Ich vertraue meinem Mann. Ich weiß, dass er gewinnen und in die Geschichte eingehen wird“, sagt Dilek Arslan. Mit ihrem gewinnenden Lächeln strahlt sie große Zuversicht aus, in der geräumigen Wohnküche sorgen die Zwillinge Melisa und Lina Sükran, gerade drei Jahre alt geworden, mit ihren frechen Zöpfchen für gute Laune.

Die Stimmung ist hervorragend im Hause des Box-Profis Firat Arslan kurz vor dem Weltmeisterschaftskampf  gegen den Südafrikaner Kevin Lerena am 8. Februar in Göppingen. Seine Frau, eine gebürtige Schwäbisch Gmünderin, hält dem Musterprofi den muskelbepackten Rücken frei, mit der in Eigenregie organisierten Veranstaltung in der Stadthalle hat sie alle Hände voll zu tun.

„Dieser Abend ist allein mein Risiko, Gage gibt es keine für mich“, betont Firat Arslan. Ihm geht es vor allem um ein sportliches Ziel. Gewinnt der 49-Jährige den Kampf gegen den Champion des Verbandes IBO, ist er der älteste Weltmeister aller Klassen und aller Zeiten. Diesen Rekord hält bislang der US-Amerikaner Bernard Hopkins mit einem Alter von 49 Jahren und 94 Tagen, Arslan ist am Tag des Kampfes 49 Jahre und 133 Tage alt.

  Beim gemeinsamen Kaffee wirkt der Ring-Routinier, der sich seit Jahren Fragen zum Alter und zum Aufhören gefallen lassen muss, sichtlich entspannt. Nach 58 Profikämpfen, von denen er 47 gewonnen hat – 32 durch K.o. –, kann einen „Löwen“, so die Übersetzung des Namens Arslan, nichts mehr aus der Ruhe bringen.

„Die Gesundheit nicht riskieren“

Der Sportler verlässt sich auf nur wenige Menschen in seinem Umfeld und vor allem auf sich selbst. Akribisch hat er während seiner gesamten Laufbahn über jede Trainingseinheit Buch geführt, seine aktuellen Werte flößen Respekt ein. Den Puls jagt er in voller Belastung immer noch auf mehr als 200 Schläge pro Minute, sein Körper verträgt einen Durchschnittspuls von 190 über einen Zeitraum von 51 Minuten, also gut zwölf Runden im Ring plus Pausen. „Diese Werte sind der Grund, dass ich heute überhaupt noch boxe, ich will ja meine Gesundheit nicht riskieren“, erklärt der dreifache Papa – neben den Zwillingen gibt es seit vergangenem Herbst den Sohn Bilal. Drei türkische Hirtenhunde  verteidigen mit tiefem Bellen Arslans Anwesen in der Nähe von Göppingen.

Für das anstehende Duell mit dem  27-jährigen Lerena nimmt Firat Arslan große Anstrengungen in Kauf: Aufenthalte in der Höhenkammer, Übungseinheiten im eigenen Box-Gym in Donzdorf, Sparrings-Trainingslager in Liechtenstein im Fitnesscenter seines Managers Pit Gleim und Lektionen bei Trainer Sedat Kececi in dessen Augsburger Box-Schule. „Ich schöpfe für diesen Fight alles aus, was ich kann“, so der Athlet mit deutschem Pass, der sich „als Deutschtürke fühlt“, beiden Nationen „wie Vater und Mutter gleichermaßen“ verbunden ist und dies mit dem Abspielen beider Nationalhymnen vor seinen Kämpfen beweist. „Ich habe beiden Ländern viel zu verdanken und bin in der Türkei sehr beliebt, weil ich der einzige türkische Weltmeister in einem großen Verband war“, sagt der Cruisergewichtler (bis 90,7 Kilogramm).

Es ist der 24. November 2007, als Firat Arslan in Dresden Virgil Hill bezwingt und für zehn Monate zum Champion der World Boxing Association (WBA) aufsteigt. Seit Mitte 2018 ist Arslan Weltmeister des kleinen Verbandes GBU – allerdings legt der Donzdorfer selbst wenig Wert auf diesen Titel, den er zuletzt gegen unbekannte Kontrahenten mehrmals verteidigt hat.

In die Wiege gelegt bekam der gläubige Muslim seine Karriere nicht, erst mit 18 Jahren führte sein Weg in den Boxring. „Ich werde Weltmeister“, verspricht er damals einem Schulfreund, orientiert sich am älteren Bruder Meric, „meinem Vorbild“, und stapft mit einem Kumpel ins Training beim Göppinger Coach Lothar Schumann – im Hinterkopf „Rocky“, das Kino-Meisterwerk. „Natürlich hat mich dieser Kerl, der aus dem Nichts emporkam und ganz oben landete, damals beeindruckt“, erinnert sich Firat Arslan. Als Ausländerjunge war er gehänselt worden, er lernte, sich mit den Fäusten zu wehren. Einen anderen Namen, wie manche Boxer mit Migrationshintergrund, hat er sich nie zugelegt. Seit mittlerweile 15 Jahren wird der Mann mit dem großen Kämpferherzen in den Weltranglisten der diversen Box-Verbände weit oben geführt.

Arslan, geboren in Friedberg nahe Augsburg, kam als kleines Kind und jüngstes von sechs Geschwistern mit der Familie nach Süßen im Kreis Göppingen. Auch die schweren Momente in seinem Leben hat er nicht vergessen. Der Vater verschwand, als Firat sechs Jahre alt war, die Mutter hielt mit rund 1000 Mark im Monat den Laden zusammen. „Das waren harte Zeiten, jeder hat mitgeholfen, ich habe Zeitungen ausgetragen, da war ich noch keine 14“, erzählt der ehemalige Realschüler. Er absolviert eine Lehre als Konstruktionsmechaniker und leistet 1992 seinen Militärdienst in der Türkei, ehe er zwei Jahre später den deutschen Pass bekommt.

Während sein Umfeld dem Boxen teilweise schnell wieder abschwört, zerknüllt der damalige Raucher Arslan eines Tages eine halbvolle Schachtel Zigaretten und entscheidet sich endgültig für die Karriere im Ring. Der Amateurlaufbahn mit 92  Kämpfen, von denen er nur neun verliert, folgt die Profi-Lizenz. Die Freundschaft zum Schwergewichtler Luan Krasniqi prägt ihn, Arslans enorme Willenskraft ersetzt immer wieder den Trainer oder Manager. In den Anfangsjahren boxt  er als Sparringspartner und Aufbaugegner teilweise in England  und arbeitet als Disco-Türsteher, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Erfahrungen im Ring sind mitunter schmerzhaft, 2003 erleidet er im Kampf gegen den unbesiegten Russen Vadim Tokarev einen Kieferbruch. Das Duell endet unentschieden. Arslans Bewunderer Ted Lackner stößt zum kleinen Team, bis heute ist der 72-Jährige väterlicher Freund, Begleiter und Betreuer des Athleten,  die Schach-Duelle der beiden sind legendär. „Die Jungs in meinem Team spielen immer noch, aber ich bin zurückgetreten und agiere nur noch als sehr guter Beobachter“, verrät Firat Arslan, der Verehrer des königlichen Spiels, mit einem Schmunzeln.

Im Ring ebnet zwei Jahre später  ein K.o.-Sieg gegen Alexander Petkovic den Weg zu den ganz großen Kämpfen. Der Hamburger Universum-Boxstall nimmt Arslan unter Vertrag, das ZDF als TV-Partner garantiert ein Millionenpublikum.

Firat Arslan, der lange in der Lagerhalle  eines Kleintierzüchtervereins trainiert hat, ist physisch überragend und gleicht damit technische Schwächen aus. Als er 2007 Virgil Hill entthront, löst der Mann mit der vorbildlichen Einstellung nach 19 Jahren sein Versprechen ein und ist Weltmeister. Fünf Monate später folgt  in Stuttgart ein Punktsieg über Darnell Wilson (USA), im September 2008 in Hamburg eine K.o.-Niederlage gegen Guillermo Jones (Panama).

Ein schwerer Verkehrsunfall im österreichischen Kössen scheint das Karriere-Ende des leidenschaftlichen Athleten zu bedeuten: Beim Training auf dem Rad weicht Arslan einem Traktor aus, stürzt bei hohem Tempo und spürt anschließend seine Beine nicht mehr. Per Hubschrauber wird der Schwerverletzte ins Krankenhaus geflogen, es dauert Monate, bis er einen Halsmuskelriss und viele weitere Verletzungen auskuriert hat.

Auch das Comeback im Ring steht unter einem schlechten Stern. An einem brütend heißen Juli-Tag im Jahre 2010 dehydriert der 37-Jährige in der aufgeheizten Stuttgarter Porsche-Arena, der Kampf gegen Steve Herelius (Frankreich)  muss nach elf Runden abgebrochen werden. Arslan erleidet einen Kreislaufkollaps in der Ringecke, die Ärzte kämpfen auf dem Weg ins Krankenhaus um sein Leben. Nach acht Litern Infusionen ist das Stehaufmännchen am nächsten Tag wieder zuhause. Und entwickelt einen Trink-Plan für seine späteren Kämpfe.

Es folgen teils umstrittene Niederlagen in WM-Kämpfen gegen Marco Huck und 2014 gegen den Kubaner Yoan Pablo Hernandez. Firat Arslan trainiert inzwischen unter dem Star-Trainer Fritz Sdunek, im Dezember 2014 erliegt der 67-Jährige einem Herzinfarkt. Ein weiterer Schicksalsschlag für Firat Arslan, der kurz zuvor auch den Verlust des ältesten Bruders und der Mutter zu verkraften hatte.

Erst Monate nach dem Tod seines Coaches kehrt der Bewunderer der Box-Legende Muhammad Ali auf die Bühne zwischen den Seilen zurück, er absolviert unter anderem drei Kämpfe in seinem „Wohnzimmer“, der Göppinger  Arena. Sechs Mal unbesiegt lautet seine Bilanz mittlerweile in der Halle, in der ansonsten der Handball-Bundesligist Frisch Auf seine Heimspiele austrägt.

Gegen Kevin Lerena wartet die größte Aufgabe vor heimischer Kulisse auf Arslan.  Den Südafrikaner hat er zum „klaren Favoriten“ gestempelt und für den Fall einer Niederlage  sein Karriereende angekündigt. Seine berufliche Zukunft sieht er als Gastronom und Betreiber einer Sportschule.

Arslans Freund Dieter Wittmann erinnert indes an eine besondere Fähigkeit des Boxers: „Als Außenseiter hat Firat seine besten Kämpfe gemacht.“ Und Arslan selbst? „Ich glaube an mich“, sagt der 49-Jährige. Und schlüpft wieder in die Boxhandschuhe. Es gilt, keine Zeit zu verlieren auf dem Weg zum großen ­Triumph. Das Training ruft.