Pop Yes, die Band, die zweimal existiert

Jon Anderson ist die Stimme von Yes. Aufgrund der Bandgeschichte ist er nun mit Yes feat ARW unterwegs – das R steht für Trevor Rabin, das W für Rick Wakeman.
Jon Anderson ist die Stimme von Yes. Aufgrund der Bandgeschichte ist er nun mit Yes feat ARW unterwegs – das R steht für Trevor Rabin, das W für Rick Wakeman. © Foto: John Thys/afp
Mannheim / Christoph A. Schmidberger 07.06.2018

Dienstagabend in St. Charles, Illinois: Yes startet den Amerika-Teil ihrer „#Yes50“-Tour. Fast zur gleichen Zeit feiern rund 1000 Besucher beim Zeltfestival Rhein-­Neckar in Mannheim ebenfalls 50 Jahre Yes – mit Yes!

Was verwirrend klingt, liegt in der wechselvollen Geschichte dieser Band begründet, die 1968 in London ihren Anfang nahm. Damals veröffentlichten Yes zwei mäßig erfolgreiche Platten, die mehr Flower Power als Prog waren. Einzig der knurrende Bass Chris Squires und Jon Andersons erhabener Altgesang sollten als Markenzeichen Bestand haben. Erst zu Beginn der 1970er fand man mit den Neuzugängen Steve Howe und Rick Wakeman zu einem eigenständigen Stil – der Yes-Sound war geboren.

Howes eklektizistisches Spiel an der Gitarre und Wakemans neoklassizistische Tastenorgien am Keyboard waren wichtige Bestandteile auf Alben wie „Fragile“ oder „Close To The Edge“, auf denen fern von Radiostandards, aber mit kommerziellem Erfolg neue Ausdrucksformen ausprobiert wurden. Ausgerechnet das abgefahrene, kaum noch eingängige Doppelalbum „Tales From Topographic Oceans“ erreichte 1973 gar den ersten Platz der britischen Albumcharts.

Danach war die Luft raus, die Band legte eine Pause ein, die für Soloaktivitäten genutzt wurde. Zwar gelang 1977 ein Comeback der klassischen Besetzung mit Wakeman, aber Yes wechselten weiter die Musiker wie andere Leute ihre Hemden.

1980 gingen Wakeman und Anderson, Keyboarder Geoff Downes und Sänger Trevor Horn (The Buggles) kamen, konnten aber die Auflösung der Band nicht verhindern. Downes gründete mit Howe Asia, Squire und Schlagzeuger Alan White taten sich mit dem südafrikanischen Gitarristen Trevor Rabin zusammen. Als deren gemeinsame Formation Cinema ein Album aufnahm, stieß just Anderson dazu. 1983 wurde das nun doch als Yes veröffentlichte „90125“ ein internationaler Erfolg, die Single „Owner Of A Lonely Heart“  eine Nummer eins in den USA. Mit Prog Rock der 70er hatte das nicht mehr viel zu tun. Unterkühlte Synthieklänge, Rabins kraftvolle Rockriffs und kürzeres Songformat in makelloser Produktion von Trevor Horn – Yes hatten die 80er für sich entdeckt. Der Erfolg verpuffte aber wieder.

Anderson gründete Anderson, Bruford, Wakeman, Howe, um „Evenings  of Yes music plus“ zu spielen. Ein Rechtsstreit mit den Rabin-Yes war unumgänglich. Zähneknirschend gingen 1991/92 acht Yes-Musiker auf weltweit erfolgreiche Union-Tour, eine Fusion beider konkurrierender Besetzungen. Als Mitte der 90er die Rabin-Yes auseinanderfielen, wanderte der in die Filmmusik ab.

Yes machten, auch was Qualität und Erfolg betraf,  in gewohnt erratischer Manier weiter. Nachdem in den 2000ern Anderson und Wakeman Yes scheinbar endgültig verlassen hatten, formierte sich 2010 der neue Ableger ARW (Anderson, Rabin, Wakeman), der 2016 erstmals auf Tour ging. Just in dem Moment, als Yes im vergangenen Jahr in die Rock and Roll Hall of Fame eingeführt wurden, erfolgte ganz offiziell der Namenswechsel zu Yes feat. ARW. Und weil es die anderen Yes mit relativer Gelassenheit nahmen, blicken dieses Jahr zweierlei Yes auf 50 bewegte Jahre zurück.

Kraftvoll und filigran

Für die Besucher in Mannheim machte es natürlich schon einen Unterschied, wer gerade auf der Bühne stand. Sicher, Anderson (73) traf dem Alter geschuldet nicht mehr alle Höhen, auch an Rabin (64) und Wakeman (69) ist die Zeit nicht völlig spurlos vorbeigegangen. Musiker von Weltformat sind die Drei aber allemal. Insbesondere Rabin, dem die schwierige Aufgabe zufiel, Howes Subtilitäten in sein oberflächlicheres, aber kraftvolleres Spiel umzusetzen, ließ die Elektrische heulen wie zu besten Zeiten, manchmal minutenlang. Ein echter Gitarrenheld. Beim 15-minütigen „Awaken“ oder den anderen filigranen Klassikern aus den 70ern half Anderson an der Akustischen oder der Harfe aus.

Wakeman gab mit Pailletten­umhang wie einst den Klangmagier inmitten seiner Keyboard-­Burg. Schade, dass kaum mit dem Publikum interagiert wurde, das förmlich auf ein zur Eskalation einladendes Angebot der Band wartete. Die absolvierten recht statisch zwei Stunden lang ein Programm, das Klassiker und Songs der Rabin-Ära wie „Changes“ aneinanderreihte und erst gen Schluss auch ältere Herrschaften von den Stühlen riss, als die drei Veteranen ein Medley aus „Owner“ und dem Cream-Cover „Sunshine Of Your Love“ in ein furioses Finale verwandelten.

Auf mehreren Kontinenten

Tourneen Yes feat. ARW sind derzeit in Europa auf ihrer „50th Anniversary Tour“ unterwegs. Das Konzert beim Zeltfestival Rhein-Neckar in Mannheim war allerdings das einzige in Deutschland. Nun folgen Auftritte in Skandinavien und England, bevor es in die USA geht. Dort ist jetzt schon die andere Yes-Besetzung auf Jubliäums-Tour unterwegs; sie hatte im März in Europa Konzerte gegeben, aber nicht in Deutschland.

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