädchen solche Rapper anhimmeln: Das ist Kunst, ja, aber wollt ihr von eurem Freund so angesprochen werden? So kann man das Thema vermittelnd behandeln.

Viele sehen das anders.

Die Kunst ist frei, und das bedeutet auch, dass es keine Geschmackskontrolle gibt. Wir können nicht dem einen erlauben, seine Lieder zu singen, weil wir sie für Hochkunst halten, und dem anderen sagen, seine Musik sei dumm und gehört verboten. Rap arbeitet mit hochkomplexen Reimformen und übersteigert oft Motive, die schon mal in den Medien waren. Etwa das Motiv der Frau, die in Berlin eine Treppe runtergestoßen wurde, oder die Ereignisse auf der Kölner Domplatte. Wenn diese Form der Gegenwarts-Interpretation im Internet ein Millionenpublikum erreicht, dann ist das eine Kunstform, mit der man sich zumindest auseinandersetzen muss. Der eine mag Bach, der andere Farid Bang. Man kann nicht sagen, das ist keine Kunst, weil wir sie nicht als solche empfinden.

Junge Leute monieren da oft Heuchelei.

„Ihr regt euch auf, dass wir die Frauen Bitches nennen? Dann guckt euch doch mal die ganze sexualisierte Werbung an!“ Manche sagen auch: „Die Texte sind natürlich blöd, aber der Rhythmus geht doch ab!“ Mustafa Oglakcioglu und Christian Rückert, zwei Habilitanten von der Universität Erlangen-Nürnberg, die sich beide in Subkulturen bewegen, weisen darauf hin, dass viele Menschen in der Bundesrepublik das Hohelied der Kunstfreiheit im Fall Böhmermann sangen: Erdogan müsse den Sodomievorwurf „Ziegenficker“ als Kunst hinnehmen. Als Bushido aber über „Arschfick“ sang, schrien sie entsetzt nach Indizierung und Verbot.

Wie schätzen Sie denn die Texte von Bushido ein?

Im Fall Bushido haben wir uns auf der Tagung wie ein Richter durchgehangelt: Warum wurde das nicht verurteilt? Da waren im Auditorium unter den rund 80 Teilnehmern Schüler, Polizeibeamte, bis hin zu einem ehemaligen Bundesarbeitsrichter. Alle Teile der Bevölkerung. Für alle war am Ende verständlich: Das muss nicht mein Geschmack sein, aber die Keule des Strafrechts sollte man hier auch nicht schwingen.

Farid Bang singt vom „Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Ist das für Sie in Ordnung?

Wenn man diese Passagen in den Nachrichten hört oder in den Zeitungen liest, ist das natürlich schwerer Tobak. Doch das liegt auch daran, dass wir den Kontext nicht beachten. Im Lied selbst sind diese Zeilen immer noch geschmacklos, das würde ich selbst auch nicht singen, aber sie stehen in einem Kontext, der ihnen einen anderen Sinn verleiht. Gefangene in Auschwitz waren bis auf die Knochen ausgemergelt, „definieren“ im Bodybuilding heißt „Muskeln herausarbeiten und zeigen“. Das klingt doch stark nach Selbstironie und Sarkasmus.

Wie lautet Ihr Fazit?

Jeder sollte sich seine eigene Meinung bilden. Entweder man sagt: Das ist nicht mehr massenkompatibel und wird deshalb wieder Subkultur. Oder: Ja, eigentlich habt ihr Recht, wir fassen uns an die eigene Nase und lassen die Kirche im Dorf. Bislang sind in diesen Songs keine Grenzen überschritten, wo das Strafrecht einschreiten muss.

Dennoch wird das Album„JBG 3“ von Kollegah und Farid Bang nun als jugendgefährdend eingestuft. Ist das sinnvoll?

Ich war bei dem Prüfungsverfahren nicht dabei, habe die Begründung noch nicht vorliegen. Deshalb kann ich die Entscheidung noch nicht juristisch bewerten. Dennoch halte ich eine Indizierung für sinnvoll, denn es geht hier nicht um Strafrecht, das den Künstler bestraft, sondern um den Schutz der Jugend. Auch wenn es weltfremd ist zu glauben, ein jugendlicher Fan komme nicht mehr an indizierte Tracks heran. Eine Indizierung sensibilisiert die Gesellschaft und hilft Eltern und Schule, die indizierten Themen mit ihren Kindern und Jugendlichen kritisch zu diskutieren. Genau dies war auch das Ziel unseres Symposiums.

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Zur Person

Markus Hirte, 1977 in Weimar geboren, studierte Jura, Schwerpunkt Rechtsgeschichte, und promovierte zu mittelalterlichem Kirchenstrafrecht. Nach dem Referendariat am Landgericht Heilbronn absolvierte er das Zweite Staatsexamen. Er betreute sieben Jahre lang in einer Stuttgarter Wirtschaftskanzlei börsennotierte Unternehmen im Aktien- und Kapitalmarktrecht. Seit 2013 leitet er das Rechtskundemuseum in Rothenburg/Tauber. Mit dem Taubertal-Festival veranstaltete er im August das erste kulturhistorische Symposium zu Musik und Recht.

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