So weit man seiner Heimat auch entfliehen, wo immer man sich vor der Vergangenheit verbergen mag – Erinnerungen lassen sich so wenig abschütteln wie all die kleinen, vom Leben geschlagenen Wunden; sie haben sich in den Körper eingeschrieben, eingeritzt noch in die entlegensten Winkel der Seele, manchmal sind die Schürfungen und Schnitte noch nicht einmal vernarbt. Sonja hat sich an den Rand der Welt zurückgezogen. Zumindest macht dieser Ort an der Küste von Wales den Anschein, als begänne dahinter schon die Unendlichkeit, ginge das Meer ins Nichts über. „Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedes Mal denkt sie, ich könnte springen. Denkt es, seit sie hier ist. Das Meer würde sie sofort verschlingen.“

Es scheint fast so, als hätte nicht Sonja Bräuning sich dieses gottverlassene Nest, wo sie nun ein bescheidenes Strandhotel führt, ausgewählt; sondern als hätte die abgelegene Gegend nach ihr gegriffen, vielleicht um sie zu retten oder zu sich zu bringen, ihr Zeit zu geben und eine Stätte der Besinnung. Noch vor Kurzem hatte sie zusammen mit ihrem Mann Bruno ein exquisites Sterne-Restaurant am Bodensee geführt; man galt etwas, weit über die Region hinaus. Der zurückhaltende, schweigsame Bruno hatte die Dorfkneipe der Eltern zu einer ersten Adresse für Feinschmecker gemacht, und als er ganz oben im Köche-Olymp angekommen war, begann der ungleich schwerere Kampf, an der Spitze zu bleiben.

Dann die große Kränkung, als dem Lindenhof der Michelin-Stern aberkannt wird. Der Verlust schmerzt so sehr, dass Bruno das Restaurant am liebsten augenblicklich in die ursprüngliche Kneipe zurückverwandeln würde. Stattdessen ein Abschied auf Raten: Bruno kümmert sich nicht mehr um sich, kommt Sonja mit seinen „fransigen Haaren wie ein seltsamer Heiliger vor, der in wenigen Monaten um Jahre gealtert war“. Man findet ihn kaum noch in der Küche, stattdessen im gut bestückten Weinkeller, die edlen Vorräte selbst systematisch aufbrauchend.

Schließlich macht er sich ganz aus dem Staub, schleicht sich aus dem Leben, begeht Selbstmord, was niemand wissen soll und doch jeder ahnt. Er lässt Sonja zurück mit einem Hotelrestaurant, das die besten Zeiten lange hinter sich hat; mit einem Berg von Schulden und einem Gebirgsmassiv von Fragen – was das denn für ein gemeinsames Leben war und wie es nun alleine weitergehen soll, das sind die beiden dringlichsten. Sonja wird vom rabiaten Bruder ihres Mannes ausgebootet, um ihr Lebenswerk gebracht, vor die Tür gesetzt.

Karl-Heinz Otts neuer Roman „Und jeden Morgen das Meer“ ist eine wunderbare, behutsame, fast zärtliche Annäherung an ein Leben, das sich im Moment der Krise zu einer melancholischen Erzählung zu runden scheint. Das Meer spült in sanften und mächtigen Wellen Bilder der Vergangenheit ans Ufer, an dem Sonja Tag für Tag geduldig ausharrt, noch einmal eine neue Existenz aufbauend, eine neue Existenzweise ausprobierend. Das Meer ist unendlich geduldig. Es ist, so ließe sich fast behaupten, ein Gesprächspartner, der für die Verlorene trotz seiner Rauheit eine besänftigende Kraft besitzt. „Geht man durch einen Ort mit alten Häusern und Gebäuden oder durch Museen, weht einen die Wucht der Vergangenheit an. Das Meer dagegen wirkt nie alt und ist Millionen mal älter.“

Ott hat die wunderbare Fähigkeit, aus der Stille heraus zu erzählen, aus kleinen Episoden etwas Bezeichnendes und Gewichtiges herauszuschälen. Sonjas Blick ist offen für neue Eindrücke und die kuriosen Küstenbewohner mit ihren Schrullen. „Dass keiner weiß, was aus ihr geworden ist, lässt sie beinahe jauchzen.“ Die erzwungene Flucht entwickelt sich zu einer Rückkehr zum fast schon verschollenen Ich. Karl-Heinz Ott hat einen feinfühligen Roman geschrieben, dessen Heldin einem von Seite zu Seite näher rückt. Ihr bleibe viel Zeit zum Denken, heißt es einmal über Sonja, und Ott lässt dem Leser gleichfalls viel Raum für eigene Gedanken.