Früher sind Sie auf Tour oft selbst mit einem Mietwagen gefahren, auch weil Sie die deutschen Autobahnen ohne Tempolimit so lieben. Werden Sie McFerrin kutschieren?

CHICK COREA: Gelegentlich werden wir zwar einen Fahrer haben, doch die meiste Zeit fahre ich tatsächlich selbst oder einer meiner Musiker. Und zwar mit einem Mercedes - daheim habe ich drei Mercedes-Limousinen, darunter einen 600er von 1997 mit einem Zwölfzylindermotor! Der läuft nach wie vor sehr gut und hat bislang erst 65.000 Meilen auf dem Buckel, da ich ihn wenig fahre und sehr sorgsam pflege.

Wo ist die Quelle für Ihre Musik?

COREA: Es gibt einen einzigen Ursprungsort für meine Musik - und der liegt in mir selbst. Natürlich nehme ich meine Umwelt intensiv wahr, sammle Erfahrungen und liebe es auch, andere Künstler zu beobachten und anderen Musikern zuzuhören. All das inspiriert mich - übrigens ebenso wie das Zeichnen und Malen, das ich mir selbst beigebracht habe. Doch sobald ich Musik mache, kommt die nur aus mir selbst.

Worin liegt für Sie das Glück dabei?

COREA: Ich liebe es zu kreieren, zu improvisieren und zu musizieren - und dafür werde ich auch noch bezahlt: Manchmal kann ich es selbst nicht fassen (lacht). Insofern besteht mein großes Glück darin, das machen zu können, was ich liebe, und zwar ohne jede Altersgrenze. Klavierspielen hat mir Spaß gemacht, als ich jung war und auch jetzt im fortgeschrittenen Alter muss ich es nicht aufgeben.

Sie feiern 2016 Ihren 75. Geburtstag - kein Gedanke an Ruhestand?

COREA: Ich habe mir niemals von meinem Alter mein Leben diktieren lassen. Natürlich versuche ich, meinen Körper fit zu halten. Ich schlafe ausreichend, esse gut und treibe Sport - je älter der Körper, desto mehr musst du dich um ihn kümmern. Aber hinsichtlich der Musik wächst mein Interesse noch: Je länger ich spiele, desto neugieriger werde ich, zumal die heutige junge Generation wieder ganz neue Ideen mitbringt und damit auch neue Herausforderungen für mich.

Bobby McFerrin betritt den Raum, die beiden Künstler umarmen sich herzlich.

Mögen Sie denn eigentlich noch Interviews geben?

BOBBY MCFERRIN: Nein.

Sie sind also nach wie vor der Meinung, dass die Menschen in Europa und den USA zu viel reden.

MCFERRIN: Wohin man auch hört, es wird viel zu viel geredet. Offenbar fühlen sich die meisten Menschen geradezu gezwungen, ständig zu reden - ich denke nicht, dass ich überhaupt etwas sagen müsste.

COREA: Ich habe noch eines zu sagen: Viel Spaß euch beiden! (Chick Corea verlässt den Raum).

Welche Fragen würden Sie denn gern gestellt bekommen?

MCFERRIN: Eine interessante Frage . . . Denken Sie über einen baldigen Rückzug aus dem Musikgeschäft nach? Das wäre eine interessante Frage. Wahrscheinlich werde ich mich niemals völlig zur Ruhe setzen, aber ich würde gern auf die Touren verzichten. Zudem interessieren mich die Auswirkungen von Worten und Sprache sehr: Wie beeinflusst die Macht der Gedanken unseren Geist, Körper und Seele? Welchen Einfluss hat Musik auf unsere Seele und unseren Geist? Und warum ist es so wichtig, Dinge positiv zu formulieren anstatt in negativer und verletzender Form?

Sind das Gedanken, die Sie gern dem Publikum vermitteln würden?

MCFERRIN: Ein Konzertbesucher hat mich jüngst gefragt, was mein Ziel im Leben sei und ich habe ihm keine Antwort geben können. Auf jeden Fall geht es mir um mehr, als die Menschen auf der Bühne zu unterhalten, denn wir Musiker haben durch Rhythmus, Melodie und Text einen ungeheuren Einfluss auf Menschen. Von daher sollte auch unser Ziel ein übergeordnetes sein, denn als Musiker hat man eine spirituelle Berufung.

Trauen Sie der Musik da nicht ein wenig viel zu?

MCFERRIN: Musik ist einfach unglaublich mächtig und kann unser Leben verändern. 1971 habe ich in Los Angeles Miles Davis und seine Band erstmals live erlebt und als ich den Club verließ, war es um mich geschehen: Mein ganzer Körper vibrierte und ich konnte spüren, dass etwas mit mir passiert war. Von dem Tag an habe ich anders gehört, habe mich als Komponist der Musik anders genähert und bin auch selbst anders aufgetreten - und ich wusste auf einmal, was Improvisation wirklich bedeutet.

Wie funktioniert das, wenn zwei Stars auf einer Bühne stehen?

MCFERRIN: Oh, das ist ganz einfach (lacht). Vor allem denkt keiner von uns, dass da zwei Stars auf der Bühne stehen - wir sind einfach zwei Typen, die zusammen musizieren wollen. Nicht mehr und nicht weniger.

Internationale Künstler in Stuttgart

Sänger und Pianist

Der begnadete Vokalist Bobby McFerrin (geboren 1950) will zu einer Sache nicht befragt werden - seinem Hit "Don't Worry, Be Happy", mit dem er Ende der 1980er die Charts stürmte. Er ist in unterschiedlichen Genres zuhause, als Dirigent hatte er etwa Gastauftritte mit den Wiener Philharmonikern.

Chick Corea (geboren 1941) gehört mit Musikern wie Herbie Hancock oder Keith Jarrett zu den wichtigsten internationalen

Jazzern. Corea und McFerrin treten seit rund 25 Jahren immer wieder miteinander auf. Auf ihrer Deutschland-Tournee kommen sie heute, Freitag, in die Stuttgarter Liederhalle. Beginn ist um 20 Uhr.