Zärtlich zerdehnte er jeden Laut, kostete Klänge aus, dann polterte und grollte er los, bearbeitete Sätze mit Sprachialgewalt. Wenn Harry Rowohl las, oft fünf Stunden lang, zelebrierte er Literatur, ließ Worte Wellen schlagen, die Texte aber auch zwischen zwei Zigarettenzügen atmen. Und immer wieder griff er zum Whiskey- oder Weinglas. "Schausaufen mit Betonung", nannte er das, in abstinenten späteren Jahren, als er an der Nervenerkrankung Polyneuropathie litt, nurmehr "Betonung ohne Schausaufen". Das Leiden schränkte ihn sehr ein, aber er frotzelte: "Ich brauch mich als passionierter Stubenhocker nicht groß umschulen zu lassen", und die geliebten Auftritte in der "Lindenstraße" ließen sich ja auch im Sitzen bewerkstelligen.

"Inzwischen häufen sich die Ehrungen, aber der Anfang war hart, verdammt hart." Das schrieb er vor zehn Jahren im Vorwort zu "Pooh's Corner", seinen gesammelten Kolumnen, "Meinungen und Deinungen". Tatsächlich wurde er da längst für seine Übersetzungen (aus dem Englischen und aus Leidenschaft) gefeiert. Und vor allem fragten "nur noch die hinterletzten Dumpfbeutel, ob ich was mit dem Rohwollt-Verlach zu tun habe".

Doch davor? "Oha. Gar nicht dran denken." Vorher habe er "stumpf ein Buch nach dem anderen übersetzt, teils mit mehr - Flann O'Brien -, teils mit weniger - wie hieß er noch? - Vergnügen." Aber dank Erfolgs-Übersetzungen wie "Die Asche meiner Mutter" ("endlich mal ein Bestseller, der keine rotglühende Kosakenscheiße ist"), knurrig, knarzend eingelesenen Hörbüchern und seinen eigensinnigen Kolumnen in der "Zeit" war er selbst zur Marke geworden.

170 Übersetzungen sind zusammengekommen, von Joyce, Hemingway, Vonnegut, Sedaris und vielen anderen. Aber Übersetzungen? Nach- oder Neudichtung trifft es eher. Rowohlt, dieser Wort-Schatz, lebte und liebte Sprache, besonders das irische Idiom, er versank tief in der Vorlage, um dann prustend, mit einem Mund voller eigener Einfälle aufzutauchen. Heute steht sein Name auf vielen Büchern genau so groß wie der des Verfassers - ein Gütesiegel. Der Übersetzer Rowohlt schuf Originale.

Zur Welt gekommen war er in den letzten Kriegstagen 1945: als echter Hamburger, nicht als echter Rowohlt. Seine Mutter, die Schauspielerin Maria Pierenkämper, war mit dem Maler Max Rupp verheiratet, sein leiblicher Vater aber war der Verleger Ernst Rowohlt; Rupp war "zur fraglichen Zeit" schon in Kriegsgefangenschaft.

Die Zuneigung zum Buch erwachte früh. "Pu der Bär" machte den Anfang. Alsbald habe er sich entschlossen, selbst lesen zu lernen, um das Buch "unbehelligt von der mütterlichen Betonung" zu lesen. Nach dem Abitur machte er eine Lehre als Verlagsbuchhändler, arbeitete als Werbetexter, von 1971 an war er hauptberuflich Übersetzer. Er erbte 49 Prozent des Buchimperiums von seinem Vater, doch verkauften er und sein Bruder das Unternehmen an Holtzbrinck. Wer ihn mit Fragen zum Rowohlt-Verlag behelligte, bekam zu lesen: "Ich habe drei Rundschreiben. Rundschreiben 1 lautet: Ich bin ja schon froh, dass ich nicht Kiepenheuer und Witsch heiße. Wenn Sie was vom Rowohlt-Verlag wollen, wenden Sie sich an den Rowohlt-Verlag und nicht an mich. Weitersagen!"

In der "Zeit" erschrieb er sich mit "Pooh's Corner - Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand" eine Fangemeinde. Hinter der Rolle des treuherzigen Beobachters und Fragestellers verbarg sich ein blitzgescheiter, gebildeter, messerscharfer Geist: witzig, radikal kritisch. Rowohlt hasste gutbürgerliche Borniertheit, Blasiertheit und Blödheit.

"Wenn man als junger Mensch so aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen selbst treu geblieben ist, sieht man als alter Sack aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer", brummte er, voller Überzeugung Mähne, Zottelbart und Nickelbrille tragend. So kannten auch Millionen Fernsehzuschauer das Unikat: als Harry in der "Lindenstraße".

Vor gut 20 Jahren war er von der Zeitschrift "Essen & Trinken" gefragt worden, in welchem Lieblingsrestaurant er sich interviewen lassen wollte. Er nannte das "Akropolis" aus der "Lindenstraße". Die TV-Produktionsgesellschaft machte den Jux mit, und so kam es gar zu der Rolle, die er von 1995 bis 2013 mit Begeisterung spielte.

Nun ist Harry Rowohlt am Montagabend nach langer, schwerer Krankheit mit 70 Jahren in Hamburg gestorben. Seine Maxime lautete: "Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben." Dem ist er selbst stets treu geblieben.

Bücher, Bücher, Bücher

Literatur Harry Rowohlts Kolumnen aus der "Zeit" sind in Sammelbänden mit dem Titel "Pooh's Corner" versammelt. Lesenswert sind auch seine "nicht weggeschmissenen" Briefe, die in Buchform erschienen sind: "Der Kampf geht weiter" und "Gottes Segen und Rot Front". Aus dem Englischen übersetzt hat er gut 170 Bücher. Darunter sind Klassiker wie, natürlich, A. A. Milnes "Pu der Bär" und Bestseller, etwa von David Sedaris ("Nackt"), Ian McEwan ("Erste Liebe, letzte Riten") und Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter". Rowohlt hat Bücher von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, James Joyce, Tom Wolfe, Kurt Vonnegut, Robert Crumb und Flann O'Brien in Deutsche übertragen, aber auch Ken Bruens Jack-Taylor-Krimis sowie viele Kinder- und Jugendbücher, etwa von Philip Ardagh und Andy Stanton.