Stuttgart / Jürgen Kanold

In Donaueschingen war es gewesen, bei den Musiktagen 1987: Für Wolfgang Rihms expressionistische „Klangbeschreibung“ hatte sich das Sinfonieorchester des damaligen Südwestfunks zur Uraufführung in der Viehversteigerungshalle verteilt, und in der Mitte thronte Michael  Gielen. Dann aber erklangen nicht nur neue Töne, sondern auch altvertraute aus dem Publikum: ein Husten, ein Rascheln, Zischeln.  Gielen winkte ab, fragte die Zuhörer, ob er denn weiterdirigieren solle. Wenn ja, dann bitte Ruhe! Also noch einmal von vorne. Jeder saß jetzt geduckt und fast angstvoll still. Höchste Konzentration. Ein seltenes Erlebnis.

Das mit der Kunst war eine ernste Sache für den 1927 in Dresden geborenen  Gielen: „Wenn ich entspannen will, gehe ich unter die Dusche, nicht ins Konzert!“ Aber er sagte auch: „Die Zeit des tyrannischen Dirigenten, des Ego-Trips, ist vorbei.“ Gielen, der jetzt im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Mondsee (Salzkammergut) gestorben ist, war ein kompromissloser Diener am Werk, auch ein denkender Musiker, der sich radikal für die Sache einsetzte. Vor allem für die Avantgarde: als Direktor und Generalmusikdirektor der Frankfurter Oper von 1977 bis 1987 (der legendären „Ära  Gielen“), als Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg von 1986 an bis 1999. Dieser selbst komponierende Dirigent schrieb Musikgeschichte nicht zuletzt 1965 mit der Kölner Uraufführung von Bernd-Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“.

„Historische“ Musik verstand  Gielen nicht anders: Beethoven dürfe keine Ausflucht sein, sagte er einmal. Beethoven zu dirigieren ohne Verständnis der neuen Musik und der Konflikte und Probleme unserer Zeit, das sei nur „eine Art Konsumvollzug“ – zu erleben war das auch in der Stuttgarter Staatsoper, als Intendant Klaus Ziehelein 1998 alte Frankfurter Zeiten beschwor und Gielen den „Fidelio“ dirigierte: als Endspiel.

Ein Superstar des Klassikmarkts konnte so einer nicht werden, trotzdem hatte sich der Sohn einer jüdischen Mutter und eines berühmten antinazistischen Theatermachers (Josef  Gielen) schnell hochgearbeitet in respektable Positionen. „Gelernt“ hat er das Dirigieren nie, aber im Exil in Buenos Aires assistierte er schon mit 19 Jahren am Teatro Colón den berühmten Fritz Busch, Erich Kleiber und Arturo Toscanini als Korrepetitor. Chefdirigent war der mit dem Siemens-Musikpreis ausgezeichnete Gielen später dann auch in Stockholm, Brüssel und Cincinnati.

Gustav Mahlers Sinfonien liebte Michael Gielen besonders, ihn hielt er für den „überzeitlichen“ Komponisten: dessen Musik reflektiere den Zustand der Welt und sei auch ein „Hinweis auf Utopie, auf Erfüllung der Sehnsucht“. Man kann das, im Gedenken an einen großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, auf vielen Aufnahmen nachhören.