Berlin / Antje Berg  Uhr
Lisa Maria Potthoff gehört zu den wenigen Action-Frauen im deutschen TV. Im Interview erklärt sie, warum es sich lohnt, auch mal aggressiv vorzupreschen.

Kennen wir uns nicht?“ will eine Besucherin im Berliner Café Betty’n Caty von der Frau mit den streng zurückgebundenen Haaren wissen. „Wir haben doch zusammen in Mainz studiert.“ Nein, antwortet Lisa Maria Potthoff, „ganz sicher nicht.“ Mit gedämpfter Stimme und einem Lächeln sagt sie: „Sie kennen mich vermutlich aus dem Fernsehen. Ich bin Schauspielerin.“ Dieser Satz wäre ihr am Anfang ihrer Karriere nicht über die Lippen gekommen. Damals sei sie unsicher gewesen, ob sie sich wirklich so nennen dürfe. „Das ist das Schöne am Älterwerden, man ist nicht mehr so leicht irritierbar.“ Inzwischen kommen Krimi- und Thriller-Fans an der 40-Jährigen nicht mehr vorbei. Am Montag ist sie als Kommissarin Sarah Kohr (20.15 Uhr, ZDF) in einer neuen Folge zu sehen.

Frau Potthoff, Sie gehören zu den wenigen Action-Frauen im Fernsehen, schlagen auch mal kräftig zu, sind hart im Nehmen. Stimmt es, dass Sie Wehleidigkeit verachten?

Das hat sicher etwas damit zu tun, wie ich erzogen worden bin. Meine Mutter war und ist eine hervorragende, warmherzige Ärztin und immer für ihre Patienten da. Aber wenn sie früher nach Hause kam, war ihre Empathie für kränkelnde Menschen erschöpft. Wenn ein
Finger blutete, wurde einfach Klopapier drumherum gewickelt, wenn der Arm wehtat, hieß es: Das wird auch wieder besser. Die Reaktion auf Selbstmitleid war gleich null. Irgendwann muss ich das übernommen haben. Besonders nervig finde ich wehleidige Männer. Mein Mann weiß das – und arbeitet daran. (lacht)

Ein starker Mann kennt keinen Schmerz?

Nein, im Gegenteil. Es imponiert mir, wenn ein Mann genügend Selbstbewusstsein hat, auch seine sensible, empfindsame Seite zu zeigen – aber er muss deshalb nicht hinter jedem Husten eine lebensbedrohliche Bronchitis wittern.

Und schwache Männer ...

... sind für mich diese Typen, die es nötig haben, permanent auf dicke Hose zu machen. Da denke ich mir jedes Mal: Das muss ein ganz armes Würstchen sein. ­Allerdings ist es heute sicher schwieriger als früher, sich als Mann zu definieren. All diese Fragen: Wie männlich muss ich sein? Wie viele weiche Eigenschaften kann ich zulassen? Was darf ich überhaupt noch und was nicht?

Potthoff: „Ich wünsche mir einen entkrampften Umgang miteinander“

Sie wünschen sich Männer, die sich nicht verunsichern lassen.

Ja, und ich wünsche mir – trotz der wichtigen #MeToo-Debatte – einen entkrampften Umgang miteinander. Einen Umgang voller Respekt, auf Augenhöhe, klug und besonnen.

Wissen Sie aus Erfahrung, wie sich die
Opferrolle anfühlt?

Ich bin nie so in Bedrängnis geraten, dass ich mich körperlich wehren musste. Es gab aber ein, zwei berufliche Situationen, in denen Männer versucht haben, ihre Macht auszunutzen.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe mich mit meinem früheren Schauspiellehrer über die rechtliche Lage beraten und beschlossen, mich zu wehren, nicht nachzugeben, den Kopf hoch zu halten. Nachdem ich Nein gesagt hatte, war ich sehr stolz auf mich und wusste: Ich kann mich auf mich verlassen.

Wer Krimis schaut, kommt an Ihnen kaum vorbei. Wollten Sie von Anfang an dorthin?

Nein, ich spiele ja auch nicht nur in Krimis mit. Mir ist wichtig, dass ich mich für jede Rolle bewusst entscheide. An ­Sarah Kohr reizt mich, dass sie eine sehr moderne, dynamische Figur ist, eine Heldin, die auf sich allein gestellt ist, üblicherweise eher eine Männerrolle. Jetzt ist da endlich mal eine Frau, die sich auch ab und zu einen Mann ins Bett holt. Die Usedom-Krimis mit Katrin Sass waren ein sensibles, für mich sehr reizvolles Mutter-Tochter-Drama. Und in den skurrilen Eberhofer-Krimis weiß „die Susi“ sehr genau, was sie wie erreichen kann.

Im deutschen Fernsehen gibt es Krimis ohne Ende. Jeden Tag Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch. Was treibt die Programmverantwortlichen an?

Ich weiß, was Sie meinen. Mir ist das als Zuschauerin selbst manchmal zu viel. Aber Tatsache ist: Krimis haben die besten Quoten.

Woher kommt das?

Angeblich lieben es die Deutschen, vom Sofa aus einen Fall zu lösen, so wie sie es lieben, knifflige Rätsel zu knacken. Wenn das so sein sollte, kann ich gut damit leben. Problematisch finde ich es nur, wenn Gewalt um der Gewalt willen dargestellt wird.

Für eine Ihrer Rollen haben Sie die israelische Kampftechnik Krav Maga gelernt. Was hat Ihnen das gebracht?

Im ARD-Film „Carneval“ sollte ich eine Kampfszene selbst spielen, man wollte bewusst auf ein Double verzichten. Krav Maga vereint das Effektivste aus allen Kampftechniken in sich. Es ist nicht sehr ästhetisch, sondern brutal – und genau deshalb sehr wirkungsvoll. Exakt das, was man als Frau braucht, wenn man in Gefahr gerät.

Wie funktioniert es?

Man lernt in kurzer Zeit Techniken, die den Gegner sofort ausschalten. Viele Selbstverteidigungskurse arbeiten damit. Mit Krav Maga können wir jemanden unschädlich machen, der eine Pistole hat, das Messer zückt oder uns von hinten im Würgegriff hält. Wir müssen nur unsere Energie bündeln und die Schwachpunkte der Angreifer kennen – ihre Augen, ihre Genitalien, ihre Knie. Wir können als Frauen aus gefährlichen Situationen herauskommen, auch wenn wir nicht mehr ganz jung und eher unsportlich sind. Was wir lernen müssen: aggressiv nach vorne zu gehen.

Schreien, treten, Wut rauslassen

Was vielen Frauen nicht leichtfällt.

Richtig, aber man kann das ändern. Der Schock beim Angreifer über die weibliche Aggression ist riesig. Das ist unsere Chance. Ich kann es allen Frauen nur empfehlen, die spüren wollen, was in ­ihnen steckt. Schreien, treten und die Wut rauslassen – das tut unglaublich gut und macht auch stark.

Mussten Sie im Training Ihren inneren Schweinehund überwinden?

Ja, das hätte ich nie gedacht. Ich bin fit, komme aber meistens im Training an einen Punkt, wo ich k.o. auf dem Boden liege. Wenn dann einer neben mir steht und mich anschreit: „Steh auf, Du Waschlappen, ich will Dich stehen sehen, was bist Du für eine Memme?“, stehe ich tatsächlich auf (lacht). Das war neu für mich: Mit einem Antreiber kann ich noch mehr aus mir rausholen.

Sie haben zwei Töchter, Ihr Mann ist TV-Journalist, Sie sind eine vielbeschäftigte Schauspielerin. Wie stemmen Sie Ihren Alltag?

Ich habe mir vorgenommen, auf diese Frage nur noch ehrlich zu antworten. Ich will bei diesem Glamour-Getue nicht mehr mitspielen: Wie toll die Nanny ihre Sache macht, wie top die eigene Bikini-Figur trotz der Schwangerschaften ist und wie blendend die Ehe funktioniert. Da muss doch jede Leserin denken: Mist, warum bekomme ich das nicht hin?

Dann also ehrlich.

Es ist doch überall dasselbe Problem. Mein Mann und ich haben immer wieder das Gefühl: Es wird uns alles zu viel. Uns hängt die Zunge aus dem Hals. Wie bekommen wir das alles bloß hin? In Wirklichkeit ist es so: Wenn die Groß­eltern uns nicht helfen würden, bräche oft genug das Chaos aus. Man muss sich einfach von der Idee verabschieden, das perfekte Ehe- und Elternpaar sein zu wollen. Das bringt nur zusätzlichen Stress, und davon hat dann keiner was.

Was ist Ihnen in der Erziehung wichtig?

Ich hoffe, dass wir unseren Töchtern ­alles mitgeben, damit sie selbstbewusste und politisch interessierte junge Frauen werden. Ich stelle immer wieder fest, dass es in Sachen Emanzipation noch einiges zu tun gibt. In vielen Köpfen steckt nach wie vor, wie sich ein Mädchen und ein Junge zu verhalten haben.

Zum Beispiel?

Als meine Tochter neulich von einem Jungen auf dem Pausenhof geschlagen worden ist, habe ich ihr gesagt: Weißt Du was? Wenn Dich ein Junge ins Gesicht schlägt, hast Du von mir jede Rückendeckung zurückzuhauen. Der Lehrer meinte daraufhin, das sei nicht gut. Die Mädchen sollten zu ihm kommen, wenn sie geschlagen werden. Wieso diese Ungleichbehandlung? De facto erzieht man die Mädchen zu Petzen, während sich die Jungen prügeln dürfen. Natürlich ist körperliche Gewalt keine gute Lösung. Aber ich möchte, dass meine Töchter das gleiche Recht haben, sich zu wehren wie jeder Junge. Unser Nein muss genauso zählen wie ein Männer-Nein.

Lisa Maria Potthoff: In Berlin kann jeder sein, wie er will

Sie sind in München aufgewachsen, leben heute in Berlin. Wo ist Ihre Heimat?

Berlin ist mein Zuhause. Was ich hier schätze, ist das völlig entspannte Leben. Hier kann jeder sein, wie er will, die ­Cafés haben immer offen, es ist kein Problem, um Mitternacht eine Tüte Milch im Späti zu kaufen, das Leben fühlt sich sehr locker an.

Und Bayern?

Bleibt meine Heimat. Ich liebe die Berge und die bayerische Bodenständigkeit. Ich mag es, wenn die Maibäume aufgestellt werden, ein Dorffest gefeiert und das Brauchtum gepflegt wird. Apropos gepflegt: Die Menschen im Süden machen sich auch gern mal zurecht, ziehen sich besser an, feiern das Leben. Wenn ich in Berlin an der Bushaltestelle stehe, denke ich manchmal: Mein Gott, warum muss der wieder aussehen, als sei er gerade aus dem Bett gefallen? Ein bisschen was fürs Auge, das könnte dieser Stadt nicht schaden.

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Von der Komödie bis zum Thriller 

Mehr als 70 Rollen in Kino- und Fernseh­filmen hat Lisa Maria Potthoff (40) schon  ­gespielt. Ihre Darstellung in dem Krimi „Tödlicher Rausch“ brachte ihr 2012 die Nominierung für den Bayerischen Fernsehpreis ein. Die Krimi-Komödie „Sauerkrautkoma“, in der sie ebenfalls mitwirkte,  gewann beim Bayerischen Filmpreis 2018 den Publikumspreis. Lisa Maria Potthoff ist auch immer wieder in „Tatort“-Rollen und Thrillern zu sehen. Ihre Ausbildung machte sie bei Schauspiel München. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.