„Weiße Stadt“ Zum 100. Bauhaus-Jubiläum wird in Israel renoviert

Ein renovierungsbedürftiges Wohnhaus im internationalen Bauhaus-Stil in der so genannten „Weißen Stadt“. Foto: Bernhard Küchler
Ein renovierungsbedürftiges Wohnhaus im internationalen Bauhaus-Stil in der so genannten „Weißen Stadt“. Foto: Bernhard Küchler © Foto: Bernhard Küchler
Tel Aviv / Von Bernhard Küchler, dpa 09.08.2018

Die Sonne sticht im Nacken, dazu drückt die Luftfeuchtigkeit mit tropischer Schwüle auf den Kreislauf. Sharon Golan Yaron sucht nach dem passenden Schlüssel und drückt gegen die schwere Tür. Sie klemmt.

Das alte Holz hat sich im Mittelmeerklima verzogen. „Das bringen wir auch noch in Ordnung“, sagt sie lachend und stemmt die Tür auf. Die in Deutschland geborene Architektin ist Programmdirektorin des Zentrums Weiße Stadt, das sich dem Erhalt der Gebäude im Bauhausstil von Tel Aviv verschrieben hat - eine Mammutaufgabe.

Sie führt hinein ins Max-Liebling-Haus. Es ist eines von etwa 4000 ursprünglich eher sandfarbenen Gebäuden im internationalen Stil, die als „Weiße Stadt“ das Zentrum von Tel Aviv prägen. Und es ist eine Baustelle. Seit dem vergangenen Jahr wird das Max-Liebling-Haus renoviert. Hier soll im kommenden Jahr das deutsch-israelische Zentrum Weiße Stadt dauerhaft unterkommen.

2003 wurden große Flächen Tel Avivs von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Status, der auch zum Erhalt verpflichtet. Laut Golan Yaron gibt es bei etwa drei Viertel der Gebäude dringenden Renovierungsbedarf. Das schwül-heiße Klima mit der salzigen Meeresluft hat einigen Gebäuden über die Jahre zugesetzt. Die Fassaden bröckeln, dazu lag früheren Umbaumaßnahmen nicht unbedingt ein architektonisches Credo zugrunde. Es waren eher die individuellen Bedürfnisse der Bewohner, die für Klimaanlagen vor den Fenstern und verrammelte Balkone gesorgt haben. Gerade das macht, so Golan Yaron, aber auch den Charme aus: „Hier gibt es keine einzelnen Ikonen, wie man es aus Europa kennt. In diesen Gebäuden leben Menschen, das sind keine Museen.“

Von außen erstrahlt das Max-Liebling-Haus bereits in gleißendem Weiß. Pünktlich zum 100. Geburtstag des Bauhauses im Jahr 2019 soll es Besucher über das Vermächtnis dieses architektonischen Stils informieren, den Walter Gropius in Weimar entwickelt hat: „Israel ist noch ein sehr junges Land, wir sind gerade dabei, unsere eigene Geschichte zu entdecken“, sagt Golan Yaron. „Und dadurch, dass wir uns für den Erhalt dieser Gebäude einsetzten, richtet sich unsere Arbeit auch in die Zukunft.“

„Israel und Deutschland besitzen eine gemeinsame historische und baukulturelle Vergangenheit“, heißt es aus dem Bundesbauministerium, welches das Projekt mit 3 Millionen Euro über den Zeitraum von 2015 bis 2025 bezuschusst. Während der Nazi-Diktatur in den 1930er Jahren flohen viele europäische Juden in das damalige Palästina. Unter ihnen waren auch einige Architekten, die basierend auf der Idee und dem Know-how des Bauhauses neuen Wohnraum schufen. „Mit der Machtergreifung der Nazis wurde der Entwicklung des Bauhauses in Deutschland ein Riegel vorgeschoben“, analysiert Ronny Schüler von der Bauhaus-Universität Weimar die Historie. „Und das Bemerkenswerte ist: In Tel Aviv setzten sich dann aber die Ideen der Moderne fort.“ Die emigrierten Architekten entwickelten ihr erlerntes Wissen weiter, probierten Neues aus und erbauten vor allem in Tel Aviv ein weltweit einmaliges Ensemble von Gebäuden in internationalem Stil.

Neben immateriellen Einflüssen wurden auch ganz handfeste deutsche Produkte in den Häusern verbaut. Das ist etwas, das bei der Sanierung des Max-Liebling-Hauses vor noch gar nicht allzu langer Zeit aufgefallen ist. Bei den Renovierungsarbeiten platzte im Treppenhaus eine Kachel von der Wand. Unter dem spröden Putz war der Name des Fabrikanten zu lesen: Villeroy und Boch - Made in Germany. Deutsche Fliesen und andere Produkte fanden deshalb den Weg auf die Baustellen von Tel Aviv, weil die geflüchteten jüdischen Einwanderer kein Geld aus Deutschland mitnehmen konnten. Eine Vereinbarung mit den Nazis - das Ha'avara-Abkommen - ließ jedoch zu, dass die Vermögen unter hohen Verlusten in Form von Sachwerten ausgeführt wurden.

An den Erhalt des gemeinsamen Kulturerbes knüpft auch der Austausch von Handwerkern zwischen Deutschland und Israel an. Für die denkmalgerechte Sanierung holt man sich beim Zentrum Weiße Stadt gerne die Expertise aus Deutschland. Zur originalgetreuen Restaurierung der Küche im Max-Liebling-Haus arbeiteten Tischler-Auszubildende aus Berlin mit israelischen Designstudenten zusammen. „Es war beeindruckend zu sehen, wie das Zusammenspiel von Handwerk und Design funktioniert“, erklärt Ulrich Wiegand, Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin und Kooperationspartner von deutscher Seite. Die jungen Leute könnte davon beruflich und kulturell profitieren. Man plane auch in Zukunft eine Zusammenarbeit.

Das nahende Jubiläumsjahr sorgt für Bewegung. „Man spürt deutlich, wie die Bemühungen zur Renovierung der Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv zugenommen haben“, meint auch Golan Yaron. Alte Fassaden, die wieder herausgeputzt werden - auch mit Hilfe von deutscher Expertise.

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Ronny Schüler

Bauhaus-Jubiläum

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